Das trage ich für die Ewigkeit: Hanayo

vor 4 Monaten

Die Tokioter Performance-Künstlerin, Fotografin und Musikerin Hanayo arbeitete als Geisha, als Model für Jean Paul Gaultier und als Darstellerin in den Stücken Christoph Schlingensiefs. Ein Gespräch über Tradition, den Tod in Japan und einen ganz besonderen Kimono.

Fräulein: Was tragen Sie für die Ewigkeit?
Hanayo: Ich würde meine analoge Olympus mit ins Grab nehmen, ein Geschenk meines Vaters. Mit der Kamera habe ich das Fotografieren in einem Foto-Club gelernt, den ich eigentlich nur besucht habe, weil ich in den Lehrer verknallt war – jetzt mache ich schon seit 30 Jahren Kunst damit. Und ich würde den schönen Kimono meiner Großmutter für die Ewigkeit tragen. Sie ist wohl der Grund, weshalb ich die traditionellen Dinge so sehr liebe.

Sind Sie wegen ihr Geisha geworden?
Im Endeffekt schon. Aber ihr gefiel es überhaupt nicht, dass ich in dieser modernen Zeit noch so etwas gelernt habe. Sie war Lehrerin und kam aus einer ganz normalen Familie. Für gewöhnlich kamen Geishas aus armen Familien und ihr Image war schlecht. Die Welt der Geishas ist aber wunderschön. Ich habe sieben Jahre in dem Beruf gearbeitet und lerne immer noch neue traditionelle japanische Unterhaltungskünste, wie gerade Tanz. Es ist mein Leben, das hört nie auf, auch wenn ich im eigentlichen Sinn nicht mehr als Geisha arbeite. Ich lerne immer weiter. Man braucht viel Disziplin dafür. Mich hat das Traditionelle immer sehr interessiert, weil ich modern erzogen wurde. Man interessiert sich ja oft für das, was man gerade nicht hat.

War Ihre Großmutter wie eine Freundin für Sie?
Ich war das einzige Mädchen in der Familie, darum bekam ich sehr viel Aufmerksamkeit von ihr. Wir hatten eine ganz besondere Beziehung. Sie war mir sehr wertvoll. Darum würde ich ihren Kimono auch mit ins Grab nehmen. Wenn ich ihn trage, fühle ich mich ihr nah.

Wie ist sie gestorben?
Sie war schon über 80. Mein Großvater starb zuerst und wie das oft bei alten Menschen ist, die sich lieben, hatte sie auch den Wunsch, zu gehen. Ihre letzten Wünsche waren, zu sehen, wie ich in einem weißen Kimono heirate, und ihr Enkelkind zu sehen. Darum heirateten wir sehr schnell mit 24 Jahren und bekamen eine Tochter. Die noch unerfüllten Wünsche haben sie am Leben gehalten. Als beide erfüllt wurden, starb sie nach einigen Monaten. Leider konnte ich nicht bei ihr sein. Ich lebte in London, war allerdings gerade in Berlin, weil ich in einem Stück von Christoph Schlingensief am Berliner Ensemble mitgewirkt habe. Normalerweise wäre ich sofort abgereist, aber ich hatte eine Hauptrolle und es war sehr wichtig. Ich konnte nicht zur Beerdigung kommen, was meine Familie sehr wütend gemacht hat, weil ich ihr am nächsten stand.

Wie sieht eine typische japanische Beerdigung aus?
Es ist eine schöne Zeremonie. Besonders habe ich die Beerdigung meines Großvaters in Erinnerung, des Mannes der Großmutter mit dem schönen Kimono. Es war hoch in den Bergen, wo sie gelebt haben. Heutzutage werden die Leichen normalerweise eingeäschert und die Urnen begraben, aber bei dieser Zeremonie war es anders. Es hat geschneit und mein Großvater trug einen weißen Kimono und einen dreieckigen Hut. Sie haben ihn hochgehalten und in eine Kiste gelegt; nicht wie ein Sarg, sondern quadratisch. Etwas Schwarzes und Rotes kam aus seinem Mund und kontrastierte das Weiß. Es war nicht unheimlich, sondern sehr schön. Dann haben die Männer aus der Familie die Kiste getragen. Ich war als einziges Mädchen an der Spitze des Zuges und trug Papierblumen. Wir liefen durch das Dorf und haben dann die Kiste begraben. Ich habe so etwas nie wieder gesehen. Meine Großmutter wollte nicht dabei sein. Ich sollte sie davon überzeugen, aber sie wollte nicht. Sie sagte: Mein Mann geht nirgendwo hin.

Wie stellen Sie sich Ihre Beerdigung vor? Auch traditionell japanisch?
Ich freue mich immer sehr, Menschen zu treffen, die ich lange nicht gesehen habe. Bei meiner Beerdigung soll es genau so sein. Alle, die mir wichtig waren, kommen noch einmal zusammen; eine große Zusammenkunft. Die Musik oder das Essen sind mir egal, ich würde meine Tochter darum bitten, es den Gästen so angenehm wie möglich zu machen. Hauptsache, sie wären alle da.

Welche Rolle spielen die Ahnen in Ihrer Kultur?
Es gibt einen besonderen Tag, den 15. August, an dem die Seelen zurückkommen. Wir treffen uns in den Familien und beten zusammen.

In der japanischen Kultur spielt die Jugend plötzlich eine sehr große Rolle, während früher alte Menschen regelrecht verehrt wurden. Alles soll jetzt bei Frauen kawaii, also niedlich sein. Gibt es eine neue Angst vor dem Altern?
Alte Menschen werden schon noch sehr hoch angesehen. Allerdings sieht man in der Werbung nie faltige Gesichter und in der Mode werden Frauen von jungen Mädchen gespielt. Meine Tochter ist 19, sie modelt, seit sie 13 war und stellt mit viel Schminke und der entsprechenden Kleidung oft eine Frau um die 30 dar. In Pornofilmen ist es ähnlich: Der Körper ist noch nicht voll entwickelt, aber die Mädchen werden als Frauen inszeniert. Das verschiebt das Verhältnis zwischen Aussehen und Alter. Früher war das anders, nach dem Krieg und besonders in den vergangenen Jahren hat sich das Leben in Japan drastisch verändert. Der Jugendwahn kam ins Land. Junge Frauen wurden früher eher zu Hause versteckt, hatten langes Haar und trugen viele Lagen Stoff, lange Kimonos. Sie hatten sehr helle Haut, wie Prinzessinnen. Das war eine besondere Schönheit der japanischen Frauen. Heute sind sie stark geschminkt und tragen Lolita-Outfits mit kurzen Röcken. Weil es plötzlich viel mehr Freiheiten gab, gibt es heute diese extreme Ausprägung.

Wie unterscheidet sich der Umgang mit dem Tod in Japan von dem in Deutschland?
In Japan gibt es zum Beispiel noch die Todesstrafe für Mord, das hat was mit dem Gedanken der Vergeltung zu tun: Es macht zwar niemanden wieder lebendig, aber der Gerechtigkeitssinn wird wohl befriedigt. Dazu kommt der religiöse Aspekt; jemand opfert sein Leben für das, das er ausgelöscht hat.

Was halten Sie davon?
Viele Leute können es nicht fassen, dass es in Japan noch die Todesstrafe gibt. Und das Land ist dadurch sicher nicht weniger kriminell. Wenn jemand meine Tochter töten würde, würde ich das wohl auch fordern. Ich weiß es nicht genau. Es ist Teil der Kultur und schwer zu sagen, wenn man selbst Japanerin ist. Das Verhältnis zum Tod ist ein anderes.

Inwiefern?
Es gibt den Gedanken der Selbstopferung, wie zum Beispiel bei den Kamikaze-Soldaten, die sich in den Tod gestürzt haben, um etwas Größeres zu erreichen. Sie haben dem Tod ins Auge gesehen. Auch Mishima, einer der bekanntesten japanischen Schriftsteller, schlitzte sich den Bauch mit einem Schwert auf, als er politisch am Ende war. Für etwas zu sterben ist durchaus mutig.

Gehört das zur japanischen Kultur?
Er hatte das lange geplant und dann ohne zu zögern umgesetzt. Diese japanische Art zu sterben ist schon einzigartig in dieser Form. Heute gibt es in der islamischen Welt auch Selbstmordattentäter, aber das ist etwas anderes. Schrecklich.

Sie haben auch im berühmten Selbstmordwald Fotos gemacht, richtig?
Ja, Aokigahara mit einer Band. Es ist ein schöner, dichter Wald. Nicht so dunkel, wie man es sich vorstellt. Es ist ein Ort, an dem viele Menschen sterben. Die Selbstmordrate in Japan ist sehr hoch.

Wie erklären Sie sich das?
Die Bedeutung des Todes ist eine andere. Außerdem zählt das Individuum weniger als beispielsweise in Deutschland. Es ist nicht einfach, sich selbst zu verwirklichen und es ist sehr schwer, anders zu sein. Darum sind viele Menschen frustriert. Als ich jung war, habe ich auch sehr darunter gelitten, nicht so zu sein wie die anderen. Ich wollte niemanden verletzen, sondern nur so sein, wie ich bin. Ständig war etwas falsch. Ich habe so hart dafür gearbeitet, wie die Anderen zu werden (hat Tränen in den Augen). Vielen geht es so. Einige sind Autisten, andere haben Asperger. Ich bin jetzt zum Glück Künstlerin geworden und lebe in der Kunstwelt, die in Japan viel freier ist. Ich muss kein Teil einer Firma sein. Wenn man aber in diese Armee der Normalen eintreten muss, kann ich mir vorstellen, dass es einige nicht mehr aushalten.

Es gibt in Japan ja sogar einen eigenen Begriff für Menschen, die sich aus genau diesen Gründen isolieren und die Wohnung über Jahre nicht mehr verlassen: Hikikomori.
Ja, wir haben ein eigenes Wort dafür. Ich kenne aber auch in Berlin Leute, die ihre Wohnung nicht verlassen. Bei ihnen liegt es allerdings eher daran, dass sie kein Geld haben und faul sind (lacht).

Was kommt nach dem Tod?

Reinkarnation. Die meisten Japaner sind Shintoisten und glauben an Wiedergeburt, ich auch. Es gibt in dieser Religion Animismus, Pilze, Pflanzen und Tiere spielen eine wichtige Rolle.

In welcher Gestalt haben Sie früher gelebt?
Es gibt viele Lebensformen, man muss also nicht unbedingt als Mensch wiedergeboren werden. Ich glaube fest, dass ich früher als Tier gelebt habe. Es fühlt sich für mich alles neu an und ich habe oft das Gefühl, alles erst mühsam lernen zu müssen, was für viele Menschen selbstverständlich und einfach ist.

Welches Tier waren Sie?
Ich denke, eines, das auf vier Beinen läuft. Ich träume sehr oft, dass ich renne und mich dabei auf allen Vieren fortbewege, fliehe und durch den Wald streife.

Können Sie sich vorstellen, ewig zu leben?
Nein. Ich mag den Gedanken, älter zu werden. Ich hatte letztes Jahr Brustkrebs und habe mich selbst darauf vorbereitet, zu sterben. Seitdem habe ich einen anderen Bezug dazu. Ich bin seitdem gelassener und weiß, dass ich bis jetzt schon ein tolles Leben hatte. Ich will auf keinen Fall ein Pflegefall werden. Aber ich möchte schon gerne eine alte Frau werden; eine elegante, weise Dame mit weißen Haaren und Kimono, die ein einfaches Leben auf dem Land führt – wie meine Großmutter.

Info:
Aktuell ist Hanayo Nakajima aka Hanayo (45) in der neuen Ferragamo-Kampagne zu sehen. Mit ihrer Tochter lernte sie im letzten Jahr traditionellen japanischen Tanz.

Foto: Hanayo
Interview: Maja Hoock

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein 3/2015

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