Kolumne: Lara Stone ganz pur

vor 4 Jahren

Seit knapp einer Woche kursieren Juergen Tellers Fotos von Lara Stone durchs Web, auf denen das niederländische Topmodel ohne Retusche zu sehen ist. Bilder, die polarisieren.

Was ist denn hier los: Nicht nur dass Lara Stone sich für das französische Modemagazin System oben ohne zeigt, die Aufnahmen von Starfotograf Juergen Teller sind zudem komplett unretuschiert. Ein ungewohnter Anblick. Der Kopf sagt, wow, toll, endlich ein paar natürliche, ungefälschte Porträtaufnahmen eines Topmodels. Die Augen sagen aber auch, sieht ein bisschen seltsam aus, es gibt Rötungen, kleine Speckfalten, Muttermale, kantige Gesichtszüge, die auch unvorteilhafte Schatten werfen. Unsere Sehgewohnheit und auch unsere Erwartungshaltung bei Modefotografie ist durch die ganze Hochglanz-Mentalität, die lieben Photoshop-Filter und Retusche-Eingriffe mittlerweile auf idealisierte Körper und Gesichter trainiert. So sehr, dass wir echten Makel in Modezeitschriften nicht mehr sehen und mitunter auch nicht mehr sehen wollen. Da muss man wirklich kurz inne halten und sich klar machen, verdammt, unsere Vorstellung und unser gewohntes Sehen ist verzerrt. In ähnlicher Weise setzt sich das mit den gern verwendeten Instagram-Filtern oder Beauty-Apps wie „Perfect 365″ fort, die unsere Selfies ebenfalls ins bessere Licht rücken: Augenringe verschwinden, die Haut glättet sich oder man legt einfach digitalen Lippenstift auf.

Lara Stone_by Juergen Teller_System Magazin 001

Doch so ganz unretuschierte Bilder beäugt man mit etwas Skepsis, denn die Abweichung von der Gewohnheit macht einen unsicher. So etwas nennen Psychologen „Pattern interrupt“ – eine Störung gewohnter Muster. Mit der Fräulein Ausgabe Nr. 13 haben wir ein Cover gewagt, dass in diese Diskussion passt. Zu sehen ist die amerikanische Schauspielerin Gaby Hoffmann, analog fotografiert, ohne Make-Up, ohne Retusche. Eine pure Aufnahme, ein persönliches Porträt. Doch das Coverbild hat stark polarisiert. Die Resonanz war überraschend. Viele Leute, die normalerweise die verfälschten Hochglanz-Bilder beklagen, waren nicht mit den ungeschminkten Aufnahmen einverstanden, darunter viele Frauen. Es hieß, man hätte wenigstens die Rötungen auf Gaby Hoffmanns Wangen abdecken, ihre Augenbrauen zupfen können oder es hieß sogar, dass Cover sei zu lesbisch. Offensichtlich gibt es bei so viel Realität ein Problem. Bilder, die Schönheit jenseits der Mode-Norm zeigen, führen zu Irritation. Selbst und offensichtlich gerade dann, wenn sie Natürlichkeit zeigen. Ganz schön paradox.

Wir begrüßen mehr Vielfalt, mehr Natürlichkeit, was nicht heißen muss, dass man gar nicht mehr idealisieren und inszenieren darf. Das gehört genauso dazu. Trotzdem: ein bisschen Realität im perfekt zu recht retuschierten Modezirkus ist okay. Und mal ehrlich sieht Lara Stone nicht unglaublich sexy aus?

Gaby Hoffmann_by Tony Cox_Fräulein Magazin

Beitrag: Robert Grunenberg

Starbild: links Lara Stony by Juergen Teller; rechts: Lara Stone by Steven Meisel

Bild 2: Lara Stony by Juergen Teller

Bild 3: Gaby Hoffmann by Tony Cox

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