Sehnsucht nach ewiger Jugend

vor 3 Jahren

Fräulein im Interview mit Designerin Anne Sofie Madsen: Die Leidenschaft der dänischen Designerin Anne Sofie Madsen ist eine ganz Besondere. Sie wird von ihrem Verstand zu einem faszinierenden Resultat herausgefordert. Ein Gespräch über Anti-Konsum, Magie, Drogen und die ewige Jugend.

Was bedeutet Schönheit für dich? Erinnerst du dich an ein Bild aus deiner Kindheit, was deine Idee geprägt hat?
Ich glaube, dass ich als Kind niemals über Schönheit nachgedacht habe. Ich bin auf einer kleinen Insel aufgewachsen und ich würde meine Kindheit als sehr geschlechts-neutral bezeichnen. Meine Haare waren kurz, ich habe mich nie wie ein Mädchen angezogen und meine Eltern haben mir nie spezielle Bücher für Mädchen vorgelesen. Mein Aussehen hat nie eine Rolle gespielt und das hat mir eine totale Freiheit vermittelt. In meinem ersten Schuljahr waren die Leute immer unsicher, ob ich nun ein Junge oder Mädchen bin.

Du wolltest als Kind Cartoonist werden. Warum?
Ich zeichne schon länger als ich denken kann – sogar länger als ich sprechen kann. Ich bin mit Geschwistern aufgewachsen, die alle wussten, wie man malt und zeichnet. Die Illustration hebt sich im Prozess von allen anderen Dingen, die ich mache, stark ab: Ich kann es komplett alleine tun. Ich kann entscheiden, wie alles aussieht und es verändern, wenn ich es möchte – z.B. die Welt auf den Kopf stellen und die Erdanziehungskraft vergessen. Es fühlt sich wie eine eigene Sprache an, die nur ich spreche, aber anderen Menschen erlaubt, sie zu verstehen.

Was ist dein Lieblingscartoon und warum?
Nausicaa aus dem Tal der Winde, ich liebe Hayao Miyazakis Filme. Er spielt in einer postapokalyptischen Welt, der toxische Dschungel voller Schwärme gigantischer Insekten ist wunderschön.

Wenn du dir eine Superkraft aussuchen könntest, welche wäre das?
Ewige Jugend.

Superman oder Batman und warum?
Frank Millers Batman. Ich liebe die Dunkelheit. Und ich liebe die Tatsache, dass Batman keine Superkräfte hat, sondern nur eine Menge cooles Equipment.

Hast du jemals unter dem Einfluss von Drogen designt?
(lacht) Das ist eine coole Frage. Ich tue es wahrscheinlich mehr als ich sollte, aber ich habe auch ein hohes Maß an Selbstkontrolle.

Was war dein Schlüsselerlebnis, während du mit John Galliano gearbeitet hast?
Es war ein unglaubliches Erlebnis, Steven Robinson während der Fittings zu assistieren. Dadurch habe ich viel gelernt. Schon allein anwesend zu sein – ich glaube, ich habe mich dadurch getraut, Mode als eine sehr persönliche Empfindung wahrzunehmen. Auch wenn das manchmal heißt, seine zerbrechliche oder weniger schmeichelhafte Seite zu zeigen.

Wie würdest du den Widerspruch in deinen Kollektionen beschreiben? Was fasziniert dich daran?
Ich finde den Kontrast und die Grenzen zwischen primitiv und zivilisiert, exotisch und klassisch, barbarisch und elegant, futuristisch und historisch sehr spannend und auch wichtig, v.a., wenn es darum geht, wie wir Körper, Gender und Mode wahrnehmen. Diese vier gegensätzlichen Paare sind in jeder meiner Kollektionen sehr präsent. Ich schätze, genau das fasziniert mich so. Vollständigkeit und Simplizität langweilen mich schnell.

Was und wer hat dich für deine Spring/Summer 17 Kollektion inspiriert?
Bevor ich mit der Recherche für die aktuelle Kollektion anfing, habe ich das Buch „The Queer Art of Failure“ von Jack Halberstam gelesen. Obwohl es keine direkte Verbindung zu dem Buch in meiner Kollektion gibt, war es irgendwie mein Ausgangspunkt. Ich hatte diese Idee von Misserfolgen als eine Art des Heranwachsens und Werdens.

Was war die größte Herausforderung in der Kollektion?
Etwas nicht zu vollenden, während ich es fertigstellte.

In deinem eigenen Markenprofil liest man, dass du die Grenzen in der Alltagskleidung herausfordern möchtest. Gibt es überhaupt noch Limits oder Grenzen in der Mode, die gebrochen werden sollten?
Ich glaube an einen vergessenen und übersehenen Blick auf die Nachhaltigkeit in Form von handwerklichem Können und Anti-Konsum. Für mich ist Mode ein außergewöhnliches Medium, weil es tragbar ist. Ich liebe den Gedanken, dass meine Kleidung als Teil eines anderen Lebens endet und ein Part der Geschichte von jemand anderem wird – als Fotos auf ihrem Handy, als Erinnerung an die verrückteste Party oder an ein gebrochenes Herz. Ich habe nie richtig die Idee verstanden, untragbare Kleidung zu machen. Dann würde es doch viel mehr Spaß machen, gleich eine Skulptur zu machen.

Welchen Markt willst du als nächstes erobern?
Deutschland, wenn ihr es zulasst (lacht).

Wie relevant schätzt du den deutschen Markt ein? Welche Rolle spielt Berlin für dich?
Ich glaube, der deutsche Markt ist ebenso relevant wie wichtig. Für mich ist Berlin mein Tor zu Deutschland – und einer meiner liebsten Städte in Europa.

Hast du persönliche Erlebnisse gemacht mit Berlin?
Ich bin mit meinem Freund nach Berlin gezogen, bevor ich weiter nach Paris ging. Ich war aber nicht lange dort – zu viele Partys und zu viele Versuchungen. Ich glaube auch, dass die Modeszene damals noch ganz anders war und ich bin wirklich froh, nach Paris gezogen zu sein. Aber ich liebe Berlin – es ist groß und wunderbar. Offensichtlich nicht nur in Quadratmetern, sondern auch in seiner Art. Mein Freund Esben Weile Kjær und ich hatten letzten Winter eine Performance im M.I. und diesen Sommer hatten wir eine Show zusammen im SOUVENIRby.

Wie wichtig sind Träume und Sehnsüchte in der Mode, v.a. im Hinblick auf Design und Kunden?
Ich glaube, Träume oder Sehnsüchte sind absolut entscheidend und mindestens eines von beiden benötigt die Mode.

Die Geschwindigkeit unserer Zeit tötet Magie – stimmst du dieser Aussage zu?
Nein, da bin ich nicht so sicher. Einer der wichtigsten Gründe, warum ich mir die Modebranche ausgesucht habe, ist meine Faszination an Geschwindigkeit. Ich liebe Bewegung und Veränderungen. Ich persönlich denke, dass eher die Besessenheit nach finanziellem Wachstum die Magie tötet.

Hast du jemals eine Entscheidung in deinem Leben wirklich bereut?
Ja, und ich glaube ich tue das immer wieder. Manchmal verfolgen mich Kleinigkeiten wie „Warum hast du dich für die Tasche entschieden und nicht für die andere…“ Und manchmal bereue ich wirklich, mich für die Mode entschieden zu haben. Ich glaube aber, dass es auf irgendeine Art auch ein Segen ist, der Teil eines Systems zu sein, wovon du nicht komplett überzeugt bist. Das lässt dich jeden Schritt, den du gehst, hinterfragen.

Hast du Idole in deinem Leben? Persönlich oder beruflich?
Ja, viele. Zu viele, um welche zu erwähnen.

Beitrag: Sina Braetz
Bilder 1 bis 5: Nicolò Bagnati
Bilder 6 bis 13: Nicolaj Didriksen

Exklusiv für Fräulein

 

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