So stell‘ ich mir die Liebe vor: Sherry Hormann

vor 1 Woche

„Liebe ist Aufbruch, Härte und Sanftheit“, schreibt die Regisseurin Sherry Hormann, als wir sie nach einem Text zum Thema Liebe baten. Als Bebilderung gab sie uns ein Foto von ihrer Tochter, auf dem sie in der Salzwüste von Utah das Springen entdeckt.

Kann man für die Beschreibung so unterschiedlicher Gefühle ein und dasselbe Wort verwenden? Liebe ist: aus der Bahn geworfen zu werden. Das Unerwartete passiert. Erstürmt einen, leise oder rasch, unbemerkt, unabdinglich, auch versteckt, verhalten und doch nimmt es einen in Besitz. Geht unter die Haut, in die Nerven, die Gedanken. Malt einen Notenschlüssel über den Körper, die Melodie von Glück. Angekommen sein. Zuhause. Leichtigkeit. Für wie lange? Für die Zeit, die es währt. „Ne me quitte pas“ von Nina Simone. Wie lange? Wie lange noch? Ist es leichter verliebt zu sein als zu lieben? Braucht die Liebe sich auf, verbrennt sie? Irrt sie? Sie schmerzt. Sie fordert. Sie ist Projektion und sprengt doch die selbst so klar vorgezeichneten Grenzen. Sie macht keinen Halt vor dem, was nicht geht. Sie schert sich nichts und bleibt ehrlich. Ehrlich. Liebe ist ein täglich neuer Aufbruch. Poesie und Härte. Radikalität und Sanftheit. Weinen. Lachen. Humor. Humor. Humor. „Tuesdays with Morrie“ von Mitch Albom: „The most important thing in life is to learn how to give out love, and let it come in.“

Liebe als wärst du vorher nie verletzt worden. Der Geruch von Regen auf heißem Asphalt. Barfuß im morgendlichen Tau durchs Gras streifen. Stille nach dem Glück. Sagen, was man denkt ohne Angst. Aufgefangen werden durch die Zärtlichkeit des Blicks. Durchdrungen von Herz – die Abgründe genauso umarmend wie die Höhen. Sich trauen. Erkannt zu werden durch den anderen, da, wo man sich selbst noch gar nicht kennt. Sich zurückziehen können, Raum schaffen, atmen. Wieder zurückkommen, da sein, sein. Das Lächeln im Alltag. „The way we were“ mit Barbra Streisand und Robert Redford.

Entdecken. Den anderen sein lassen. Eifersucht. Erotik auch im Alltag. Schönheit. Unsicherheit im Zusammensein – die Tür zum Entdecken. Wild. Dann in den Jahren, dauert sie länger die Liebe, das Staunen über die Vertrautheit. „Wenn die Gondeln Trauer tragen“, eine Hymne an die Liebe im Liebesakt, der Lebensakt wird. Liebe ist die komplizierteste und schwierigste und schönste Sache der Welt. Blätterrauschen. Joan Didion „Das Jahr magischen Denkens“. Liebe ist ein immerwährendes Ereignis. Freier Fall. Augen. Haut. Lippen. Atem sanft. Regelmäßig, heftiger. Beim Schlafen, beim Wachen, Herzpochen. Atemlos. Nicht auf einen Kaktus setzen oder doch?

David Grossman in „Eine Frau flieht vor einer Nachricht“: „Das war keine Liebe auf den ersten Blick, habe dich lange vorher geliebt, bevor ich dich kannte, habe dich auch rückwärts geliebt, noch bevor es mich überhaupt gab, denn ich wurde erst ich, als ich dich traf.“

 

Text und Foto: Sherry Hormann

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 11.

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