Interview: Marina

vor 3 Monaten

Wir unterhielten uns mit der Künstlerin über ihr Comeback, Social Media und Inspiration.

Nachdem die vielfach Platin-ausgezeichnete Pop-Innovatorin MARINA vor Kurzem mit „LOVE“ den ersten Teil ihres neuen zweiteiligen Albums digital veröffentlichte, erschien nun das komplette Album-Set.

 

F: Du hast deinen Künstlernamen kürzlich gewechselt. Von Marina and the Diamonds zu Marina. War das für dich eine Art Emanzipation?

M: Als ich mich 2005 für einen Künstlernamen entschieden habe, habe ich nicht soviel darüber nachgedacht. Ich habe damals meinen Künstlernamen sogar dazu verwendet, um mir einen Alter Ego zu erschaffen, um mich von meiner Bühnenperson abzugrenzen. Irgendwann bekam ich das Gefühl, dass die Arbeit mich trotzdem auch auf eine persönliche Weise viel zu sehr einnimmt. In meiner Auszeit habe ich viel darüber nachgedacht warum ich nicht zurückkehren wollte und wenn es bedeutet hätte, dass ich mich persönlich verliere, dann wollte ich das nie wieder tun.
Eine Ablösung davon und das Weitermachen mit meinem „richtigen“ Namen erschien mir da eine gesunde Möglichkeit. Und nun fühle ich mich während Interviews und der Weise wie ich mich in der Öffentlichkeit präsentiere viel wohler. Ich möchte mich nicht mehr wie ein konstruierter Charakter fühlen. Denn ich denke, dass ist auch das was mit Social Media einhergeht: Menschen kreieren immer mehr Versionen ihrer selbst.

F: Hast du das Gefühl, dass sich in der Zeit deiner Abwesenheit Social Media verändert hat? Besonders für dich als Person des öffentlichen Lebens.

M: Ja, schon. Ich denke, dass Instagram mit der relativ neuen Funktion der „Stories“ dazu führt, dass Leute eine viel authentischere Seite von sich zeigen können. Es ist seltsam, denn manchmal kann Social Media sehr positiv sein, vor allem wenn es um politische Themen geht, kann es dazu führen, dass wirklich ein Fortschritt erzeugt werden kann.

F: Für politisches Engagement ist es hilfreich; das konnte man in den letzten Jahren zum Beispiel ja auch am arabischen Frühling und der Me-Too Debatte sehen.

M: Genau. Und trotzdem muss noch eine Menge verbessert werden bezüglich Social Media.

F: Vor nicht allzu langer Zeit war Internationaler Weltfrauentag. Was ist deiner Meinung nach der Fortschritt, den die Gesellschaft dahingehend schon geleistet hat?

M: Ich denke, es gab in letzter Zeit schon eine Menge Fortschritt und dennoch müssen Frauen das Gefühl vermittelt bekommen keine Angst mehr haben zu müssen. Daran müssen Männer mit beteiligt sein.

F: Woraus ziehst du als Frau deine Kraft? Und womit denkst du gibst du deinen weiblichen Fans Kraft?

M: Was mir Kraft gibt, ist zu sehen wie andere Frauen sich die Freiheit nehmen zu sein wie sie sind. Also, offen ihre Meinung zu sagen und eine Stimme zu haben. Ich denke, wenn man andere Menschen sieht, die sich frei bewegen, kann das dazu führen, dass man sich selbst auch viel freier verhält.

F: Welche Frauen inspirieren dich?

M: Madonna, Gwen Stefani, JP Harvey, Amanda Palmer. Das sind einfach Frauen, die auf eine alternative Weise ihr Ding gemacht haben und nicht auf die „normale“ Weise. Zu der Zeit wollte ich unbedingt in einer Girlband aufgenommen werden und diese Frauen haben wir ein Bild davon vermittelt wer ich eines Tages sein könnte.

F: Gibt es ein Thema, dass bei deinem neuen Album besonders im Fokus für dich steht?

M: Einige Themen sogar. Da wäre einmal das Thema Sinnhaftigkeit und das Gefühl, diese zu verlieren. Außerdem das Thema Einigkeit, welches besonders in unserer heutigen Gesellschaft ein sehr zentrales Thema ist, da wir uns momentan stark voneinander entfernen. Wie zum Beispiel bei dem „Muslim Ban“, wo einer kompletten Religion, dank Trump, die Einreise verboten wird. In so einer Welt leben wir leider momentan.

F: Hast du vor zukünftig sozial und politisch noch aktiver zu werden?

M: Geplant ist es nicht, aber vielleicht passiert es auf eine natürliche Weise.

F: Zurück zu deinem neuen Album: Wie würdest sagen hat sich dein Stil in den letzten drei Jahren deiner kreativen Pause verändert?

M: Mein Stil ist viel direkter. Der komplette Produktionsablauf ähnelt auch viel mehr dem eines typischen Popalbums. Sonst waren in meinen Songs viel mehr Melodien und Songs involviert, dieses Mal ist es jedoch geradliniger.

F: Und mit mehr elektronischen Einflüssen oder?

M: Ja, viel elektronischer. Keine realen Instrumente sind auf dem Album vorhanden. Ich habe das so nicht vorgeplant, aber manchmal muss man danach gehen wonach man sich im kreativen Prozess fühlt.

F: Noch einmal zum Albumnamen Love+Fear. Ist Liebe der Gegensatz zu Angst?

M: Bei meinen letzten zwei Alben wusste ich bis kurz vor Schluss die Titel meiner Alben nicht. Bei diesem war es so, dass ich währenddessen ein Buch über Liebe und Angst gelesen habe. Ich war sehr beeindruckt davon und der Idee, dass Liebe und Angst die zwei primärsten Gefühle sind von denen sich alle anderen Gefühle ableiten lassen. Und dann war es erstaunlicherweise auch sehr einfach alle Songs unter diesen zwei Emotionen aufzuteilen. Ich mag daran besonders, dass es so humanistisch und universell für alle Menschen ist, egal woher sie kommen oder wo sie leben.

F: Wenn wir schon bei Gefühlen und Psychologie sind. Du hast in deiner kreativen Pause viel mit Psychologie befasst. War das sowas wie dein Plan B?

M: Um ehrlich zu sein nein. Kurz bevor ich diesen Psychologiekurs anfing, habe ich sogar noch einen Schauspielkurs absolviert – bis ich dann merkte, dass ich wirklich nichts mehr mit Performance machen möchte. Danach habe ich diesen sechsmonatigen Psychologiekurs absolviert und es war das Beste, das ich zu dem Zeitpunkt hätte machen können.

F: Wie sehr beeinflusst uns, deiner Meinung nach, Psychologie im alltäglichen Leben?

M: Es kann auf jeden Fall dabei helfen menschliches Verhalten auf eine objektivere Weise zu betrachten. Sehr oft verstehen wir Dinge falsch oder beziehen sie viel zu stark auf uns selbst.

F: Am Ende hat es doch viel mehr mit der anderen Person zu tun, als mit einem selbst.

M: Ja genau, man kann viel besser nachvollziehen, wie die Motivation von Menschen ist und was sie antreibt. Ich bin außerdem immer sehr an anderen Menschen interessiert und lerne gerne neue Menschen kennen. Mensch sein ist anstrengend und gleichzeitig auch so faszinierend.

F: Warum hast du dich dazu entschlossen dich wieder der Musik zuzuwenden?

M: Ich hatte einfach das Bedürfnis wieder etwas zu kreieren. Etwas echtes und positives.

F: Auf ganz natürliche Weise.

M: Und weil ich realisiert habe, dass Schreiben etwas fundamental wichtiges für mich ist. Ich habe es schon immer gemacht, allein schon, um die Welt zu verstehen in der wir leben.

F: Liebe Marina, vielen Dank für das tolle Gespräch!

Interview: Rina Kasumaj
Bilder: Warner Music

Verwandte Artikel