Der Punk lebt

vor 5 Jahren

Die Modeindustrie und ihre Beteiligten sind an einem Punkt angelangt, an dem keine Aussage mehr so wirklich Aussage ist. Es funktioniert alles – und zwar gleichzeitig. Für solche Verhaltensmuster gibt es Antibewegungen.

Die Punks in den Siebziger und Achtziger Jahren zum Beispiel. Damals war die Welt durch gesellschaftliche Regeln festgefahren und es brauchte Radikalität. Genau wie die Mode jetzt. Wenn nicht gerade ein Demna Gvasalia daherkommt und die stagnierten Blicke nach der zigsten Show auflockert, passiert in Paris nicht viel. Tradition – das ist es, was jedes Haus zu schreien scheint. Eigentlich – denn es gibt eine Message zum Anderssein. Der Punk ist wieder da – als Inspiration, die provoziert und vielleicht mehr ist, als ein bloßer Trend.

Zurück nach Paris. Heute ergeht es Designern wie Junya Watanabe ähnlich wie der Jugendkultur damals. Anders als Chanel oder Louis Vuitton muss er keine Tradition weiterführen. Und das sieht man. Er muss auf keinen Rücksicht nehmen, hat keine Konventionen oder Normen innerhalb seines Hauses, das dem Comme des Garçons Unternehmen angehört. Stachlige, panzerartige Silhouetten ziehen sich wie ein roter Faden durch die Kollektion. Das funktioniert besonders gut im Ensemble mit den wild, in alle Richtungen abstehenden Haaren, die den Zuschauer zurück in die Punkszene versetzen.

Sarah Burton führt es für Alexander McQueen in den hohen Norden des Vereinigten Königreiches. Die Kollektion hat fast etwas Animalisches, erinnert irgendwie an die Kelten. Lange Gewänder, massive Lederelemente in Form von Gürteln, Chokern, Korsetts oder Handschuhen. Dazu Springerstiefel und Ganzkörper-Looks mit Karomuster. Auch die Rock-über-Hose-Kombination aus den Siebzigern erlebt ein Revival. Bei Alexander McQueen hätte man diese Mischung aus Vergangenheit und Punk als klare Reflexion der Gesellschaft sehen können. Wie stark Sarah Burton ein alltägliches Phänomen auf ihre Kollektionen projiziert und darin verarbeitet, ist nicht eindeutig. Fakt ist aber, dass sie einen Look gefunden hat, der damals in der Gesellschaft für Aufsehen gesorgt hat und trotz der Einfachheit auf der Pariser Modewoche ein Hingucker ist.

Ja, und dann ist da noch Haider Ackermann. Der Belgier macht in seiner jetzigen Kollektion weiter, wo er letztes Jahr begonnen hat. Vielleicht zeichnet sich eine neue Handschrift für sein Label ab. Der Drapagenkönig, so konnte man ihn zu Anfang seiner Karriere noch nennen, zeigt sich diese Saison ungewohnt freizügig. Kein Layering, kein Zwiebel-Look. Dafür metallische Hosen, leichte Kleider und in fett gedruckte Appelle auf T-Shirts und Pullovern. „Be you“ und „Silence“ bekommen eine ganz neue Bedeutung, wenn man sich daneben die blutbespritzten Jacketts anschaut und werfen die Frage auf: Wogegen wird hier rebelliert?

Das kann vielleicht sein Kollege aus Japan beantworten. Yohji Yamamoto sagte über seine Entwürfe für den nächsten Sommer, dass er darin seine Gefühle verpackt hat. Die komplette Kollektion war in weiß, schwarz und rot, die Farben für Frieden, das Böse und Blut, gehalten. Dies zum Thema Gefühle. Und irgendwie wirkt seine Show tatsächlich zerbrechlich. Als wäre eine Bombe in einer heilen Welt explodiert. „Hiroshima Chic“ halt – oder eben Punk.

Möglicherweise sagt die Radikalität dieser fünf Modedesigner ja mehr über die überschaubare Modewelt aus, als gedacht. Die Schnelllebigkeit könnte man als Verhaltensmuster deklarieren. Als Konvention der Mode eben. Eine Entwicklung, die die Modeschöpfer einengt und ein radikales Handeln verlangt. Im Endeffekt ist es doch so, dass sich jedes Verhalten in Richtung des Punks bewegt. Jemand hat die Schnauze voll von etwas und geht dagegen an. Ob sich das in der Mode oder woanders abspielt, ist letztendlich ganz egal. Haben diese vier Designer also nur das Phänomen eingefangen, das schon längst den Zeitgeist unserer Welt wiederspiegelt?

Beitrag: Louisa Markus
Bilder: PR

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