Sibylle Gerstner: Ein Leben erzählen

vor 6 Monaten

Sibylle Gerstner hat das 20. Jahrhundert erlebt und überlebt und dabei immer Haltung und Stil bewahrt. Sie lebte illegal in Paris, gründete die erste Mode-Zeitschrift der DDR und schrieb ein berührendes Buch über Verlust. Eine Begegnung.

Lange Zeit habe ich Sibylle Gerstner gesiezt. Das gehört sich schließlich so bei einer Dame. Irgendwann dann, im Überschwang, bot sie mir das „Du“ an, um es am nächsten Tag erst einmal wieder einzukassieren. Später, es unterlief mir einfach so, sagte ich nur „Sibylle“ und sie nahm es hin. Dabei blieb es dann. Zumindest bis jetzt.

Wie schreibt man über jemanden, der 1932 Adolf Hitler in Breslau vor der Jahrhunderthalle beim Autogrammeschreiben beobachtet hat („Seine Brüllerei hat mich sehr genervt“), neben die sich bei der Olympiade 1936 in Berlin der vierfache Olympiasieger Jesse Owens für einen kleinen Plausch gesetzt hat („er sah sehr gut aus“), die 1948 nach der Premiere der „Fliegen“ in Berlin lange mit Jean-Paul Sartre diskutierte („von Wirtschaftspolitik hatte er keine Ahnung“)?

Wie einer 92-jährigen, äußerst selbst- und stilbewussten Frau gerecht werden, der man einfach mit Glück begegnen durfte? Wie einen Text schreiben, den sie durchgehen lässt? Sibylle, die Breslauer Jüdin, Studentin in Berlin, Wien und Paris, Flüchtling, Malerin, Magazin-Macherin, Autorin, Kostümdesignerin bei der DEFA. Der zur Besatzungszeit in Paris als Erstes einfällt: „In Deutschland trugen sie Kopftücher. In Frankreich taillierte Kostüme und Tuffhütchen aus Blumen, Schleiern und Federn. Das gefiel mir natürlich besser.“ Die aber noch heute in ihren Träumen von den Deutschen verfolgt wird, ihnen aber irgendwie vergeben hat?

„Hast du den Eindruck, dass wir Spätgeborenen uns von dieser Zeit noch einen Eindruck machen können?“

„Nein, das glaube ich nicht. Das kann man schlecht. Heute ist alles so anders.“

„Sprechen wir darüber?“

„Na gut.“

KLEINMACHNOW

Sibylle sitzt im Kaminzimmer eines schönen 30er-Jahre- Hauses in Kleinmachnow kurz hinter der Berliner Stadtgrenze, dort, wo das Licht auf einmal etwas goldener und die Bäume des Brandenburger Waldes wilder und höher zu sein scheinen als in der Hauptstadt. Sibylle trägt mir zuliebe ihr Balenciaga-Kleid. Haute Couture von 1942. Die Haare sind dauergewellt. Sie sitzt aufrecht. Der Blick ist aufmerksam auf ihr Gegenüber gerichtet. Das Brandenburger Licht fällt seitwärts ein und formt einen Spot.

„Das Kleid habe ich günstig nach der Saison ersteigert“, sagt sie.

„Steht dir gut!“

Sibylle nickt. Weiß sie ja. Die große Doppeltür zum Garten ist geöffnet und ein warmer Luftstrom treibt Pollen ins Wohnzimmer der Architektenvilla. Draußen blüht die Magnolie in übersättigten Knospen. Der Putz platzt hier und da von der Fassade. Die Veranda ist an manchen Stellen ausgebessert und von der Sonne schon ganz aufgeheizt. Es ist ein Ort, an dem man bleiben, an dem man leben möchte, der aus der Zeit gefallen scheint. Sibylle lebt hier seit genau 60 Jahren. Sie kennt jeden Schritt, auch wenn sie nicht mehr alles sieht. So wie sie alles versteht, auch wenn sie nicht mehr so gut hört. Kleinmachnow war einmal eine Künstlerkolonie, fast wie Worpswede. Hier lebten Kurt Weill und später Christa Wolf umgeben von der klassischen Moderne. Ein paar Straßen weiter steht eine Villa von Gropius. Nur einen Sprung weiter, auf der anderen Seite des Teltowkanals, ein großartiger Backsteinbau von Egon Eiermann. Nach der Wende erlebte Kleinmachnow einen Neubauboom, der viel Geld und schlechten Geschmack mit sich brachte. „Ganz schlecht“, sagt Sibylle dazu. „Ganz schlecht“, sagt sie oft und schlägt dabei manchmal noch die Hände vor das Gesicht. Etwa wenn sich Handwerker am Vormittag ankündigen oder sonntags ein „Tatort“ im Fernsehen läuft.

„Wie war das hier damals, Sibylle?“

„Ach, wir hatten viele Freunde in Kleinmachnow. Von denen lebt aber keiner mehr.“

„Du bist die Letzte?“

„Ja, furchtbar. Aber mein Vater hat immer gesagt, reden wir nicht davon, wenn es um Verlust ging.“

Sibylle rückt die gelben Tulpen auf dem halbmondförmigen Kamin zurecht, ordnet das Balenciaga-Kleid, schaut auf. Blickt man sie so unvermittelt an, blickt bald ein Jahrhundert zurück.

BRESLAU

Am 17. August 1920 ist Sibylle in Breslau, heute Wrocław, als Enkelin des ehemaligen Tagelöhners und später größten deutschen Versand-Pelz-Händlers Moritz Boden geboren worden. Gehobenes Bürgertum, jedenfalls bis zur Wirtschaftskrise der zwanziger Jahre, aber mit dem Makel, dass die Großmutter für ihren Mann zum Judentum konvertierte. So war Sibylle, geborene Boden, in der Rechnung der Nationalsozialisten „jüdischer Mischling“.

„Hast du dich als Außenseiter empfunden?“

„Na ja, wie nannte man das: einen ‚Webfehler‘. Das heißt, dass irgendjemand in der Ahnenreihe jüdisch war. Das war ja das Schlimmste. Furchtbarer Quatsch.“

In der Klasse muss sie irgendwann in der letzten Reihe sitzen, wird nicht mehr aufgerufen, langweilt sich, malt die Wand an und soll dann einen Aufsatz über Jesus schreiben.

„Ich habe geschrieben, er sei halt zur Hälfte Jude gewesen. Seine Mutter Jüdin, der Vater Gott. Ich war ja auch ‚halb‘. Mir war das klar. Denen hat das aber nicht gefallen.“

„Glaubst du eigentlich an Gott?“

„Ich kann es nicht. Aber es gibt weder einen Beweis für noch wider ihn.“

Sibylle hat einen trockenen, traurigen Humor. Ihr Lachen ist kindlich, doch klingt darin ein langes Leben an. Das mag pathetisch klingen, aber wenn sie lacht, dann ist das immer auch ein Zeichen für: Ich habe überlebt. Ich lebe noch. Und in diesem fragilen, kleinen Körper, der gar nicht fragil und klein wirkt wegen der Haltung, versammelt sich Erfahrung von einer Dichte, Wucht und Schwere, dass es ihn eigentlich aus dem Gleichgewicht reißen müsste. Aber nichts da. Es mag alles „ganz schlecht sein“. Merken darf das aber niemand.

„Hast du den Deutschen eigentlich jemals vergeben?“

„Weißt du, sie haben mir den Vater genommen. Und die auf Minderwertigkeit abzielenden Schikanen wirken nach. Als wir vor dem Krieg mit der Modeschule nach Paris fuhren, fragte eine Studentin aufgeregt, ob sie uns als Deutsche erkennen werden. Da sagt die Dozentin: ‚Sibylle Boden ist keine Deutsche.‘ Das war das Schlimmste. Später musste ich die Schule verlassen. So richtig angekommen bin ich eigentlich nirgends.“

„Sind diese Ängste vor den Nazis dir immer geblieben?“

„Ich kann das bis heute nicht verstehen. Diesen Hass. Ich träume davon.“

„Wovon träumst du?“

„Das vergesse ich immer gleich wieder.“

PARIS

Sylvester 1939, kurz nach dem Einfall der Deutschen in Polen, kurz nach Kriegsbeginn, trifft Sibylle auf der Fuchsbergbaude im Riesengebirge ihren späteren Mann: Karl-Heinz Gerstner. Während alle in Skibekleidung da sitzen, trägt er einen feinen Anzug. Sibylle veralbert ihn dafür, verliebt sich aber. Sie werden gemeinsam den Krieg überstehen und eine Familie gründen.

Hat ihn das interessiert, dass du ‚jüdischer Mischling‘ warst?

„Das fand er gut!“

„Dann war’s ja wenigstens mal ein Vorteil.“

„Ja, ja. Er hat sich insofern unterschieden von anderen Herren.“

Als Karl-Heinz, wegen einer Kinderlähmung wehruntauglich, als Jurist an die Wirtschaftsabteilung der Deutschen Botschaft nach Paris gerufen wird, holt er Sibylle im Herbst 1940 illegal nach. Undercover studiert sie an der École des Beaux-Arts Malerei, liebt die Impressionisten, teilt sich mit dem Mann, den sie nicht heiraten darf, eine Lebensmittelkarte, besucht die Modeschauen der Pariser Haute Couture und den Modedesigner Jacques Fath auf dem Land.

Im Eingangsbereich in Kleinmachnow hängen von ihr fünf spätimpressionistische Aquarelle aus dieser Zeit. Sie alle zeigen öffentlichen Raum. Menschen in übervollen Cafés. Eine einsam rauchende Frau vor der Pont des Arts. Die Farben sind kurz davor zu verlaufen, halten noch eben so die Form. So stelle ich mir Sibylles Erinnerung vor. So eben noch da, aber in hellen Farben.

SIBYLLE

Im Sommer 1944 werden die meisten Diplomaten zurück nach Deutschland gerufen. Freunde von der Résistance, mit der Sibylles Mann im engen Kontakt steht, bieten an ihn zu verstecken. Doch die beiden wollen das Ende des NS-Regimes und den Neuanfang in Berlin erleben. Was eigentlich Wahnsinn ist. Ständig gibt es Fliegeralarm. Strom und Wasser fallen aus. Es herrscht Endzeitstimmung. Nachdem die Stadt schließlich durch die Rote Armee erlöst wird und sich nach einiger Zeit die beiden Deutschen Staaten konstituieren, entscheidet sich das Paar dafür, in den Osten zu ziehen. Erst nach Zeuthen, später dann nach Kleinmachnow. Sibylle ar- beitet zunächst als freie Kostümbildnerin bei der DEFA. Entwickelt dann ein Konzept für die erste internationa- le Modezeitschrift der DDR. Über den Entwürfen – die Mode-Shoots inszeniert sie in Kleinmachnow – steht ihr eigener Name als Test-Titel: Sibylle. Dabei bleibt es. Von 1958-1961 wird sie das Magazin als Kreativdirektorin leiten, reist nach Paris, Italien, Prag und Moskau.

„Ich hatte Mode von beiden Seiten, aus Ost und West, im Heft.“

„Da habt ihr ja zur Völkerverständigung beigetragen.“

„Ja, das musste sein.“

„War Mode für dich also auch ein Politikum?“

„Also, als Modejournalistin in Paris war ich nicht sehr politisch. Da ging’s mir um die schicke Mode.“ (lacht)

„Man hat dir später vorgeworfen, du wärst zu französisch für den Sozialismus.“

„Ach, die waren eifersüchtig und wollten wahrscheinlich meinen Posten. Das Magazin trug meine Handschrift und dabei blieb ich.“

Die „Sibylle“ wird ein großformatiges Heft mit wunderbar gestellten, minimalen Covern. Meist sieht man Models vor abstraktem Hintergrund. Darüber der schlichte Titelschriftzug. Man muss sich nur mal viele aktuelle Magazine anschauen, um zu verstehen, wie wegweisend und heutig dieser Look war. Damals war es ein Modernismus, der aus der Not geboren wurde. Die Redaktion war völlig unterbesetzt. Die Mittel bescheiden. Trotzdem gelang es, Modestrecken mit avancierten Essays über Kunst und Politik zu mischen. Die „Sibylle“ war zeitweise ein Magazin zwischen dem „New Yorker“ und der „Vogue“ – und damit auch ein Vorbild für diese Zeitschrift. Das war damals außergewöhnlich, hart an der Grenze des Machbaren. Immerhin vermittelte sich in der „Sibylle“ auch kompromissloser Luxus, und das im Arbeiter- und Bauernstaat. Auch eine Form von Dissidenz. Oder auch Sturheit.

FLUCHT IN DIE WOLKEN

Anfang der 60er-Jahre wurde der Gegenwind zu stark. Sibylle ging zurück zur DEFA, designte Kostüme für Filme wie „Wolf unter Wölfen“ oder „Abschied vom Frieden“ von Hans-Joachim Kasprzik, wurde zweifache Mutter. Sibylle Boden-Gerstner. Zwei Namen, das reicht doch für ein Leben, denkt man. Unter dem Pseudonym Sibylle Muthesius veröffentlichte sie aber noch ein Buch. Musste das tun. Es hieß „Flucht in die Wolken“.

„Wofür dieses Buch?“

„Ich habe mich gezwungen die Erlebnisse meiner Tochter aufzuschreiben, obwohl ich mich manchmal am Abend übergeben musste, weil mich das zu sehr aufgeregt hat.“

„Worüber hast du das Buch geschrieben?“

„Darüber, dass mein Kind auf einmal eine ‚Verwirr Psychose‘ hatte. Sonja. Sie war immer die Beste in ihrer Klasse. Überbegabt. Dann musste sie in die Psychatrie. Um alles zu überspielen, hat sie sich an der Schauspielschule beworben. Bei der Vorprüfung waren alle begeistert. Bei der Hauptprüfung haben sie dann gesagt, wir sind hier keine psychiatrische Anstalt. Sie dachte, das würde ihr das ganze Leben so ergehen.“

„Und dann ist sie in die Wolken geflüchtet.“

„In die Wolken … Sie hat dann Suizid begangen …“

„Kann man das jemals überwinden?“

„Nein, eigentlich nicht. Ich schiebe es beiseite.“

„Glaubst du an einen Ort, an dem man sich wieder begegnet?“

„Nein.“

„Sonja hat an Jesus geglaubt, hast du mal erzählt.“

„Ja, das stimmt. Sie hat mir einmal gesagt, sie hätte eine besondere Beziehung zu ihm. Ich konnte ihr ja nicht sagen: Der wird dir nicht helfen. Das war unmöglich.“

„Verstehst du die Welt manchmal eigentlich nicht mehr?“

„Verstehen ja. Aber nicht billigen. Es gibt noch viele schlimme Dinge auf der Welt.“

„Du hast doch selbst erlebt, dass es nach den schlimmsten Zeiten auch wieder besser wurde.“

„Hoffen wir’s.“

Text: Ruben Donsbach
Fotos: Deborah Mittelstaedt

Dieser Artikel erschien in der Fräulein Nr. 10

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