translocation, transformation – der chinesische Ausnahmekünstler Ai Weiwei zu Gast in Wien

vor 6 Jahren

Seit Mitte Juli ist einer der relevantesten Künstler der Gegenwart zu Gast im Wiener 21er Haus und feiert seine erste große Einzelpräsentation in Österreich. Der chinesische Ausnahmekünstler Ai Weiwei widmet sich vor allem Veränderungsprozessen in seiner Arbeit, welche durch Ortswechsel, Vertreibung und Migration ausgelöst werden, ob an Mensch oder an Objekten.

Die Präsentation geht über eine einfache Personale weit hinaus und greift aktuelle Gesellschaftsthemen auf. Die ständige Transformation bestimmt das Leben Weiweis seit Anbeginn – eine Kindheit unter chinesischer Repression, artistische Anfänge in New York, Staatshaft im Vaterland sowie die Migration nach Berlin säumen seinen Weg.

Mit dem Titel translocation – transformation wird vor allem das allgegenwärtige Flüchtlingsthema aufgearbeitet. Genau zum Zeitpunkt der Ausstellungskonzeption kamen in der Nähe des 21er Hauses am Wiener Hauptbahnhof täglich mehrere tausend Menschen an, die vor Krieg und Terror flüchteten. Wien, als eine der ersten Anlaufstellen des Westens, machte die Flüchtlingsproblematik zu einem der zentralen Themen der Ausstellung des Künstlers Ai Weiwei. Wichtige Teile der Präsentation sind unter anderem die Ahnenhalle aus der Ming-Dynastie, welche auch wesentlich zur Namensgebung beigetragen hat. In 1.300 Einzelteilen transloziert und transformiert, wurde diese von China nach Zentraleuropa gebracht, um zu einem Diskurs über den Zusammenhang von Kunst und Politik anzuregen. Außerdem ist die zuerst optisch ansprechende Lotusblüten-Installation bei eingehender Auseinandersetzung ein Kunstwerk aus 1.005 gebrauchten Rettungswesten von der Insel Lesbos, das den Buchstaben ‚F‘ bildet. Dieses steht laut dem Kurator Alfred Weidinger für ein komplexes Englisch-Mandarin-Homonym, welches von Onlineaktivisten als aufsässige Geste gegen die chinesische Zensur und Restriktion verwendet wurde. Außerdem steht das ‚F‘ schlicht und einfach für das englische ‚fuck‘, welches Weiwei nur zu gerne gegen die chinesische Regierung richtet, aber in Wien auch für die Flüchtlingskrise und das Vermittlungsprojekt im 21er Haus steht. Der Kurator Alfred Weidinger erweckte die Idee zur Zusammenarbeit mit Ai Weiwei zum Leben und sprach mit Fräulein über die enge Kooperation:

Fräulein: Ai Weiwei wird als einer der größten und relevantesten Künstler der Gegenwart gehandelt, was macht ihn für Sie persönlich so besonders?
Alfred Weidinger: Ai Weiwei setzt sich unentwegt gegen die ungerechte Behandlung von Menschen und deren Schicksal sowie für Menschenrechte ein. Das macht er weniger als Aktivist, denn als Dokumentarist. Seine Auflehnung gegen das Regime in China ist zwar immer noch ein bedeutender Faktor in seinem Leben, doch hat er mit seinem künstlerischen Schaffen unmittelbar auf die Verlegung seines Lebensmittelpunktes nach Berlin reagiert. Es ist nun nicht mehr das Werk eines Dissidenten, sondern hat durch seine persönliche Translokation eine künstlerische Transformation erfahren, die sich in der gegenwärtigen Phase vorwiegend auf die Dokumentation des Flüchtlingselends niedergeschlagen hat.

Welche Installation beziehungsweise welcher Teil der Ausstellung ist Ihr persönliches Herzstück oder Favorit?
Ai Weiweis bedeutendstes Werk im Belvedere ist zweifelsfrei die Ahnenhalle der Wang-Familie. Ihr dramatisches Schicksal nimmt unmittelbar auf den Titel der Ausstellung Bezug und verdeutlich in eindrucksvoller Weise und auf mehreren Ebenen einen kulturellen Brückenschlag zwischen Ost und West. Mich berührt das Werk „F Lotus“. Im großen Teich vor der prächtigen Kulisse eines der schönsten Barockschlösser und wenige hundert Meter vom Hauptbahnhof entfernt, an dem noch vor wenigen Monaten tausende Flüchtlinge täglich Schutz gesucht haben, macht es auf das Los der Vertriebenen aufmerksam und gemahnt gleicherweise an die dafür verantwortlich zu machenden politischen Strategen.

Was waren die größten Herausforderungen von der Umsetzung des Konzepts, bis zur fertigen Präsentation?
Das schwierigste Unterfangen dieser Ausstellung, war, eine Exportgenehmigung für die Ausfuhr der Ahnenhalle zu erhalten. Denn noch niemals zuvor hat ein derartig bedeutendes und großes kulturelles Bauwerk aus der Ming-Dynastie, wenn auch nur für die kurze Dauer einer Ausstellung, China verlassen.

Seit dem 14.Juli bis zum 20.November 2016 heißt es translocation – transformation im 21er Haus und den Innenräumen des oberen Schloss Belvedere – eine Erfahrung, die man sich auf keinen Fall entgehen lassen sollte.

Bilder: PR

Bild 1:Ai Weiwei
Bild 2: Spouts, Teekannen

Bild 3: Ahnenhalle der Familie Wang im 21er Haus
Bild 4:  Ahnenhalle im 21er Haus
Bild 5: Schwimmwesten im Schloss Belvedere
Bild 6: Teekannen im 21er Haus

Beitrag: Julia Deutsch

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