Wenn Krieg und Gewalt dir alles nehmen. Eine Dokumentation.

vor 4 Jahren

Skærmbillede 2016-02-01 kl. 13.42.25

Der Dokumentarfilm der syrischen Regisseurin Liwaa Yazji trifft Herz, Gedanken und Gefühle. Und es tut so richtig weh. Fräulein stellt in Kooperation mit Doc Alliance den Film exklusiv zur Verfügung.

Die handgehaltene Kamera filmt in die Nacht hinein. Man sieht ein Mehrfamilienhaus, das genauso gut in Berlin stehen könnte, und man kann nur ahnen, was sich hinter diesen Mauern befindet. Oftmals sind das nur noch verlassene Wohnungen, denn die meisten Bewohner sind schon geflohen. Raus aus dem Krieg in Syrien und los in eine neue, bessere und sichere Welt. Mit diesen Aufnahmen führt die syrische Regisseurin Liwaa Yazji (*1977) in ihre Dokumentation „Haunted“ ein, die sie 2014 in mehreren Orten in Syrien filmte. In dem knapp zweistündigen Film erzählen die wenigen Zurückgeblieben in dem Ort Barzeh, im Norden der Hauptstadt Damaskus, von dem Gefühl, als menschliches Schutzschild genutzt zu werden. Denn sie sind zu spät für die Flucht, dürfen Barzeh nicht mehr verlassen. Die Armee der Regierung hat Angst, dass die Freie Syrische Armee Barzeh entert, wenn die Stadt von Zivilisten verlassen ist. Genau so wie es in Jobar, einem Vorort von Damaskus, passiert ist. „Es scheint, als wolle das Schicksal nicht, dass wir Barzeh verlassen.“ sagt eine ältere Frau. Sie ist eine der neun Personen, in deren Alltag Liwaa Yazji einblicken lässt. Sie und ihr Mann skypen mit Liwaa Yazji. Die Frau isst etwas, ihr Mann trinkt ein Bier. Er hat heute den ganzen Tag Poker gespielt. Denn es gibt dort nichts mehr zu tun, arbeiten können sie schon lange nicht mehr, selbst das Haus verlassen ist ein Risiko, das niemand mehr eingehen mag.

Der arabisch-sprachige mit englischen Texten unterlegte Dokumentarfilm schildert die Schwierigkeiten der in Barzeh zurück gebliebenen Menschen, ihre kontroversen Gefühle und paradoxen Gedankengänge. All das was entsteht, wenn man nicht weiß, ob es besser ist, das eigene Hab und Gut zu verbrennen, bevor es jemand klaut. Denn wie hoch ist die Chance, dass das eigene Haus noch steht, falls man vielleicht irgendwann zurückkehrt? In ungekünstelten Bildern zeigt Yazji wie die Protagonisten Wäsche waschen, Koffer ein- und auspacken und über den Verlust einer Kaffeekanne und Vasen klagen. Im Kontrast dazu steht, dass die Hintergrundgeräusche aus Schüssen und dem Klang von Zerstörung bestehen, und dass diese Menschen sich darauf vorbereiten, ihr Zuhause, ihre Heimat innerhalb kürzester Zeit verlassen zu müssen. Nur wann genau, das wissen sie nicht. Sie befinden sich in einem mentalen und physischen Vakuum, die Rastlosigkeit und Verwirrung steht allen ins Gesicht geschrieben. Sie drücken die Hilflosigkeit aus, die entsteht, wenn Krieg und Gewalt die sicherste und privateste Umgebung rauben.

Yazjis Dokumentarfilm zeigt schonungslos, wie die Menschen immer verletzlicher, erschöpfter und hilfloser werden. Greifbar wird das ganze durch unmittelbar aus der Situation gefilmten Aufnahmen: wackelige unscharfe Bilder einer Handgetragenen Kamera oder Sequenzen von einer Skype Unterhaltung. Die Protagonisten sind gejagt von mentalen Bildern und Dingen, die sie hinterlassen haben, dem Nicht-Verabschieden oder den verpassten Absprung. Es werden hier die traurigen, surrealen Geschichten von Menschen archiviert, die ihre Vergangenheit, Andenken, Identität und Leben zurück lassen. Haunted ist ein radikal unsentimentaler Dokumentarfilm darüber, was es bedeutet, einen Platz, eine Heimat auf der Welt zu haben. Liwaa Yazji gelingt es mit ihrem Dokumentarfilm, trotz der Entfernung ganz nah an die Geschehnisse heranzuführen, so sehr, dass es einen erschüttert. Gänsehaut, Tränen und Anteilnahme – der Film über das tragische Schicksal der porträtierten Opfer des syrischen Kriegs berührt und schafft ein Bewusstsein für die Ausweglosigkeit der Flüchtlinge, die zurzeit tagtäglich Schutz in Europa suchen.

In Kooperation mit Doc Alliance ermöglichen wir es euch bis Samstag den 6. Februar ‚Haunted‘ mit diesem Gutschein-Code: 3davuCRe HIER umsonst zu sehen.

Info: Liwaa Yazji ist eine in Moskau geborene Syrische Filmemacherin. Sie studierte in Damaskus Theaterwissenschaften, mit ihrem Drehbuch zur Serie ‚The Brothers‘ (2013) erregte sie erstmals Aufmerksamkeit, ‚Haunted‘ ist ihr Debut als Regisseurin und Produzentin. Finanziell wurde sie dabei von der Heinrich Böll Stiftung – Middle East unterstützt. Mehr Info über Liwaa findet ihr hier.

Text von Lone Gallus

Foto: Video-still

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