Netzwerkkarte: Frauen in der Mafia

vor 4 Jahren

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Es gab entgegen der landläufigen Meinung immer Frauen, die eine zentrale Rolle in der italienischen Mafia gespielt haben. Und es gibt sie noch. Es sind selbstbewusste Frauen, oftmals charismatisch, risikofreudige Persönlichkeiten mit einer ordentlichen Portion Aggressivität und Gewaltbereitschaft.

Zum einen schaffen es Frauen genau wegen dieser Persönlichkeitsstruktur in die obersten Positionen der Mafia. Zum anderen gibt es immer wieder Personalnot bei den Mafiamännern, die den Aufstieg der Frauen erst möglich macht. So halten oft Witwen von Gangsterbossen oder Ehefrauen, deren Männer im Gefängnis sitzen oder auf der Flucht sind, die Zügel in der Hand. Sitzt ein Boss im Kittchen, geben Mütter, Töchter, Schwestern und Schwägerinnen die Befehle des Clanbosses weiter oder steigen sogar selbst zum Leittier auf. Die italienische Mafia ist heute eine merkwürdige Mischung aus Tradition und Moderne, aus verkrusteten alten Strukturen, archaisch und primitiv vollzogenen Operationen und modernem wirtschaftsgetriebenen Handeln. Trotz oder grade wegen dieser Struktur widersteht die Mafia allen Bestrebungen, sie endgültig zu besiegen. Währenddessen bedeutet für die Frauen in der Mafia die Anpassung an Emanzipation, Öffentlichkeit oder Kapitalismus unterm Strich mehr Einfluss. Zwar erfüllen sie oftmals nach wie vor eher traditionelle Rollen, schneiden und verpacken beispielsweise Kokain und Heroin in ihrer Küche. In der Camorra hingegen erpressen Frauen Schutzgelder von Händlern, beteiligen sich an millionenschwerem Drogenhandel oder sind in Morde verwickelt.

Die Netzwerkkarte stellt sechs der bekanntesten Verbrecherinnen vor:

Rosetta Cutolo (*1937), Camorra
Spitzname: Eisauge
Info: Sie ist die Schwester des notorischen Camorra-Bosses Raffaele Cutolo, Anführer der Nuova Camorra Organizzata. Bekannt dafür, dass sie aus dem Off operierte, entgingen der Polizei ihre tatsächlichen Aktivitäten. So half sie zum Beispiel ihrem Bruder bei der Flucht aus einem Gefängniskrankenhaus. Sie selbst war bis 1993 auf der Flucht, dann bis 1999 im Gefängnis. Rosetta statuierte mit ihrer eiskalten Professionalität ein erstes Beispiel für eine neue Frauenrolle in der Mafia.

Erminia Giuliano (*1955), Camorra, Giuliano-Clan
Spitzname: „Celeste“ ‒ die Himmlische, wegen ihren blauen Augen.
Info: Leitete bis zur ihrer Verhaftung im Jahr 2000 den Guiliano-Clan. Sie gilt als extrem aggressiv; erdolchte eine andere Mafiafrau und fuhr aus Wut einen Wagen in den Einkaufsladen eines gegnerischen Clans. Als Erminia nach zehn Monaten Flucht in einem Geheimzimmer im Haus ihrer Tochter entdeckt und verhaftet wurde, bestand sie auf einen Besuch von ihrem Friseur; zog sich High Heels, einen falschen Leoparden-Mantel und schwarze Handschuhe an und ließ sich so in Handschellen abführen.

Maria Licciardi (*1951), Camorra, Licciardi-Clan
Spitzname: Die Patin
Info: Maria ist wahrscheinlich die bislang einflussreichste Frau in der italienischen Mafia. Nachdem ihr Bruder, der Clan-Boss Gennaro in der Camorra, verhaftet wurde, füllte sie als erste Frau an der Spitze das Machtvakuum. Von 1993 ‒ 2001 saß Maria als Chefin mit anderen Clan-Bossen an einem Tisch und traf Entscheidungen über Leben und Tod. Ab 1999 auf der Flucht, gehörte sie zu den 30 meistgesuchten Verbrechern Italiens. Seit 2001 im Gefängnis, ist sie eine der wenigen weiblichen Kriminellen, die in Italiens härtestem Strafvollzug verwahrt werden und deren Kontakt zur Außenwelt streng beschränkt ist.

Pupetta (Assunta) Maresca (*1935), Camorra
Spitzname: Madame Camorra 
Info: Ehemalige Beautyqueen. Sie machte internationale Schlagzeilen, weil sie Mitte der 1950er den Mörder ihres Ehemanns am helllichten Tag tötete. Während der Gerichtsverhandlung sagte Pupetta: „Ich würde es immer wieder tun“, woraufhin die Anwesenden Beifall klatschen. Sie saß bis 1964 im Gefängnis, wurde später die Ehefrau des Drogenbarons Umberto Ammaturo und trat als verhandlungsstarke Partnerin an seiner Seite auf.

Maria Serraino (*1931), Ndrangheta
Spitzname: Mamma Heroin 
Info: Maria ist eines der raren Beispiele für eine weibliche Führungsperson im Ndrangheta-Clan. Gemeinsam mit ihren zwei Söhnen und ihrer Tochter etablierte sie in den 1980ern eines der größten Drogengeschäfte im Mittelmeerraum. Drogenlieferanten verhandelten ausschließlich mit Maria. Das Kartell wurde zwischen 1993‒95 aufgedeckt, wobei über 180 Mitglieder verhaftet wurden, darunter Maria und ihre Tochter Rita. Schon mit zwölf Jahren wurde sie aus der Schule genommen, um beim Umpacken von Kokain in Shampoo-Flaschen zu helfen. 1997 wurde Maria wegen ihrer Drogendelikte und wegen Mordes zu lebenslanger Haft verurteilt.

Giusy Vitale (*1972), Cosa Nostra
Spitzname: Boss im Rock 
Info: Als Schwester der drei Mafiabosse Leonardo, Michele und Vito Vitale wurde sie nach deren Verhaftung Clan-Anführerin. Schon mit 13 Jahren arbeitete sie als Übermittlerin von vertraulichen Informationen, die sie bei Gefängnisbesuchen ihrer Kollegen nach außen kommunizierte. Nach erfolgreicher Karriere in der Cosa Nostra wurde sie später zur „Penita“, zur Verräterin, weil sie die Schweigepflicht brach, als sie nach ihrer sechsjährigen Gefängniszeit gegen ihre eigene Familie aussagte.

Text: Robert Grunenberg
Illustration: Patricia Keller

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 13

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