Dieser Radiosender unterstützt marginalisierte Künstler*innen

vor 3 Wochen

Mit dem Berlin Community Radio etabliert sich innerhalb kürzester Zeit ein Webradio, das nicht nur Musik von internationalen DJ’s spielt, sondern vor allem aufstrebende Talente fördert. Dazwischen gibt es Lesungen, Kunsthörspiele oder feministische Diskussionen. Sie bezeichnen sich als „moderne Plattform kulturellen Austauschs“. Mit ihrem interdisziplinärem Format sind die beiden Gründerinnen Anastazja Moser und Sarah Miles mittlerweile international bekannt.

 

Anastazja Moser und Sarah Miles betreiben seit 2013 erfolgreich den Online-Radiosender Berlin Community Radio (BCR). Erfolgreich meint nicht, dass sie damit viel Geld verdienen würden. Sie leisten vielmehr etwas für die kreative Gemeinschaft und das zahlt sich aus – vor allem Frauen profitieren davon.

Fräulein hat sich mit Anastazja, auf einer der Secret Lectures des Popkultur-Magazins Dazed und dem Handyhersteller Huawei zum Thema „New Creative Communities“ in Berlin getroffen. Wer Anastazja kennt, versteht schnell, warum sie als Rednerin eingeladen wurde. Die gebürtige Polin gehört mit ihren Leuten von BCR zu den Instanzen, die einen großen Teil der jungen Berliner Musikkultur bewegen, zusammenbringen und fördern.

 

Fräulein: Was genau ist das Berlin Community Radio?

Anastazja: BCR hat nichts mit dem klassischen Format eines Radios zu tun. Wir haben keine Redaktion oder Journalisten, die Shows hosten. Wir bestehen hauptsächlich einfach aus Künstler*innen, die experimentieren wollen. BCR ist also auch ein typisches DIY-Format. Wir haben Raum für Fehler und es muss nicht alles perfekt sein – das macht es authentisch – dennoch wollen wir natürlich eine gute Qualität. Es hat uns also auch viel Zeit gekostet das Studio aufzubauen und uns mit den ganzen technischen Dingen auseinanderzusetzen. Wir sind keine Tontechnikerinnen und mussten uns vieles selbst beibringen. Jetzt nach vier Jahren könnte ich ein Konzert mixen und eine Radiostation in zwei Stunden aufbauen. Mittlerweile haben wir Broadcasts überall auf der Welt veranstaltet.

 

Wie entstand die Idee zu BCR?

Sarah und ich waren Nachbarinnen in Berlin. Wir haben beide in der Musikbranche gearbeitet und gemeinsam mit Podcasts angefangen bis wir gemerkt haben, dass in der Berliner Radiolandschaft etwas fehlt. Radiosender von Frauen gegründet, gab es bislang kaum oder gar nicht. Wir wollten eine Plattform für Künstler*innen schaffen, die das alte und das neue Berlin vereinen – ein interdisziplinäres Format, dass die verschiedenen kreativen Szenen zusammenbringt eine Mischung aus Underground-Musik, Lesungen, Mode, politischer Diskussionen und Events. Wir haben mit einem Kontaktformular auf unserer Seite angefangen, mit dem Leute sich mit ihren eigenen Ideen für Shows bewerben konnten. Für die Auswahl war uns wichtig, dass die Ideen originell sind, die Künstler eine Verbindung zu Berlin haben und es ihnen bislang an Repräsentation in der Stadt fehlte. Wir haben mit Liebes-Ratgeber-Shows bis hin zu Vinyl-DJ-Sets angefangen. Dieses Kontaktformular haben wir allerdings jetzt nicht mehr, weil unser Programm voll ist.

 

Frauen sind in der EDM (Electronic Dance Music)-Szene immer noch unterrepräsentiert. Neun von zehn Djs auf einem Line-Up sind Männer. Bei euch sind über 50 % der Künstler weiblich. Wie holt ihr Frauen dazu, bei euch mitzumachen?

Von Anfang an haben wir versucht mehr Frauen zu ermutigen bei uns mitzumachen und nach interessanten Künstlerinnen Ausschau gehalten, dann ging es ganz wie von selbst. Ich denke es ist wichtig, jungen Mädchen Vorbilder zu geben. Mittlerweile gibt es immer mehr Künstlerinnen aus verschiedenen Bereichen, die zusammenarbeiten und sich gegenseitig unterstützen. Das Problem war also nie, dass Mädchen nicht DJ, Radio-Host oder ähnliches werden wollten, aber ihn fehlten die Vorbilder.  Insbesondere in Berlin gibt es immer mehr Förderungsprogramme für Frauen.

 

Ihr bietet auch Musikproduktions-Workshops für Frauen, sogenannte BCR-Incubators. Wie kam es dazu?

Wir haben beobachtet, dass schon immer mehr Frauen als DJ’s arbeiten, aber nicht den nächsten Schritt in Richtung Produzieren gehen. Deshalb organisieren wir zusammen mit dem Musik-Software-Anbieter Ableton, die ihre weiblichen Nutzer erhöhen wollten, Workshops für Frauen, die sich fürs Produzieren interessieren. Dieses Jahr waren es vier, nächstes Jahr sollen es zwölf werden. Wir bringen hier unterrepräsentierte Produzentinnen mit bekannten Produzent*innen zusammen, die dann zum Beispiel einen Remix produzieren und veröffentlichen. Dann versuchen wir die Künstlerinnen bei Labels unter Vertrag zu bringen. Der Bedarf ist groß und unsere Community wird immer größer und mehr an den Rand gedrängte Stimmen, haben die Chance voran zu kommen. Wir setzen viel auf Sichtbarkeit und wollen in Zukunft auch Videodrehs und Fotoshootings organisieren.

 

Gib uns noch ein paar deiner momentanen weiblichen Lieblings-Acts mit auf den Weg.

Diese wundervollen Ladies höre ich zur Zeit am liebsten: Klein, Laurel Halo, Carla Dal Forno, Kelela, Cardi B, Tirzah & Mikachu, Oklou.

 

Interview: Miriam Galler
Bilder: Amelia Karlsen

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