Leo Luchini und die therapeutische Macht von Musik

vor 3 Wochen

Auf Leo Luchini trifft man inzwischen häufiger im Netz: seine Hip-Hop-Tracks und ihre entsprechenden Visuals sind exzentrisch und von einer enigmatischen Ironie markiert. Seine neueste EP Tears Behind My Shades gibt intendiert mehr Einblick in seine Denkweisen, die er im Interview mit Fräulein breiter ausfächert: von seinem Leben zwischen London und Berlin, über Musik als Therapie, bis hin zu einer Trolling-Anekdote.

Vor zwei Monaten veröffentlichte Leo Luchini seine zweite EP Tears Behind My Shades, auf der er seine bisher regierende, schillernde Persona nicht nur durchlässiger gestaltet, sondern sich offen mit Themen wie Paranoia und Depression auseinandersetzt. Für Fräulein nahm sich der aus Berlin stammende Rapper Zeit, um die Hintergrundgeschichten seiner beiden Records nachzuzeichnen und seine Hoffnung in die Macht von Musik zu erklären.

 

Was hat deine Liebe zur Musik und schließlich zum autodidaktischen Produzieren entzündet? 

Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich schon früh einem so enzyklopädischen Spektrum an Musik ausgesetzt war. Vor allem, weil ich international aufgewachsen bin, und Musik und Kunstgeschichte studiert habe. Ich habe schon immer Musik gemacht und werde auch immer Musik machen. Inspiriert bin ich vor allem von Künstler*innen, deren kreativer Output über die Grenzen von Musik hinausgeht. Die auch Satire und Humor in ihrer Arbeit ausdrücken. Einpaar, die mir gerade einfallen, wären Frank Zappa, Millie Jackson, Death Grips, John Zorn, Laurie Anderson und John Lurie. Zum Rap geführt haben mich u.a. Biggie, Das Racist, Tame One und Earl Sweatshirt, weil sie außerdem Rauheit und Komödie in ihrer Musik vereinen.

 

Du kommst aus Berlin, aber bist vor einer Weile nach London gezogen. Was hat dich dazu bewegt und was für einen kreativen Reiz üben beide Metropole auf dich aus? Ziehst du noch andere Stationen in Erwägung?

Ursprünglich bin ich nach London gezogen, um zu studieren, weil die Musikszene dort mehr Berührungspunkte mit internationaler Musik besitzt – vor allem mit amerikanischer Musik wie Rap. Ich denke aber trotzdem, dass Berlin es mehr „beisammen hat“, wenn es um das Kreieren einer freien und hedonistischen Club-Umgebung geht, um letztendlich der Musik und auch der Musikerfahrung gerecht zu werden. Ich liebe es, zurück in der Club-Hauptstadt zu sein, trotz ihres geringeren Verständnisses für die Geschichte von Rap-Kultur. Ich bin mir sicher, dass der Umzug meinen Sound signifikant verändern wird und gespannt darauf, was dieser Mix aus Kulturen aus mir und meinem nächsten Projekt herausholen wird. New York wäre auch ein Ziel in der nahen Zukunft.

 

In London kam deine Debüt-EP Bubblegum Creep zustande. Was für ein Konzept und Ziel hast du verfolgt?

Meine erste EP entstand tatsächlich aus einer Künstlerresidenz in einer Galerie in Peckham. In Peckham fing damals ein starker Gentrifizierungsprozess an, was mich letztendlich weggetrieben hat und ich auf meine eigene Art und Weise adressieren wollte. Aufgrund der Grime-Geschichte des Viertels wollte ich ein Pop-Up Musikstudio für die ortsansässige Community eröffnen und viel Rap-Musik mit vielen Leuten machen. Auf einem der Tracks, „Southside“, ist zum Beispiel ein nigerianischer, 16-jähriger Rapper aus der lokalen Szene namens Duze zu hören. Das Instrumental, das ich ihm vor Ort produziert habe, hat er unfassbar gemeistert. Das Projekt hat viele Menschen ohne Stimme bestärkt und wahrscheinlich genauso viele Andere angepisst. Aber als sich die Möglichkeit für mich eröffnete, wusste ich, dass es notwendig war.

 

Dein Track „iCHiBAN“ stellt vielseitige Referenzen von Punk bis Trap aus. Im Musikvideo kommen noch mehr Eindrücke von japanischer Karaokekultur bis Postapokalypse zum Tragen. Kannst du uns mehr über den Entstehungsprozess erzählen? Wer oder was diente dir als visuelle/disziplinübergreifende Inspiration?

„iCHiBAN“ war mein erster Track nach Bubblegum Creep. Ich wollte mit etwas vollkommen Anderem zurückkehren und bin gerade von einem Auftritt in Japan nach Hause gekommen. Ursprünglich war ich auf der Hochzeit von Freunden, aber dann folgte noch ein zweiter Gig. Alle dachten, dass ich ein krasser Künstler sein musste, weil ich in Japan aufgetreten bin, weswegen ich die Gelegenheit zum Trollen einfach ausgenutzt habe – zurück in Großbritannien glaubten alle, dass ich dort Riesenerfolge genieße. „Ichiban“ bedeutet „Nummer 1“ auf japanisch, und auf einer Party haben einpaar Kumpel aus Tokyo zusammen mit mir das Konzept für den Track entwickelt. Während des Shoots habe ich einpaar weitere, inzwischen sehr gute Freunde in London kennengelernt, die auf Anime und Mode aus Japan stehen, und auch im Video mit mir zu sehen sind (Shoutout RAY.XX und Soleaux!). Es war auch der erste Track, indem ich meine Leidenschaft für Hardcore Rock – Punk, Metal, usw. – in meinen Hip Hop Sound habe einfließen lassen. Ich bin so froh darüber, dass die Szene in Florida diese Art von Musik gerade groß macht – mein nächstes Projekt wird diese Mischung von beiden Richtungen auf jeden Fall vertiefen.

 

Inwiefern erfindest du dich neu auf deiner Tears Behind My Shades EP?

Auf Tears Behind My Shades habe ich mich dazu entschieden, weniger mysteriös als auf Bubblegum Creep zu sein. Ich denke, dass ich inzwischen mehr Menschen aufmerksam gemacht habe, und die nun wissen wollen, was hinter all den Witzen und der Provokation steckt. In meinem Privatleben habe ich in der Zwischenzeit viele emotionale Turbulenzen durchlebt, was ich darauf zurückführe, dass ich meinen raueren und unbeständigeren Seiten nun mehr Raum gebe. Deswegen kreuzt das Projekt auch viel mehr Genres und führt meinen moody signature sound noch weiter aus. Zuerst hatte ich die EP und ihren Titel mehr als Tränen der Freude und nicht Tränen der Traurigkeit konzeptualisiert, aber es wird immer schwerer, beides auseinanderzuhalten – vor allem, wenn sie hinter einer modischen Brille versteckt werden.

 

Du setzt dich auf den Tracks auch mit Paranoia, Narzissmus und Depression auseinander, während die Erlöse deiner Launch-Party an die CALM-Charity gingen, die sich für die Prävention von von Männern begangenen Suiziden in Großbritannien einsetzt. Was für ein Ziel verfolgst du mit deiner Musik und welche Maßnahmen ergreifst du dafür bzw. willst du in Zukunft dafür ergreifen?

Ich habe angefangen, mich wohler damit zu fühlen, meine Kämpfe mit Angst, Wut und Depression zuzugeben und auch mit Anderen zu teilen. Es mangelt vielen offensichtlich an Verständnis darüber, wie man damit umgehen sollte. Seit ich denken kann, mache ich Musik als meine eigene, persönliche Form von Therapie – ich brauche das, um bei Sinnen zu bleiben, um Sicherheit zu haben. Wohltätigkeitsarbeit liegt mir sehr am Herzen, weil es ebenso eine Art von Therapie darstellt, Anderen in Not zu helfen und so gemeinschaftlich zu handeln, wie man nur kann. Ich werde immer zurückgeben, wenn ich die Kapazität dafür habe. Allerdings erwähne ich selten, wofür ich mich genau engagiere, weil ich denke, dass viele Menschen solche Dinge mehr als Vermarktungsstrategie nutzen und weniger aus Gutherzigkeit tun. Ich hoffe aber, dass öffentliche Wohltätigkeitsarbeit andere dazu bewegt, mitzuhelfen und zu spenden. Nicht zuletzt sehe ich in meiner Musik und den emotionalen Turbulenzen, die ich darin immer mehr verarbeite, eine potenzielle Quelle des Trostes, Zusammenhalts und Durchhaltevermögens für Andere.

 

Was ist dir vor allem wichtig an Musik und anderen Kunstformen? Was beeindruckt dich und sollte mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhalten?

Ich denke, dass kulturelle Trends immer weiter durch die wandelnden Strukturen rotieren, durch die Kunst und Musik organisiert sind. Schwer zu sagen, welche Art von Kunst nur persönlich oder willkürlich ist, und wieviel davon sorgfältig mit diesen Rotationen synchronisiert wurde. Das Beeindruckendste ist aber, wenn Künstler*innen etwas von sich geben, von dem du sofort das Gefühl hast, dass nur sie es sagen konnten. Aufgrund all der Faktoren, die im Spiel sind. Es ist beeindruckend, dass sie auf ihren Zug gewartet haben, geduldig der Welt und sich selbst zugehört haben, und dann diesen Sweetspot – den besten Moment – finden, um sich endlich auszusprechen.

 

 

Interview: Dieu Linh Nguyen Xuan
Bild: Agatha Powa

Verwandte Artikel