Janus: über Veränderung und Neubeginn

vor 5 Monaten

Fine Art Fotografin Birthe Piontek gibt uns einen exklusiven Einblick in ihre neue Fotoserie Janus und erklärt uns, wie COVID-19 ihr Leben als Künstlerin beeinflusst. Über den Schmerz vom Neubeginn.

Eigentlich sollte ihre neue Serie als Einzelausstellung in ihrer Heimat Vancouver im April gezeigt werden, doch dann machte die derzeitige Pandemie ihr einen  Strich durch die Rechnung. In ihren Arbeiten beschäftigt sich die deutsche Künstlerin hauptsächlich mit den fotografischen Grenzen von Licht, Schatten, Symbolik und Komposition. In ihrer neuen Serie bringt sie dies in einen neuen Kontext und beschäftigt sich mit dem Thema Veränderung. Der Veränderung des Körpers, des Verstands, des Seins. In der jetzigen Zeit bekommt diese Thematik eine nochmals neue Bedeutung. Wir haben exklusiv mit Birthe Piontek gesprochen.

Fräulein: Wann und warum hast du mit der Serie begonnen?

Birthe Piontek: Die ersten Bilder sind im letzten Herbst entstanden, die Serie ist noch nicht ganz abgeschlossen. Das Inszenieren von Objekten und die damit einhergehende Untersuchung des Übergangs zwischen Fotografie und Skulptur sind schon lange Teil meiner künstlerischen Arbeit. Mein Augenmerk liegt oft darauf, Objekte zu einem Platzhalter für Gefühle und einem Ausdrucksmittel für unser Unterbewusstsein zu machen. Mein Leben hat sich in den letzten zwei Jahren stark verändert und war/ist extrem geprägt von Abschied, Veränderung und Neubeginn. All das versuche ich in der Serie auszudrücken. 

FR: Wie bist du auf den Titel Janus gekommen?

BP:Der Titel bezieht sich auf den römischen Gott Janus. Er war der Gott des Anfangs, Übergangs und des Endes. Er wird oft zweigesichtig dargestellt, da er in die Zukunft und in die Vergangenheit schaut.

Ein Großteil meiner Arbeiten in den letzten acht bis zehn Jahren drehte sich um Themen wie Erinnerung, Wachstum, Veränderung und Loslassen. Die Serie Janus knüpft nahtlos an dieses Interesse an. Die Arbeiten sind eine spielerische Untersuchung der Genres Stillleben und figurative Fotografie, kombiniert mit performativen Elementen.

FR: Wie gehst du mit der momentanen Krise als Künstlerin um, wie beeinflusst dich COVID-19, kreativ und persönlich?

BP: Alle Fotos von Janus wurden in derselben Ecke meines Studios in meiner Wohnung aufgenommen. Wie bereits in meiner vorherigen Serie Lying Still interessiert mich die häusliche Umgebung und wie ein Künstler Inspiration in den Grenzen eines Raumes finden kann. Insofern hat COVID-19 erst einmal keinen großen Einschnitt für meine derzeitige Arbeitsweise gebracht. Ich merke allerdings, dass ich mich schlechter konzentrieren kann. Das liegt aber auch daran, dass ich Vollzeit an der Kunsthochschule hier in Vancouver unterrichte und da hat COVID-19 alles durcheinandergebracht. Mein Fokus der letzten Wochen lag vor allem darauf, die Verunsicherung und Trauer der Studenten aufzufangen und irgendwie doch noch weiter zu lehren – das kostet die meiste Kraft. Ansonsten macht mir die Tatsache, dass ich wahrscheinlich nicht zeitnah zu meiner Familie nach Deutschland kann, die meisten Sorgen.

FR: Hat COVID-19 deine Perspektive auf das Leben und die Kunst verändert?

BP: Mit Sicherheit. Allerdings gibt es keine großen Offenbarungen – nur die Bestätigung der Dinge, die ich vorher schon irgendwie wusste oder ahnte. Zum Beispiel, dass wir viel verwundbarer sind, als wir glauben wollen. Der technische und medizinische Fortschritt zusammen mit dem System des Kapitalismus hat uns eine gewisse Sicherheit gegeben und uns veranlasst zu glauben, dass wir die Kontrolle haben und alles erreichen können – wenn wir entsprechendes Geld oder Macht haben. Das Virus ist eine gute Erinnerung, dass dem nicht so ist und wir niemals in die Zukunft schauen können.

 In Bezug auf die Kunst ist die Veränderung der Perspektive momentan eher vage. Ich glaube, da habe ich die Bedeutung und den Einschnitt, der sich gerade vollzieht, noch nicht verarbeitet oder verstanden. Ich denke, das wird erst mit der Zeit passieren. Im Moment stellt sich auf jeden Fall die Frage, die sich sowieso oft in der Kunst stellt: Ist das, was ich mache, relevant? 

FR: Was bedeutet Neubeginn / Wiedergeburt für dich?

BP: Neubeginn und Wiedergeburt hören sich kurzfristig an. Ein neues Kapitel wird aufgeschlagen, man wendet das Blatt und plötzlich ist etwas Neues da. Ich denke aber, dass es oft ein sehr langsamer Prozess ist. So ähnlich wie Alterungs- oder Heilungsprozesse, die jeden Tag stattfinden, ohne dass wir sie wahrnehmen können. Oft sind Veränderung und Neubeginn (so gut sie im Nachhinein sind) mit Schmerzen behaftet. Ein Neubeginn bedeutet, etwas Altes und Vertrautes loszulassen und einen Schritt ins Unbekannte zu gehen. Je älter wir sind, desto schwerer fällt uns das. Wir spüren in dem Neubeginn erstmal oft nur den Schmerz der Abwesenheit des Vertrauten. Unter dem Schmerz wächst aber das Neue – darauf zu vertrauen und dem Neuen Zeit und Raum geben, das ist das Schwierige am Neubeginn.

 

Bilder: Birthe Piontek aus der Serie Janus 

Interview: Sina Braetz

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