Shopping mit leeren Händen

vor 8 Monaten

„Creativity loves company“ strahlt einem der Neon-Schriftzug beim Betreten des neuen Freiraum Stores entgegen. Hierbei handelt es sich nicht nur um irgendeine weitere Wand-Weisheit, sondern um ein Geschäftsmodell.

 

„Retail-as-a-Service“ heißt das Konzept, auf dem der frisch eröffnete Laden an der Friedrichstraße in Berlin basiert. Hier hat der Kunde die Möglichkeit, Produkte von jungen internationalen Brands, die sonst nur Online agieren, in der analogen Welt anzufassen, auszuprobieren, zu riechen, schmecken oder zu fühlen. Auf den insgesamt 350 Quadratmetern finden sich derzeit 45 Marken aus den Bereichen Fashion, Beauty, Accessoires, Lebensmittel und Interior. Allerdings gilt: Nur gucken und anfassen, nicht aber mitnehmen – zumindest nicht direkt.

Im Freiraum ist jedes Produkt nur einmal vorhanden und mit einem QR Code versehen, über den der Kunde mit der Freiraum-App an weitere Produktinformationen gelangen oder es dem guten alten virtuellen Einkaufswagen hinzufügen kann. Der Kauf wird dann direkt über das jeweilige Unternehmen abgewickelt und dem Käufer anschließend bequem nachhause geliefert. Durch die geringe Menge an Produkten erinnert der Laden eher an eine sorgfältig kuratierte Gallerie, als an ein Geschäft. Jedes Label hat seine eigene Ecke, in der es individuell präsentiert wird. Das Modell ermöglicht den Digital Native Brands, ihre Produkte jenseits des Bildschirms zu präsentieren und so ihre Kunden auf anderen Kanälen zu erreichen. Aber lohnt es sich als Marke überhaupt noch auf den Einzelhandel zu setzen, in einer Zeit, in der jede zweite Kaufentscheidung ohnehin durch Social Media beeinflusst wird und der Online-Handel 10 mal schneller wächst als der stationäre? Statistiken sagen ja. Laut einer Studie von Mood Media stellt das Einkaufserlebnis für 78% aller globalen Konsumenten nach wie vor einen wichtigen Faktor in der Kaufentscheidung dar. Auch die Gründer Franz de Waal und Emanuel Elverfeldt sind der Meinung, das Produkt mit allen Sinnen zu erleben, anstatt es nur 2-Dimensional über den Bildschirm zu „swipen“, inspiriere und schaffe tiefere Markenverbundenheit.

Ursprünglich hatte keiner der beiden Gründer irgendetwas mit Mode oder dem Einzelhandel zu tun. Beide kommen ausdem Immobilienbereich, in dem sie häufig erlebten, wie Mietpreise für Geschäfte in zweitklassiger Lage immer billiger werden und schließlich leer stehen, während die Preise für Online-Marketing in die Höhe schießen. Viele Online Brands wünschen sich daher einen Zugang in die Einkaufsstraßen, sind aber nicht bereit das finanzielle Risiko für Ladeneinrichtung und jahrelang gebundene Mietverträgen einzugehen. Mit Freiraumbieten de Waal und Elverfeldt solchen Marken die Möglichkeit sich quasi ohne Investment auf der Verkaufsfläche auszuprobieren. Die beiden vergeben lediglich Monatsmieten und alle zwei Monate soll das Markenangebot rotieren. „Der konventionelle Laden, wie wir ihn bisher kannten, wird künftig in einen erlebnisorientierten, digital angebundenen Marketing Kanal umfunktioniert. Online und Offline werden miteinander verknüpft. Als Marktplatz bietet Freiraum diese Schnittstelle für eine ständig wechselnde Kuration an spannenden Marken“, so Gründer Emanuel Elverfeldt. Wer einziehen darf, richte sich danach, wer eben so zur Friedrichstraße und der Gesamtzielgruppe passt. Bisher handelt es sich bei Freiraumnoch um ein Pilotprojekt. Langfristig wollen die Gründer ein Netzwerk mit ihrem Geschäftsmodell ein Netzwerk erschaffen, das sich über mehrere Städte erstrecken soll.

Text: Ann-Kathrin Lietz

Bilder: Yuto Yamada

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