Nachhaltiger Konsum: „Ich bin das personifizierte schlechte Gewissen meines Freundeskreises“

vor 2 Monaten

Designerin, Autorin, Unternehmerin und Professorin. Magdalena Schaffrin ist eine absolute Macherin.

Im Interview erzählt sie von ihrer Liebe zur Mode, was sie an Nachhaltigkeit so fasziniert und was es mit ihrem neuesten Projekt „202030 – The Berlin Fashion Summit“ auf sich hat.

Credit: Joachim Baldauf

Was fasziniert Sie am Thema nachhaltige Mode?
Im Grunde begann es bereits in meiner Kindheit. Ich bin mit friedensbewegten Eltern aufgewachsen und Dinge wie „Anti-Atomkraft-Demo“ und Menschenketten wurden bei uns täglich am Esstisch besprochen. Mein Vater war Professor für Erneuerbare Energien, der Umgang mit Ressourcen und die Suche nach Alternativen war also ein allgegenwärtiges Thema, das mich unweigerlich geprägt hat. Letztendlich gab jedoch mein Interesse an Mode den Anstoß, Modedesign zu studieren.
Während des Studiums ging es weniger um Nachhaltigkeit und dafür mehr um Ästhetik und die blanke Freude an der Mode und dem Konsum, eben an allem, was dazugehört und jeder kennt. Erst gegen Ende des Studiums, als es um mein Diplom ging, beschäftigte ich mich wieder intensiv mit der Verantwortung, die man als Designer:in trägt.
Damals gab es allerdings nur wenige Firmen, die sowohl einen modischen Anspruch hatten als auch nachhaltig produzierten. Es gab ein paar wenige Pioniere wie „Hessnatur“, die mich jedoch als Designerin nicht so forderten, wie ich es mir vorstellte. Ästhetisch wollte ich ganz woanders hin. Also gründete ich mein eigenes Label.

Fehlt Ihnen Ästhetik noch immer auf dem nachhaltigen Modemarkt?
Jein. (lacht) Ich denke, man muss zwischen Mode und Bekleidung unterscheiden. Es gibt vor allem in Deutschland viel Bekleidung, die eher weniger mit Mode und künstlerischer Ästhetik zu tun hat. Die nachhaltige Mode bewegt sich auf dem Bekleidungsmarkt und hatten leider häufig wenig modischen Anspruch. Erst in den letzten zehn bis fünfzehn Jahren bewegten sich die ersten Labels verstärkt in Richtung Mode; man kann sich inzwischen sowohl modisch als auch nachhaltig kleiden, wenn man sich ein wenig damit auseinandersetzt.

Sie sind Co-Gründerin der Neonyt, die mittlerweile zu den größten Messen für nachhaltige Mode weltweit zählt. Erzählen Sie mir, wie es dazu kam.
Ich gründete 2007 mein eigenes Label und lernte Jana Keller kennen, die ebenfalls ein Label für nachhaltige Taschen führte. Gemeinsam haben wir den Green Showroom ins Leben gerufen. Zum einen, um eine adäquate Plattform für unsere eigenen Labels zu gründen, zum anderen waren wir uns sicher, dass wir nicht die Einzigen nachhaltigen Labels sein konnten, und wir hatten recht! Das Ganze sollte also dazu dienen, unsere geteilten Werte zu vertreten. Damals gab es zweierlei Modemessen: Die konventionellen und die Öko-Messen. Wir waren auf beiden vertreten, fühlten uns aber auf keiner richtig wohl, oder richtig platziert und erstellten deshalb unser eigenes Konzept, welches wir 2011 an die Messe Frankfurt verkauft haben. Damit lagen wir sehr richtig, waren jedoch auch sehr früh dran! Bereits zu Gründungszeiten, 2009 während der Finanzkrise, ging ich davon aus, dass sich einiges in Richtung Nachhaltigkeit bewegen würde, doch das stimmte nicht. Der Umschwung kam erst vor ein paar Jahren, beinahe zehn Jahre später. 

Wie sieht ein nachhaltiges Leben für Sie aus? Wie leben Sie?
Ich habe lange vegetarisch gelebt und – entgegen des Trends – vor einigen Jahren wieder begonnen Fleisch zu essen. An vielen Tagen ernähre ich mich auch vegan, bin da also mittlerweile sehr flexibel. Ich denke, dass es wichtig ist, sich klarzumachen, dass niemand perfekt ist. Was mir in meinem Leben sehr wichtig ist, ist eine gewisse Qualität. Genauso wie ich große Freude für Ästhetik in der Mode verspüre, so erfreue ich mich auch unglaublich an Kunst oder gutem Essen. Qualität kann aber auch ein Familienspaziergang im Wald sein. 

Nachhaltigkeit bedeutet für Sie also auch, sich Zeit für sich selbst zu nehmen?
Der Egoismus an diesem Diskurs stört mich. „Zeit für mich“ halte ich für wenig gesellschaftsfreundlich. Zeit mit und für andere hat ebenfalls eine hohe Qualität. Dafür muss man auch keine Angebote konsumieren. Man muss nicht ins Wellnesscenter gehen, um sich zu entspannen. Vielleicht reicht es auch, mal wieder seine Freundin anzurufen und mit ihr einen Abend zu quatschen. Ich denke, die Achtsamkeitsbewegung ist in vielen Teilen sehr selbstzentriert und das finde ich nicht gesellschaftsförderlich, denn gerade beim Thema Nachhaltigkeit geht es um das Zusammensein und die Gestaltung eines Miteinanders. Wobei ein gutes „mit sich selbst“ die Voraussetzung für ein gutes „Miteinander“ ist. 

Worauf können Sie nicht verzichten, obwohl es nicht nachhaltig ist?
Am Wochenende mit dem Auto aufs Land zu fahren. 

Ist nachhaltige Mode für Sie noch mit Verzicht verbunden?
Ich bin in einer privilegierten Position, da ich mich dank meiner Arbeit mit meinen Themen und Projekten mittlerweile sehr gut in der nachhaltigen Modelandschaft auskenne. Für Außenstehende mit einem anderen Beruf und in einer anderen Lebenssituation ist das jedoch viel schwieriger – da ist nachhaltiger Konsum sicherlich noch häufig mit Verzicht verbunden.

Bald steht ihr nächstes Projekt an: „202030 – The Berlin Fashion Summit“.  Was genau ist das und wie kam es zustande?
Das Summit ist eine internationale Konferenz, die wir in Kooperation mit Sqetch und dem Beneficial Design Institute ins Leben gerufen haben. Das Summit bringt Vordenker:innen zusammen und diskutiert relevante Themen schon in frühem Stadium. Wir möchten die Wirtschaft drastisch umgestalten. Es muss nicht mehr nur darum gehen, unseren negativen Einfluss zu verringern, sondern einen positiven auszuüben. Wie können wir zum Beispiel Produkte produzieren, die CO2 positiv sind, und dieses filtern und aufnehmen, anstatt es auszustoßen? Das Fashion Summit bietet Projekten und Unternehmer:innen eine Bühne, die sich mit solchen Zukunftsgedanken beschäftigen.

Wer kann alles (wie) teilnehmen?
Jede:r darf gerne teilnehmen. Das geht sowohl kostenlos per Stream, um auch international während der Pandemie – die neben dem Krieg leider noch immer Realität ist – unsere Gäste erreichen zu können, als auch in begrenzter Anzahl vor Ort in Berlin. 

Was denken Sie könnte jede:r von uns tun, um unseren Alltag nachhaltiger zu gestalten?
Ich bin ein bisschen das personifizierte schlechte Gewissen meines gesamten Freundeskreises, und die Rolle mag ich nicht besonders gerne. Das wichtigste ist es sich bewusst zu machen, warum man eigentlich konsumiert. Jeder Mensch hat einen Einfluss und man kann immer und überall damit anfangen, sich zu hinterfragen. Das betrifft verschiedene Kaufstadien: Man kann es sich schon beim Surfen im Internet überlegen, oder bevor man den Kauf tatsächlich tätigt und vor allem, wenn die Produkte bei uns ankommen. Zu bestellen und zurückzusenden ist natürlich auch nicht besonders nachhaltig, doch das halte ich für sinnvoller, als Klamotten zu behalten, die man nur einmal trägt. 

Das Beste an Ihrem Job?
Meinen Einfluss auf das (Um-)denken bei anderen Menschen. Erst wenn man anders anfängt zu denken, kann man anders handeln. Man ist also immer auf einer persönlichen und irgendwie auch psychologischen Ebene unterwegs und je größer mein Einfluss ist, desto zufriedener bin ich. 

Ihr liebster Tipp, um guten Gewissens zu konsumieren?
Sich die Freude an guter Qualität zu erlauben.

Alle Informationen zu „202030 – The Berlin Fashion Summit“ HIER

Interview: Greta Marie Jacobsen

Credit: Florian Müller Pr

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