Legende: Wislawa Szymborska

vor 6 Jahren

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Wislawa Szymborska war seit den 50er Jahren die wichtigste Dichterin Polens, vielleicht sogar Europas. Mit ihrer politischen, poetischen und immer lebensnahen Lyrik begleitete sie die Zeitläufe vom Zweiten Weltkrieg bis zum 11. September. Ans Herz gehen vor allem ihre Liebesgedichte, an denen sie bis kurz vor ihrem Tod am 1. Februar 2012 arbeitete.

„Wenn ich schreibe, habe ich immer das Gefühl, jemand steht hinter mir und schneidet Grimassen. Deshalb hüte ich mich, so gut ich kann, vor großen Worten“, sagte Wislawa Szymborska (sprich Wiswoawoa Schimborrska), die Literaturnobelpreisträgerin von 1996. Ihre Scheu vor hochtrabenden Worten, die Beschäftigung mit den kleinen Dingen, in denen Syzmborska immer wieder auf das Große verwies, und das Insistieren auf dem Menschlichen kennzeichneten ihre ironisch-präzisen Gedichte.

Was die Poesie betrifft, so befand sie, könne man Lyrik nicht einfach mögen „wie einen alten Schal“, „wie Nudelsuppe“ oder wie andere Leute „gern einen Hund streichelten“. Poesie sei das, was man zum Leben benötige, aber gar nicht so genau wisse, wieso: vielleicht eine Intensität des Fühlens kombiniert mit der Intensität des Denkens. Um den quälenden Aspekt jener, die Gedichte lieben oder schrieben, wusste Szymborska nur zu gut und lobte dementsprechend ihre Schwester, unter deren Dach sie sich „gesichert“ fühlte, denn weder diese noch deren Mann „schrieben um nichts in der Welt Gedichte“. Und um nichts in der Welt konnte Szymborska damit aufhören.

In Polen fanden ihre Arbeiten lange vor dem Literaturnobelpreis überwältigende Resonanz. Szymborskas Bücher, mit einer für Lyrik immens hohen Erstauflage von 10 000 Stück, waren meist schon nach einer Woche vergriffen. In Deutschland hingegen, so meinte Hans Magnus Enzensberger einst polemisch, existierten pro Lyrikband überhaupt nur 1354 Menschen, die ihn in die Hände nehmen würden. Bei Auflagenzahlen selbst für renommierte deutschsprachige Dichter von aktuell rund 1000 Exemplaren ist Enzensbergers Schätzung wohlmöglich noch übertrieben optimistisch. Ein Ernst Jandl konnte sich als Verkaufsschlager behaupten, doch auch der konstatierte bissig-humorig: „die rache / der sprache / ist das gedicht“.

Szymborska nannte sich selbst gar nicht gerne eine Lyrikerin. Sie hat auch keine Avantgarde-Lyrik geschrieben. In dem, was in nur scheinbar schlichter Sprache daherkommt, verbergen sich zwar verschiedene Bedeutungsebenen, doch es hat nicht den Anstrich, intellektuell zu sein – obwohl sie das ist. Man braucht den geisteswissenschaftlichen Hintergrund nicht, um einen Zugang zu ihren Gedichten zu finden. Denn sie treffen sofort und direkt, zielsicher und unmittelbar ins Herz. Am anrührendsten und offensten sind vielleicht ihre Liebesgedichte, etwa dieses: „Er sah, sein Blick gab mir Schönheit, / und ich empfing sie als meine. / Glücklich, verschlang ich einen Stern.“
Oder jenes, in dem sie von der Angst spricht, den Geliebten zu verlieren, weil man nicht mehr aufregend, neu und anders sei: „Ich bin zu nah, um einzutreten wie ein Gast, / vor dem die Wände sich gleich öffnen / (…) jetzt bin ich zu nah, / zu nah, als dass er von mir träumte. / Ich zieh‘ den Arm unter dem Kopf des Schlafenden hervor, / erstarrt, voll ausgeschlüpfter Nadeln“. Und von der Verzweiflung der Liebenden: „Ich Dumme, ich Dumme, / mich mit der Welt einzulassen.“ Aber auch vom Zärtlich-Vertrauten berichtet Szymborska mit Weisheit: „Er kam zurück. Sagte nichts. / Klar, dass er Ärger hatte. / Legte sich hin in Kleidern. / Verbarg den Kopf in der Decke. Zog seine Knie an. / Er ist vierzig, doch nicht in diesem Moment. (…) Morgen wird er den Vortrag halten über Homöostase / in der megagalaktischen Kosmonautik. / Vorläufig liegt er zusammengerollt und schläft.“

Wislawa Szymborska wurde am 2. Juli 1923 in Bnin, einem kleinen Dorf in der Nähe von Posen (Poznan) geboren. Ihr Vater war ein höherer Beamter und auch derjenige, der ihre intellektuelle Grundhaltung prägte, dass nämlich das Denken seinen Ursprung immer in der Verwunderung habe. 1931 zog die Familie nach Krakau. So, wie Kafka zu Prag gehört, sollte Szymborska mit der kulturellen Sphäre ihrer neuen Heimatstadt verwachsen, hier begann ihre literarische Karriere. Als die Deutschen 1939 Polen überfielen, beschaffte sich Szymborska Arbeit bei der heimischen Bahn, um ihre Deportation in ein Arbeitslager zu verhindern. Während des Krieges ging sie in das heimlich weitergeführte Ursulinen-Gymnasium und legte dort ihr Abitur ab. Bereits 1945 veröffentlichte sie ihr erstes Gedicht „Szukam slowa“ (Ich suche Worte) in einer Tageszeitung. Ihr erster Poesieband wurde von der polnischen Zensur verboten, ihre nächsten beiden Bücher, die 1952 und 1954 erschienenen, wurden aber dann mit Preisen überhäuft. Waren sie doch das, was das Regime als „engagierte Lyrik“ einstufte – und der Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki als „leider enttäuschend“ (ganz im Gegensatz zu ihren darauf folgenden Gedichten). 1957 begründete dann der Band „Rufe an Yeti“ ihren literarischen Durchbruch.

Mittlerweile hatte sie den Dichter Adam Wlodek geheiratet, sich nach nur wenigen Jahren (wohlgemerkt im damals hochkatholischen Polen) wieder scheiden lassen und war mit dem Schriftsteller Kornel Filipowicz zusammengekommen. 1966 trat sie aus der Arbeiterpartei aus und engagierte sich heimlich in Untergrundzeitschriften. Auf die Furcht des kommunistischen Apparates vor freiem Denken antwortete Szymborska lakonisch in einem Gedicht; „Es gibt keine schlimmere Ausschweifung als das Denken“.

Ihren anfänglichen Enthusiasmus für den Sozialismus sollte Wislawa Szymborska sich selbst am wenigsten verzeihen. Als Folge wurde sie „zutiefst misstrauisch gegenüber allen Gängelungen durch hochtrabende Programme“. Zu ihrer Parteivergangenheit äußerte sie sich erst 1991 öffentlich: „Ich konnte dieser gefährlichen Verlockung leider nicht widerstehen, wovon meine ersten zwei Gedichtbände zeugen. (…) Das war die schlimmste Erfahrung in meinem Leben.“

Szymborska verschrieb sich fortan dem Individuum. Ihr Einsatz war geprägt von der Erfahrung des Krieges. Dort, wo man die Vergangenheit verschweigen wollte, insistierte Szymborska auf dem Gedanken an die Toten und dem begangenen Unrecht: „Schreib’s auf. Mit gewöhnlicher Tinte / auf einem gewöhnlichen Blatt Papier: Man gab ihnen nicht zu essen, / sie starben vor Hunger. Alle? Wieviele? / Die Wiese ist groß. Wieviel Gras entfiel / auf einen? Schreib auf: Ich weiß es nicht. / Die Geschichte rundet die Skelette auf bis zur Null. / Tausend und einer sind immer noch tausend. (…) Am Stacheldrahtrost / wankte ein Mensch. / Man sang, den Mund voll Erde, ein schönes Lied / davon, dass der Krieg das Herz in der Mitte trifft.“

Auch mit fortschreitendem Alter verschloss sich die große Dichterin nicht vor den Belangen ihrer Zeit. Auf die Bilderflut des 11. September antwortete sie, indem sie jene Schreckensszenarien nicht nachzeichnete. Sie sagte über jene Menschen, die kurz davor waren, aus den brennenden Türmen des World Trade Center zu springen: „Zwei Dinge nur kann ich für sie tun / diesen Flug beschreiben / und den letzten Satz nicht hinzufügen.“ Dieser Verzicht ist es, der ihre Geschichte so menschlich machte.

Szymborska attestierte man zwar ihre eigene Handschrift, ihren Stil veränderte sie von Gedicht zu Gedicht. Mehrfach äußerte sie dementsprechend ihren Unmut, ein poetisches Credo zu formulieren. „Poesie / was aber ist das, die Poesie / Manch wackelige Antwort fiel / bereits auf diese Frage. / Ich weiß nicht und ich weiß nicht / und ich halte mich daran fest, / wie an einem rettenden Geländer.“ Auch in ihrer Nobelpreisrede betonte sie, dass ihr diese drei Wörtchen „Ich weiß nicht“ lieb und teuer sei: Denn wer nicht wisse, der höre nicht auf zu fragen.

Der 1996 an Szymborska verliehene Literaturpreis und der damit verbundene Medienrummel veränderten ihr Leben gehörig. Sie nahm die Ehrung an und hielt eine der kürzesten und uneitelsten Reden in der Geschichte der Verleihung. Das Preisgeld in Höhe von – heute – über einer Millionen Euro stiftete sie für soziale Zwecke und zog sich zurück in ihre Krakauer Stille. „Ich bin keine kulturelle Institution“, sagte sie in einem ihrer wenigen Interviews. Sie könne sich nicht ständig zeigen und „von acht Uhr morgens bis zehn Uhr in der Nacht reden, reden, reden“. Sie müsse Zeit zum Schweigen haben, denn Poesie sei die „am wenigsten fotogene Zunft“ und entstehe in der Stille. Aus der sie ab und an wenige, aber beachtliche Gedichte in die Welt schickte.

Szymborska war starke Raucherin. An einen Freund schrieb sie: „Als auf mich der Nobelpreis fiel, begriff ich, dass die Werke meiner illustren Vorgänger wie Thomas Mann oder Hermann Hesse ebenfalls im Qualm entstanden. Ich bezweifle, dass das Nikotinkaugummi der Literatur gut tun wird.“ Auch ihr Lungenkrebsleiden konnte sie nicht umstimmen. Im Alter von 88 Jahren starb sie in ihrem Bett. Bis zuletzt hat sie an ihren Gedichten gearbeitet.

Wislawa Szymborska verstarb am 1. Februar 2012 im Alter von 88 Jahren in Krakau. Die Literatur-Nobelpreisträgerin wurde Anfang der 90er in Deutschland mit dem Goethe-und dem Herder-Preis ausgezeichnet.  Szymborksa studierte drei Jahre Literatur und Soziologie, brach das Studium aber ab. 1945 veröffentlichte sie ihr erstes Gedicht mit dem Titel „Szukam slowa“ (Ich suche Worte) in einer Tageszeitung. Bis zu ihrem Tod lebte sie zurückgezogen und schrieb.

Fotos: Joanna Helander
Text: Nella Beljan

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 6

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