Inspiration: Zögern, Zweifeln und Träumen mit Robert Musil

vor 2 Jahren

In der Rubrik „Inspiration“ berichten wir direkt aus dem Alltag unserer Redakteure und Autoren. Heute erzählt unser Kollege Robert, was ihn an der Kurzgeschichte „Die Amsel“ von Robert Musil inspiriert.

Das schöne an einem Wohnungsumzug ist, dass man Habseligkeiten wiederentdeckt, die in Umzugskisten vor sich hin träumen: z.B. alte Plüschtiere, überschwängliche Liebesbriefe oder Bücher, die man immer wieder liest. In meinem Fall ist das ein Text des österreichischen Romanautors Robert Musil. Nach meinem Umzug vom Stadtteil Wedding nach Mitte in Berlin fiel mir im Juli Musils Kurzgeschichte „Die Amsel“ in die Hände, eine Taschenausgabe aus den 80er Jahren, vergilbt mit schlechter Covergestaltung. Das Buch hatte ich 2010 von einem amerikanischen Buchhändler über Amazon bestellt als ich ein Praktikum in New York machte. Die Ausgabe kostete 8,91 $, so steht es auf der Rechnung, die ich zwischen den Seiten fand als ich durchs Buch blätterte.

Es ist eine merkwürdige Geschichte, eigentlich ist es nur eine Szene zwischen zwei Figuren, die Aeins und Azwei heißen. Sie unterhalten sich auf einem Balkon in einem Berliner Hinterhof, Anfang des 20. Jahrhunderts, kurz nach der Jahrhundertwende, in der Berlin seine industrielle Revolution erlebte. Es ist fast am Abend und die Figuren sprechen über das Sprechen. Das tun sie, um sich selbst zu versichern, dass sie sich wirklich unterhalten. Das klingt abstrakt und seltsam, doch sie wollen herausfinden, ob das Sprechen erst bestimmt, wer sie eigentlich sind, ein Philosophieren über Sprache und Identität. Das zieht sich durch die ganze Geschichte, in der mehrere Erzählungen in einander übergehen. Manchmal weiß man gar nicht nicht mehr, wer eigentlich was sagt. Sind Aneins und Azwei ein und die selbe Person?

Das ganze hat Musil geschickt angelegt, so dass man gerade genug verwirrt ist, um weiterzulesen. Ich bin jedes Mal berührt über diese Balkonszene, denn es nimmt mir den Druck immer zu wissen und zu entscheiden, was man gerade will. Es ist okay, wenn man nicht in jeder Lebenslage weiß, was und wohin man will und manchmal auch wer man gerade ist. In einer Welt die komplex ist, in der man viele Rollen im Alltag in der Ausbildung, im Job, in der Familie wie mit Freunden und Partner erfüllt, ist es nicht immer möglich sich sicher zu sein. Robert Musil spricht in diesem Zusammenhang vom „anderen Zustand“ – eine Gefühlslage, die man nicht beim Namen nennen kann, in der es aber, wenn man sich ihr hingebt, viele Seiten an einem selbst zu entdecken gibt, die irgendwo tief in einem schlummern. Es ist okay verwirrt zu sein, es ist okay zu zögern und manchmal sind es diese Momente, an denen man am meisten wächst.

Infobox: Menschen, die Ahnung von Literatur haben nennen Robert Musil den wichtigsten Romanautor des 20. Jahrhunderts – neben James Joyce und Marcel Proust. Das liegt wohl daran, dass seine Texte eine besondere literarische Dichte haben, d.h. dass ihre Sprache und ihre Erzählstruktur besonders komplex ist. Bei Robert Musil verschwinden oft die Grenzen zwischen den Figuren in der Geschichte und dem Erzähler, der von ihr berichtet. So auch in seinem langen und nie fertig gewordene Buch „Der Mann ohne Eigenschaften“ – an dem sich viele Literaturwissenschaftler die Zähne reiben. Neben aller Theorie beschäftigt sich Musil mit Gefühlen, Liebe und dem Geheimnisvollen in seinen Erzählungen. 

Text: Robert Grunenberg

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