Kolumne: Von kleinen und großen Sorgen

vor 5 Jahren

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Manche sträuben sich dagegen, manche sind noch dabei, manche glauben es zu sein, manche denken nicht mal dran. Das Erwachsenwerden. 

Ich erinnere mich nur zu gerne an Momente aus meiner Kindheit. An meine verrückten Einfälle (ich hatte mir damals tatsächlich für einen Tag Schnecken als Haustiere halten können, ehe sie am nächsten Morgen plötzlich weg waren – meine Eltern!). Meine Sorgen drehten sich ums Essen, Schlafen, Spielen. Ich erinnere mich nur zu gut an die erwachsenen Worte: „Du wirst diese Zeiten sehr vermissen, wenn du groß bist“. Jetzt weiß ich warum.

Der Briefkasten quillt über, Rechnungen, Post von der Bank, einmal im Monat eine Postkarte von einer Freundin – ein Lichtblick: „Ich genieße jede freie Minute mit Nichtstun. Viele sonnige Grüße von den Philippinen“ Das kommt mir gerade allerdings nicht in den Sinn. Der Wecker klingelt, duschen, arbeiten, essen, schlafen und dann? Das Ganze von vorne. Während in der Kindheit eine Stunde sich wie eine Woche anfühlte, schaue ich mittlerweile auf die Uhr und der Tag ist rum. Aber auch die Zeit als Kind war nicht nur unbeschwert. Man war eifersüchtig auf die Spielsachen der anderen, durfte nicht essen was man mochte, Cola war verboten. Wenigstens beim Anziehen hatte ich meine Eltern dazu gebracht, dass ich relativ früh entscheiden durfte, was ich trage. Das sah natürlich auch dementsprechend aus.

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Als Erwachsener – oder sagen wir: als jemand, der dabei ist, Verantwortung für sein Leben zu übernehmen – drehen sich meine Sorgen als Journalistin unter anderem darum, dass ich zweimal im Minutentakt checke, ob mein Word-Dokument zwischengespeichert ist. Mittlerweile habe ich gelernt, dass man die Etiketten in der Kleidung nicht herausschneiden sollte – auch wenn sie kratzen – aber so werde ich nun mal auf „Nur Handwäsche“ aufmerksam gemacht. Aus Fehlern lernt man. Und dann meine ewige Hassliebe zu diesem schmalen, viereckigen Ding. Mein Handy. Klingelt es, nervt es mich. Ist es still, werde ich nervös, dass etwas nicht stimmt. Je entwickelter die Technologie wird, umso mehr Zeit nimmt sie uns weg. Und ein Stück unserer Freiheit. Das bestbewertete In-Lokal in New York ist dank Google Maps problemlos gefunden. Schon mal darüber nachgedacht, wie es ohne Handy wäre? Diese Frage stelle ich mir fast jeden Tag. Zugegeben, es liegt in unserer Hand, ob und wie wir die technologischen Vorteile nutzen. Aber es ist ein Schwimmen gegen den Strom, wenn man heute noch nach einem Stadtplan fragt. Willst du wissen, was draußen in der großen weiten Welt – Stichwort World Wide Web – abgeht, kannst du dich nicht komplett isolieren. Zwei Jahre Facebook-Abstinenz waren genug für mich.

Auto, Zeit, Stress. Ich fahre zum nächsten Meeting und bin leider zu spät. In den Momenten, wo ich dreimal auf meine Armbanduhr schaue und immer noch nicht weiß, wie viel Uhr es ist, frage ich mich, wo meine Gedanken sind. Aktuell nicht da wo sie sein sollten. Eher beim gestrigen Barbesuch mit meinen Freundinnen. Er in seinem dunkelblauen Anzug steht plötzlich an unserem Tisch und quatscht meine Freundin an. Ich lausche mit: „Ich bin Investmentbanker und unter der Woche nur unterwegs. An den Wochenenden möchte ich meinen Kopf frei kriegen, freue mich jedes Mal auf meinen kalten Gin Tonic.“ Super – denke ich mir. Ich möchte mich mein Leben lang doch nicht nur auf einen Gin Tonic am Freitag Abend freuen. Kann das alles sein?

Ich überfahre fast den Fahrradfahrer vor mir. Der weiß jedoch nichts von seinem Glück, die grünen Headphones schützen seine Ohren vor Außenlärm. Er ist in seiner Welt, seine Lippen bewegen sich zu irgendeinem Lied – ich kann es nur erahnen – und die Straße? Sie gehört natürlich ihm. Sitze ich im Auto ärgere ich mich über die Fahrradfahrer, bin ich selber auf dem Sattel geht es anders herum. Verrückt.

Eigentlich paradox, dass man genau das über Kinder sagt (man denke an meine schleimigen Haustierchen aus dem Wald). Wenn ich das heute machen würde, würden mir meine Freunde den Vogel zeigen: „Ist alles okay bei dir?“. Meiner Meinung nach sind wir Erwachsenen verrückt. Verantwortung tragen, Funktionieren, Geld verdienen, Entscheidungen treffen, die alles verändern können. Sinnfragen, Identitätskrisen, Konkurrenzdenken, Machtspielchen, Rassismus, Kriege. So negativ möchte ich gar nicht denken und ich vertröste mich mit den schönen Seiten des Erwachsenseins. Letztendlich ist es auch ein gutes Gefühl, frei entscheiden zu können, was man wie und wo tut. Wo man hinzieht, was man studiert, wo man arbeitet, welche Möbel man sich mit seinem Geld kauft, welche Stadt man als nächstes entdeckt. Das Geheimnis ist wahrscheinlich nur, nie zu vergessen, im Herzen ein wenig Kind zu bleiben.

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Text: Revan Baysal
Fotos: Mareike Seifried

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