Kelela: Bis das Telefon crasht

vor 3 Wochen

Mit ihrem Anfang Oktober veröffentlichtem Album Take Me Apart gelang der Sängerin Kelela endgültig der Durchbruch in die hohen Sphären des Pop. Dabei arbeitete sie vor kurzem noch im Callcenter. Ein Interview von einer, die nur noch im Transit lebt.

Die zierliche Frau mit den markanten Dreads sitzt im Auto auf dem Weg zum Londoner Museum Tate Modern. Sie will sich die Ausstellung Soul of a Nation: Art in the Age of Black Power ansehen. Hauptsächlich wegen eines Beitrag von Singer-Songwriter Solange Knowles, die ihre eigene musikalische Arbeit über Black Womanhood in Bezug setzt zu einer Kämpferin und Künstlerin aus den 1970er-Jahren. Kelelas PR-Assistent wählt meine Nummer und reicht ihr das Handy. Sie klingt ein bisschen müde. Mit den Gedanken vielleicht schon ein paar Sprünge weiter. Im Oktober erscheint ihr neues Album Take Me Apart.

Fräulein: Wie ist dein Verhältnis zur Kunst?

Kelela: Ich interessiere mich schon dafür, aber ich bin weder zur Kunsthochschule gegangen, noch habe ich irgendwelches Faktenwissen über Kunst. Ich fahre wegen Solange in die Tate.

Hältst du dich gerne in Museen auf?

Ich lasse mich gerne inspirieren, und das ist mir auch schon im Museum passiert. Aber ich steuere sie nicht unbedingt freiwillig an.

Wenn du dir aussuchen könntest, in den Wald oder ins Museum zu gehen? Was würdest du wählen?

Das sind eigentlich beides keine Optionen für mich. Ich treffe mich am liebsten mit Freunden und rede über Dinge, die mir wichtig sind. So verbringe ich viel Zeit.

Wohnst du gerade in Los Angeles?

Nein. Ich habe ein paar Sachen in London und ein paar in L.A. gelagert. Ich habe kein Zuhause im herkömmlichen Sinne. Ich bin da, wo es gerade Sinn macht. Und das ist immer auch mit den Menschen, die ich mag, verknüpft. An einen Ort habe ich mich noch nie gebunden. Dazu habe ich keinen Bezug. Ich mag die Sonne, egal wo sie ist. Ich liebe Musik und Kultur, und davon bekomme ich in London reichlich. In L.A. war das schwieriger. So hat jede Stadt ihre schönen und ihre nervigen Seiten.

Wie schaffst du es, zwischen dem Pendeln einen Arbeitsalltag, eine Struktur für dich zu schaffen?

Struktur ist absolut überlebensnotwendig für Menschen. Ich habe zum Beispiel ein paar Wohlfühlstrategien für unterwegs, die mir das Gefühl geben, zu Hause zu sein. Ich habe immer Teebeutel für Ingwertee dabei. Den trinke ich vor dem Schlafengehen. Außerdem nehme ich überallhin meine wunderbaren Hausschuhe von Marks & Spencers mit. Das sind meine zwei Basics.

Und wann bist du am kreativsten?

Zuletzt als ich an meinem Album Mixtape gearbeitet habe, vor allem nachts. Tagsüber musste ich im Callcenter einer Firma für Solarenergie jobben. Mittlerweile kann ich es mir leisten, wann und wo ich will an meiner Musik zu arbeiten. Das ist halt ziemlich 2017 (lacht). Ich brauche nur mich selbst, einen Computer und einen einigermaßen ruhigen Ort.

 

"Jazz zu singen ist extrem befreiend"

War es schlimm im Callcenter?

Es war okay, denn ich wusste, es wird der letzte Job sein, bevor ich genug Geld als Musikerin verdienen werde. Und das habe ich auch dem Manager gesagt, der mich eingestellt hat. Dieser Glaube hat meine Haltung zur Arbeit extrem beeinflusst. Es ist dann einfacher einen Job, der dein kreatives Potential nicht fordert, auszuhalten.

Ich habe gelesen, dass du als Sängerin in Jazz-Cafés angefangen hast. Wie kam es dazu?

Es war damals eher eine Phase des Experimentierens. Ich wollte üben und besser werden. Wenn man im Jazz besteht, kann man auch in andere Stile eintauchen. Es gibt aber auch eine bestimmte Emotion, die man nur über Jazz kanalisieren kann. Jazz zu singen ist extrem befreiend.

Welche Bedeutung hat Live-Performance für dich?

In erster Linie muss ich mich gut vorbereiten, um gut zu performen (lacht). Es ist ja noch mal ein Unterschied, ob man etwas im Studio aufnimmt oder auf der Bühne singt. Und es gibt bei Live-Auftritten eine innere Dringlichkeit, die ich sonst nicht verspüre.

Wie würdest du den Stil deines neuen Albums Take me Apart beschreiben?

Hmm … (überlegt) Electronic R‘nB? Ich habe das Gefühl, dass alle Genre-Label, die man mir gibt, irgendwie passen, aber auch nerven. Ich weiß tatsächlich nicht, wie man es wirklich benennen soll. Es ist eine Schnittfläche so vieler Einflüsse. Der Gesang kommt eher vom R‘nB, die instrumentalen Elemente aus der Club-Kultur. Ich bin mit R‘nB und Pop aufgewachsen – Janet Jackson, Maria Carey, Whitney Houston.

Pause. Kelela steigt aus dem Auto. Wenn Sie von Janet, Maria und Whitney redet, wird sie energischer. Es klingt, als würde sie über alte Freundinnen reden, die ihr sehr am Herzen liegen.

Und diese Art von Gesang ist in den letzten Jahren eben mit der sogenannten Club-Musik geclasht. In Remixes und Reprises. Es gibt ein paar Reprises von Maria Carey, die gehören zum Besten, das ich je gehört habe. Sie verschmilzt da förmlich mit der House Music. Oder Rhythm Nation von Janet Jackson, James Harris III und Jerry Lewis. Da gibt es so viele Referenzen zu Club-Musik. Und auf diese Schnittflächen habe ich mich schon immer fokussiert. Ich habe mir nichts Neues ausgedacht, ich knüpfe einfach dort an und entwickle es ein bisschen weiter. Ich bin nicht die erste, die zwei verschiedene Stile zusammenwirft. Es ging mir eher darum, das, was schon existiert, noch mal zu demontieren.

Im Musikvideo zu deinem neuen Song LMK sieht man dich in unterschiedlichen Rollen. Mit Marylin-Monroe-blonder Perücke, als Lady mit Sonnenbrille und Tuch um den Kopf, mit langen roten Haaren und Fake-Nail-Krallen und schließlich mit deinen natürlichen Dreads im weißen Kleid. Sind das alles Facetten von dir?

Ich wollte auch hier etwas aufbrechen. Aufgrund meiner Haare haben Menschen schnell Vorurteile. Das Video wirft eher eine Frage auf: „What is she?“ Es gibt nicht die eine Persona, die angenehmer wäre als die andere. Alles, was einen unterdrücken kann, kann auch ein Gefühl von Freiheit vermitteln. Und andersherum. Die Figur im Video ist alles. Sie erforscht sich selbst auf ihre Art.

Der Akku meines Telefons crasht. Die melancholische Stimme verstummt. Ich wollte sie eigentlich noch nach einem Instagram-Foto fragen: da sieht man die Künstlerin Kelela doch einmal ganz kurz an einem Ort, der mal ihr Zuhause gewesen sein muss. In einem Cheerleader-Kostüm sitzt sie auf dem Rasen eines Sportplatzes in Maryland. Um sich herum einige Pompons. Die Hände stolz in die Hüften gestemmt. Sie hat dazu gesagt: „Es gibt ein paar Dinge, die ich von der High School vermisse. (…) Ich erinnere mich, wie ich dachte, dass die beliebten Kids alle später einmal Probleme bekommen würden, denn sie wussten nicht, was Liebenswürdigkeit ist. (…) Ich vermisse es, dieses Outfit an Wettkampftagen zu tragen. Ich vermisse jedoch nicht das Gefühl, eine von zwei Schwarzen in der Klasse zu sein. Ich vermisse es nicht, von Parties ausgeladen zu werden, weil ich schwarz war. (…) Aber was soll‘s: #tbt

Kelela schmeißt jetzt ihre eigene Party.

Interview: Julia Zange
Fotos: Daniel Sannwald

Das Interview erschien erstmals in der Fräulein Ausgabe 04/17.

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