Darf ich mitspielen?

vor 2 Monaten

Online-Gaming und E-Sports aus der weiblichen Perspektive. Eine Konfrontation mit dem Sexismus in einer scheinbar modernen Branche.

Online-Gaming ist heutzutage nicht mehr nur ein Zeitvertreib oder Hobby. Es hat sich zu einem lukrativen Sport, genannt E-Sports, aber auch zu einer kulturellen Szene entwickelt. Die professionellen Gamer, die sich mit E-Sports befassen, stechen aus dieser Szene heraus, indem sie öffentlich Wettkämpfe mit hohen Geldbeträgen als Preis bestreiten und werden von vielen als Vorbilder gesehen. Aber auch Hobby-Gamer sind ein wichtiger Teil dieser Szene, da sie diejenigen sind, die die Spiele kaufen. Sie machen den Markt aus. Da dies nun seit einiger Zeit eine enorm große Plattform bildet, sollten wir uns auch sozio-kulturell damit beschäftigen und mehrere Aspekte neu hinterfragen. So auch die Rolle der Frau in diesen Spielen.

Anita Sarkeesian, feministische Medienkritikerin, tut genau das mit ihren Videos auf YouTube über den Kanal Feminist Frequenzy. Wenn man genau hinschaut, sieht man, dass man unter allen ihren Videos nicht kommentieren kann. Dies hat seine Gründe. Nachdem Anita Sarkeesian regelmäßig extremsten, sexistischen Drohungen ausgesetzt war, entschied sie sich dafür, die Kommentarfunktion unter ihren Videos komplett auszuschalten. Doch sie und ihr Team posten bis heute weiter regelmäßig Videos, um Menschen für ungerechte Behandlung und sexistische Darstellung von Frauen in der Popkultur zu sensibilisieren.

 

In vielen männerdominierten Branchen ist unterschwelliger bis offensiver Sexismus an der Tagesordnung. Im Bereich Online-Gaming und E-Sports fällt dies besonders auf.

Doch warum ist überhaupt die Gaming-Szene größtenteils männerdominiert und was sind bis heute die Normen eines Games?

Erst einmal sind die meisten Spiele an sich aus und für die typisch heterosexuelle, männliche Perspektive entwickelt. Viele Online- und Multiplayer Games haben kaum bis keine weiblichen Avatar. Ein Avatar ist eine künstliche Person, die man als Spieler wählen kann und die einen auf diese Art und Weise im Spiel repräsentiert.

Wenn es weibliche Avatare in Spielen gibt, werden sie oft übersexualisiert porträtiert, mit unrealistischer und unpraktischer Bekleidung. Viel zu häufig wird die Frau als Jungfrau in Nöten in dargestellt, wobei das Ziel des Spieles die Rettung dieser ist. Generell gibt es schlichtweg kaum Repräsentation von starken, gleichberechtigten Frauen. Es scheint, als könnten sich die Entwickler solcher Spiele nicht vorstellen, dass auch Frauen an Gaming Interesse haben. Das Ganze hat Ähnlichkeit mit der Problematik des Inhalts von Pornographie und Sexfilmen. Auch dieser hat sich bis vor ein paar Jahren lediglich an Männerfantasien orientiert. Eine Frau schaut ja so etwas nicht. Eine Frau interessiert sich nicht für Sex, Gaming oder Sport. Und wenn doch, dann nur um Männern zu gefallen. Trotz technischen Fortschritts und Innovation, bleiben diese veralteten Vorurteile großteils bestehen.

Vielen Gamern, weiblich wie männlich, gefällt das strategische Denken, die Zusammenarbeit untereinander und die Möglichkeit einfach mal von der Realität abschalten zu können. Um dies zu ermöglichen, fühlen sich viele Frauen dazu gedrängt, sich hinter männlichen Avataren zu verstecken, um nicht Gefahr zu laufen, belästigt oder schlichtweg anders behandelt zu werden als ihre männlichen Mitspieler. Auf dieses Phänomen weisen auch Studien zum Thema hin. Viele weibliche Gamer erzählen von sexueller Belästigung oder Stalking, sobald sie sich bei Online-Multiplayer Games als Frau zu erkennen geben. Sexismus macht sich hier auf unterschiedliche Arten bemerkbar. Von scheinbar harmlosen, doch nervigen Kommentaren, wie „Geh´ zurück in die Küche und mach mir ein Sandwich!“ bis hin zu Androhungen von Mord und Vergewaltigung.

Doch weibliche Gamer lassen sich von Drohungen nicht einschüchtern. Immer mehr Frauen entdecken die Welt des Online Gamings für sich- in Deutschland trennen nur noch knappe 2% die Anzahl weiblicher Gamer von der Anzahl der männlichen. Dadurch geben sich immer mehr Frauen auch offen als solche zu erkennen. Darauf werden, langsam aber sicher, auch Entwickler aufmerksam und nehmen Frauen als ernstzunehmende Konsumentengruppe wahr. Es formen sich Ansätze in Games in denen auch auf diese Gruppe Rücksicht genommen wird. Es gibt mehr weibliche, starke Avatare und auch Einschränkungen der Kommentarmöglichkeiten in Multiplayer Games werden eingeführt, um auf diese Weise die Möglichkeit zur sexuellen Belästigung zu verringern. Dazu kommt auch die aktive Bemühungen, mehr weibliche Entwickler einzustellen. Außerdem finden immer öfter E-Sports Wettkämpfe statt, bei denen einschließlich Frauen teilnehmen dürfen und somit in geschützten Atmosphäre gegeneinander antreten können. Hier sind jedoch die Beträge des Preisgeldes weitaus geringer, als bei den größeren Wettkämpfen. Jeder hat die Chance, unabhängig des Geschlechts an den großen Wettkämpfen teilzunehmen, doch da es immer noch sehr wenige Frauen im professionellen E-sports gibt, fühlen viele sich nicht wohl bei diesen anzutreten, da sie Angst haben, das das mögliche Versagen oder auch Gewinnen mit ihrem Geschlecht in Verbindung gebracht werden könnte. Das ist einer der Gründe weshalb Frauen im Bereich E-Sports weiterhin deutlich weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen. Selbst die höchstverdienenden weiblichen Gamer verdienen maximal $200,000, während die Zahl bei Männern nicht selten in die Millionen geht.

Das ultimative Ziel wäre es an einen Punkt zu kommen, an dem auch Frauen genauso respektiert, akzeptiert und behandelt werden wie Männer. An dem jeder unabhängig seines Geschlechts mitspielen und sich dabei wohlfühlen darf. Doch dies wird wohl noch viele Jahre und viele starke Frauen brauchen.

 

Beitrag: Anna-Maria Blatt
Bilder: Über Unsplash

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