Interview: Charlotte Brandi – Von Wünschen & Träumen

vor 10 Monaten

Ein Interview über die Sehnsüchte aus Kindheitstagen

Acht Jahre lang war Charlotte Brandi Teil des Indie-Duos Me and My Drummer. Jetzt geht die talentierte Musikerin eigene Wege und veröffentlicht ihr erstes Solo-Album „The Magician“. Im Interview erzählt sie, wie es zur Auflösung der Band kam und was sie während der Arbeit an ihrem Solo-Debüt bewegte. Über Sehnsüchte, Kindheitstage und ihr Urinstrument Klavier.

 

 

Fräulein: Nach jahrelanger musikalischer Arbeit im Duo hast du dich dazu beschlossen ein Soloalbum zu machen. Wie kam es dazu?

Charlotte Brandi: Ich glaube, ich habe mich aus Unsicherheit in einer Abhängigkeit wohlgefühlt. In den Zwanzigern ist das auch noch irgendwie entschuldbar, aber eigentlich steht mein Soloalbum an, seitdem ich zwölf bin. Es war also wirklich an der Zeit. Deshalb hat sich das Album auch fast wie von alleine geschrieben. Nach dem Ende von Me And My Drummer wares mir wichtig, keine Phase zu haben,in der ich nicht weiß, was ich als nächstes machen soll und in der Luft hänge. Ich wollte direkt nachlegen und mich zeigen wie ich wirklich bin.

 

Worum geht es in dem neuen Album?

Es ist der Versuch, zu erzählen wie ein Nullpunkt aussieht, an dem es Wünsche und Träume gibt. Wenn man sich an seine Pubertät zurückerinnert, dann ist das eine Zeit, die mit imanigären Vorstellungen von einer Zukunft aufgeladen ist. Ich fand es nur höflich, mich der Welt erstmal mit diesen Sehnsüchten vorzustellen, bevor ich mit der Tür ins Haus falle und Statements über die Welt abliefere. Daraus resultiert, dass ich in meine Kindheit zurückgehe, versuche zu verstehen, welche Wünsche ich damals hatte und was davon geblieben ist.

 

Was war für dich einfacher, zu zweit oder alleine zu arbeiten?

Es ist alleine viel einfacher für mich, weil ich mir mit Kompromissen sehr schwer tue. Ich bin mir musikalisch schon lange sehr sicher, wie ich arbeiten will. Ich bin sehr neugierig und anspruchsvoll, wenn es um Musik geht. Ich will nach der nächsten Herausforderung und Grenze suchen und diese übertreten. Das sind so spezifische und intime Vorgänge, dass es ein großer Zufall ist, wenn jemand deine Ansichten direkt teilt. Deswegen ist das Arbeiten im Team eigentlich immer ein Kompromiss, egal was man macht. Von diesem Kompromiss hatten, sowohl Matze (ehemaliger Bandkollege, Anm.d.Red) als auch ich, einfach die Schnauze voll. Er wollte etwas Eigenes machen und auch mir nicht mehr im Weg stehen. Es tut außerdem super gut, weil ich weiß, dass ich etwas ganz alleine auf die Beine gestellt habe.

 

Es wird gesagt, dass Me and My Drummer einer der besten Indie-Livebands war. Bald gehst du das erste Mal alleine auf Tour. Wovor hast du Angst und worauf freust du dich am meisten?

Ich freue mich am meisten auf meine Mitmusiker*innen. Sie sind unfassbar und werden auf der Tour musikalisch höchste Qualität liefern. In meinem Fall wünschte ich, dass die Leute wissen,was sie erwartet. Ich bin so stolz mit solchen Musiker*innen zusammen arbeiten zu können. Sie bringen zu diesem Album das gewisse Extra, damit es live nochmal richtig gut wird.

 

In einem Interview mit Alex-Berlin hast du gesagt, dass Machen die beste Medizin sei. Dein neues Album ist nach einem schweren Fußbruch entstanden. War die Arbeit daran wie ein Katalysator für alle anderen Dinge, die du durch die Verletzung nicht machen konntest?

Tatsächlich war es so. Ich finde dieses Zitat auch immer noch einen Spitzenspruch von Maeckes. Ich habe mit dem Fußbruch zwei Monate auf der Couch von meiner Mutter rumgelegen und wusste nicht wie mir geschieht. Wenn man sich nicht bewegen kann und wie ich eigentlich ein aktiver Mensch ist, dann versucht man sich trotzdem irgendwie auszudrücken. Dann schreiben sich Songs ganz von selbst. Ein bisschen so wie Frida Kahlo, die diesen furchtbaren Unfall hatte und dann ganz viel gemalt hat. Aber ich glaube auch, dass so etwas passiert, damit man innehält. Mein letzter Gedanke bevor ich diesen Fahrradunfall hatte, bei dem mein Fuß kaputtgegangen ist, war: „Ich darf nicht zu spät zur Probe mit Matze kommen“. Dieser Dauerstrom, die Abhängigkeit von einer anderen Person, die Verantwortung für diese Person, war für uns beide zu viel. Es musste zu so einem Knall kommen. Der Druck war riesig, die persönliche Ebene war viel zu eng und das hat dazu geführt, dass man unweigerlich denkt, dass man da raus muss.

 

Könntest du deine Geschichte hinter dem Song „My Days In The Cell“ erzählen?

Der Song ist in der Zeit entstanden als ich bei meiner Mutter auf der Couch in Dortmund lag und mich von meinem Fußbruch erholt habe. Dabei ist meine Kindheit wieder hochgekommen. Es war dieselbe Stadt, meine Eltern neben mir und irgendwie trägt man dadurch einen Schatten dieses Kindheitsgefühls mit sich. Es ist wie Bleiglocke über dem Kopf, die einen daran erinnert, dass man immer noch dieses Kind von früher ist. Meine Kindheit im Ruhrgebiet war geprägt von einem erstickenden Gefühl. Menschen im Ruhrgebiet haben prinzipiell immer Recht. Für sie gibt es die coolen Hamburger, die arroganten Berliner und die dummen Bayern. Dabei habe ich mich schon immer gefragt woher sie diese Meinung nehmen, weil die meisten das Ruhrgebiet nie verlassen haben. Dazu kommt auch noch eine ziemlich große Klappe, die für ein junges Mädchen ziemlich einschüchternd sein kann. Ich habe das Gefühl, es ist eine Gegend in der Sexismus, Rassismus oder Homophobie noch etwas ganz anderes ist, als in anderen Gegenden in Deutschland. Es ist integraler Bestandteil der Mentalität. Sexistische, homophobe oder rassistische Sprüche sind dort viel alltäglicher und werden gar nicht hinterfragt. Ich bin dort ja in den 90ern aufgewachsen, damals waren es ja noch lange nicht so politisch bewegte Zeiten wie jetzt. Meine Eltern haben beide Musik gemacht, das heißt alle Freunde waren ältere Musiker, die mir als junges Mädchen den Mut geraubt haben. Sie haben mich zwar als talentiert anerkannt, aber haben gleichzeitig gesagt, dass sie auch schon mal was Besseres gehört hätten oder dass ich als Kratzbürste da draußen Probleme haben würde. Also wirklich dumme und kurzsichtige Sprüche, über die ich heute lachen kann, aber die mich damals total gehemmt und verunsichert haben. „My Days In The Cell“ beschreibt dieses Gefühl von Sehnsucht etwas zu machen, aber nicht zu wissen wie man es richtig kanalisiert, weil man das Gefühl hat sobald man etwas Schönes machen will, wird einem die Hoffnung direkt wieder geraubt.

 

Wie hast du es denn damals trotzdem geschafft dich von den Meinungen anderer nicht unterkriegen zu lassen?

Ich entdecke immer mehr von meiner Großmutter in mir selbst. Ich war ihre erste Enkelin und hatte dadurch eine besondere Beziehung zu ihr. Sie war eine sehr taffe Frau, die es sehr schwer in ihrem Leben hatte. Es war eigentlich eine ewige Überforderung, aber sie war stark dabei und gleichzeitig nicht unsensibel. Ich denke immer öfter an sie und ich glaube, dass ich durch sie so viel Stärke in mir habe. Als pubertierendes Mädchen war es aber eher mein Vater, der mich daran erinnert hat, mir nichts gefallen zu lassen. Wenn ich an meine Familie denke, dann ist es jedoch diese starke und witzige Frau, von der ich etwas in mir wiedererkenne. Von ihr habe ich auch meine Trotzigkeit. Ich will als Mensch mit Persönlichkeit gesehen werden. Musik ist mir dabei das Wichtigste. Um ein Solodebüt zu machen, brauchte ich die weibliche Kraft, die ich von meiner Großmutter habe. Deswegen ist ihr auch das Album gewidmet.

 

Wo wir schon bei Rolemodels sind, wer hat dich musikalisch auf deinem Weg beeinflusst?

Als ich 12 war, war Alanis Morissette die Initialzündung. Bei „Jagged Little Pill“ war sie diese Frau in Schlabber T-Shirt und Lederhose, die auf der Bühne steht und überhaupt nicht auf Mäuschen macht. Die ihre Hände wie Joe Cocker bewegt und sich nicht dafür schämt. Direkt nach ihr kam Fiona Apple. Eine wütende Pianistin, die mit einem düsteren Timbre singt. Dabei ist sie schön und sauer zugleich. Eigentlich komme ich aber musikalisch aus der Folklore. Wir haben zu Hause ganz viel Weltmusik gehört; bulgarische Chöre oder afrikanische Gruppen, skandinavische oder irische Traditionals. Weltmusik ist nicht kommerziell für mich, sie ist wie ein Urlaub von Popmusik. Bei mir gab es diese romantische Vorstellung, dass Folklore aus so einer alten Zeit kommt, dass es nicht mit Geld verknüpft ist und so viel über die Mentalität oder einen Landstrich aussagt.

 

Wie macht sich das in deiner Musik bemerkbar?

Entweder ich nehme es mir richtig vor diese Einflüsse in meine Musik zu übernehmen oder es schleicht sich ein. Momentan schleichen sich ganz viele südamerikanische Einflüsse in meine Musik ein. Ich will unbedingt mexikanische Schlager aus den 50ern mal nachsingen. Auf dem Album findet man eine mehrseitige Ukulele, wie bei „My Days In The Cell“, was dem Ganzen einen fast ironischen, spanischen Touch verleiht.

 

Das Keyboard hast du durch ein klassisches Klavier ersetzt. Welchen Unterschied macht das in deiner Art Musik zu machen?

Das Klavier verzeiht dir einfach nichts. Ein Synthesizer ist eine Emotionsmaschine. Damit kannst du dir mannigfaltig Songs zusammenbauen, die alle ganz anders klingen. Es ist wie eine eigene Bibliothek von Klängen, die per se schon eine eigene Emotion kreieren. Beim Klavier hast du nur das Klavier und mehr nicht. Vielleicht passte es auch in das Prinzip etwas alleine zu machen, ohne einen Helfer und damit auch ein Instrument zu finden, welches dir nicht mehr so hilft. Man muss wirklich beweisen, dass man Klavier spielen kann. Ich fand es badass sich selbst so ein Limit zu setzen. Und dann auch noch auf so einem uncoolen Level, Piano-Pop war ja nie wirklich groß.

 

Du hast es also gewählt um dich selbst mehr herauszufordern?

Es hat auch mich gewählt. Ich habe immer Klavier gespielt. Diese Verbindung wird nie weggehen. Es ist dieses Urinstrument, das du als erstes lernst und dich nicht mehr loslässt. Ich habe jahrelang kein Klavier besessen, aber seitdem ich eins habe, fühle ich mich wieder komplett.

 

 

Beitrag: Nadja von Bossel
Bild: Management

Verwandte Artikel