London Punk by Derek Ridgers

vor 6 Jahren

In den 70er und 80er Jahren dokumentierte der britische Fotograf Derek Ridgers die Sinkhead- und Punkszene Londons.

 

Erregt vom neuen Lebensgefühl am Piccadilly Circus, in Covent Garden und auf zahlreichen Konzerten, tauchte er mit seiner Kamera ab in die neue, aufregende Jugendkultur.Der Bildband London Punk 1977 versammelt nun über 130 Arbeiten aus einem der wichtigsten Jahre dieser Zeit. Sie beschwören den Aufbruchsgeist der 70’er Jahre, als der englische Punk durch Bands wie The Clash, The Sex Pistols und The Slits und Designer wie Vivienne Westwood nicht nur das Establishment verschreckte, sondern einen völlig neuen und radikalen Lebens- und Modestil etablierte, der noch bis heute nachwirkt. Ein Gespräch mit Derek Ridgers über neue Technologien, die Sehnsucht der heutigen Generation nach einer vergangenen Subkultur und die Bedeutung des Punk im neuen Millenium.

NUMÉRO HOMME Berlin: Herr Ridergs, erinnern Sie sich, wie Sie zum ersten Mal mit der Londoner Punk-Szene in Berührung gekommen sind?
Derek Ridgers: Sicher. Ich war damals um die 20 Jahre alt und liebte es auf Konzerte zu gehen. Es gab viele Venues, die nur eine halbe Stunde entfernt von meinem Wohnort lagen. Meine erste Punk-Band habe ich im Herbst 1976 gesehen. Das waren The Vibrators im Kingston College.

Wie kamen Sie darauf, die Menschen auf Konzerte und in Clubs zu fotografieren?
Als Punk anfing war ich nur ein Musikfan mit einer geliehenen Kamera. Tagsüber arbeitete ich als Art Director in einer Werbeagentur. Ich sprang in den Fotograben und fotografierte Bands. Ich tat so, als sei ich ein richtiger Fotograf. In dieser Zeit gab es kaum Security. Als sich Punk etablierte, wurden die Fans schließlich fotogener als die eigentlichen Bands. Also schwang ich meine Kamera ins Publikum und fing an die Leute zu fotografieren.

Haben se ein Lieblingsfoto in ihrem Fotobuch „Punk London 1977“, ein Bild, das einen ganz besonderen Moment zeigt?
Es gibt in der Tat ein Lieblingsbild in dem Buch. Das Foto stammt aus dem Jahr 1978. Es zeigt ein junges 14-Jähriges Punk-Mädchen in der Wardour Street. Ein besonderer Moment ereignete sich dann 38 Jahre später. Ich hatte damals nur zwei Bilder von ihr gemacht und wusste nicht wie sie hieß. Die Photographers Gallery wollte das Bild für den Flyer verwenden. Also dachte ich, ich könnte in einer der Facebook-Punk-Gruppen fragen, ob jemand ihren Namen kennt. Und tatsächlich, eine Person wusste wie sie hieß. Ihr Name ist Beth Cinamon. Wir trafen uns auf einer der Photographers Gallery Schauen und stellten uns dort erneut einander vor. Ich muss zugeben, dass ich sehr erstaunt war, denn sie sah keineswegs 38 Jahre älter aus. Sie war kein Punk mehr, aber davon abgesehen war sie klug, sehr freundlich und hübsch. Es schien so, als würde meine Fotografie zum Leben erweckt werden. Wir haben uns sehr gut verstanden und fanden heraus, dass wir viele gemeinsame Interessen haben. Ich fand sie und die ganze Situation sehr inspirierend. Die Aufnahme wurde eine Dokumentation einer realen, lebenden und atmenden Person. Das Bild war nicht mehr nur eine Aufnahme aus der Vergangenheit.

Was sind Ihre Lieblingsbands aus den 70ern? Gibt es Künstler, die Sie persönlich besonders inspiriert haben?
Die Rolling Stones sind nach wie vor meine All Time-Favorite Band, auch wenn sie seit 72/73 aufgehört haben etwas wirklich interessantes zu machen. Generell haben die meisten meiner Lieblingskünstler ihre beste Arbeit in den 60ern veröffentlicht. Zu meinen Lieblingsmusikern der späten 70er Jahre gehören aber Joni Mitchell und Neil Young. Ich fand es toll viele der Punk-Bands live zu sehen, aber nicht alle von ihnen haben auch tolle Alben gemacht. Ausgenommen von The Clash und The Sex Pistols höre ich aber kaum noch etwas aus diesen Tagen.

Ich habe mit vielen jungen Künstlern und Bands gesprochen, die sich zu der Subkultur und Musik von damals hingezogen fühlen. Warum denken Sie, verspürt die junge Generation eine solche Sehnsucht nach Punk?
Ein Grund mag sein, dass die Zeit damals sehr viel aufregender gewesen zu sein scheint. Das kann täuschen. In meinen Aufnahmen aus dieser Zeit wirkt jeder wie ein schillernder Charakter. Aber ich habe ja auch nur fotografiert, was ich spannend fand. Meine Bilder sind kein objektives Dokument. Von den wirklich coolen Kids gab es immer nur ein paar Hundert.

Können Sie sich noch daran erinnern, was die erste Kamera war, die Sie sich gekauft haben?
Das kann ich sehr gut. Es war eine Secondhand Nikkormat.

Die Aura Ihrer Bilder hat auch mit ihrem analogen Look zu tun. Glauben sie, dass die digitale Entwicklung der Fotografie an sich geschadet hat?
Ich betrachte Digitalität ist nicht per se als Feind der Fotografie. Sie hat einem großen Teil der Bevölkerung Zugang zur Fotografie ermöglicht, so dass mehr denn je dokumentiert wird. Gleichzeitig wird durch die Flut an Bildern auch die analoge Fotografie auf Film aufgewertet, denn es gibt heute immer mehr Menschen, die sich für traditionelle Fotografie- und Entwicklungsverfahren interessieren. Was das digitale Zeitalter, und damit verbunden der leichte Zugang zur Fotografie, sicherlich mit sich bringt, ist die Illusion, jeder könne als professioneller Fotografen arbeiten. Es ist aber sehr viel schwerer geworden mit Fotografie Geld zu verdienen. Das hat auch mit dem Verlust von Aura zu tun. Damals dachten viele Fotografen, sie seien Halbgötter, das ist lange vorbei.

Woran mag es liegen, dass die Sehnsucht nach analoger Fotografie immer größer wird?
Ich kann dazu nur sagen, dass es bei der Fotografie um Kreativität gehen sollte, um Ideen und darum, Geschichten zu erzählen. Wenn alles was Sie aussagen ist, dass Ihre Bilder wie vor 100 Jahren aussehen, dann reicht mir das nicht.

Was bedeutet Punk heute? Würden Sie sagen, dass Punk heute auch noch existiert?
Punk existiert sicherlich noch und er wächst auf der ganzen Welt. Es ist aber nicht der Punk von 1977. Heute geht es den meisten Leuten um Fashion: Irokesenschnitt, Sicherheitsnadeln, Ketten und bemalte Lederjacken. Auch die Musik hat sich seit den späten 70er Jahren nicht wirklich weiter entwickelt. Aber man muss das halt akzeptieren. Punk gehört nicht länger den 70ern, oder den Leuten, die denken ihn erfunden zu haben. Punk gehört jetzt der Welt und er kann sein, was auch immer die Punks möchten. Einige der jungen Punks in Japan, China oder East LA haben wahrscheinlich noch nie von den Sex Pistols gehört. Na und? Als ich so alt war wie sie, hatte ich noch nie von Al Bowlly gehört.

Bilder: Derek Ridgers
Beitrag: Alina Amato
London Punk 1977 ist im Carpet Bombing Culture Verlag erschienen.

 

Musik

Verwandte Artikel