Trotz Schiller, trotz Heine, trotz Humboldt

vor 4 Monaten

Shermin Langhoff ist eine der meistdiskutierten Theatermacherinnen der Republik. In dem von ihr co-geleiteten Gorki-Theater bringt sie die Lebenswirklichkeiten der Einwanderungsgesellschaft auf die Bühne. Ein Gespräch über modernes Theater und den Körper als Waffe.

 

Fräulein: Frau Langhoff, bei den antiken Griechen wurde Fremdheit als zunehmende Distanz zum Zentrum Athen verstanden. Je fremder, desto fantastischer und monströser stellte man sich die Körper vor. Ist das heute in gewisser Weise noch immer so?

Shermin Langhoff: Das ist jetzt eine hochphilosophische und dabei mehrschichtige Frage. Aber natürlich gibt es im zeitgenössischen Rassismus einen sehr archaischen Umgang mit Körper und Physiognomie. Der „Andere“ wird ausgehend von Haar-, Augen- und Hautfarbe markiert. Da mag jemandseit fünf Generationen als schwarzer Deutscher leben und …

… Bayerisch sprechen …

… und Bayrisch sprechen, ja! Es gibt eine Szene in unserer Produktion „Übergangsgesellschaft“. Der wunderbare Schauspieler Falilou Seck kommt nach vorne an den Bühnenrand undsagt: „Deutsch? Du willst wissen, was Deutsch ist? Ich zeig dir, was Deutsch ist!“ Er zieht sich das Hemd vom Leib, zeigt auf seinen Körper, seinen schwarzen, und sagt: „Das ist Deutsch!“

Warum haben wir hierzulande noch immer so einen eingeschränkten Identitätsbegriff ?

Erst mal ist die Identifizierung des eigenen Ich eine geringe intellektuelle Herausforderung: Ich werde ein „Ich“ und behaupte es. So weit so gut. Nun aber gibt es parallel Millionen von Ich-Perspektiven, die sich auf ein und dieselbe Welt beziehen. Mit diesem „Schmerz“, dass eben nicht alle so sind wie ich, muss ich umgehen lernen. Denn wir sind alle Individuen und weder körperlich, politisch, philosophisch noch moralisch gleich. Aber jedes kluge Individuum weiß, dass man nur mit anderen etwas verändern kann.

Was kann das Theater hier für einen Beitrag leisten?

Als Künstlerin und Intellektuelle muss man, um mit Ai Weiwei zu sprechen, nicht auf den Tiananmen Platz gehen, um politisch zu sein. Zunächst hat man die soziale Verantwortung, die eigene Position, den eigenen Ausdruck zu entwickeln. Das ist nicht selbstverständlich. Gerade im Kulturbetrieb leben wir relativ bequem, gesponsert und in Anführungszeichen gekauft. Statt in alten Mustern zu verharren, müssen wir anerkennen, dass wir geprägt sind von Gleichzeitigkeiten und Komplexitäten.

Diese Komplexität der Lebenswirklichkeiten wird zunehmend als Überlastung wahrgenommen.

Sicher. Aber nicht immer zu Recht. Ich nehme jetzt mal Ihr Bild vom Anfang auf: Je weiter wir von Athen wegkommen, desto eher wird uns ein Bild vermittelt, dass alles so fürchterlich komplex wäre, dass da eh keiner mehr durchblicken kann – „da“ bei den Arabern oder Jugoslawen. Das ist natürlich Quatsch. In allen Konflikten mag es individual-psychologische Vorurteile und „Ängste vor dem Fremden“ geben. Doch die eigentliche Frage ist ja, was dem zugrunde liegt. Denn oft liegen diesen Konflikten knallharte ökonomische

Interessen zugrunde, die aber verschleiert werden. In unserer Gesellschaft gilt die Prämisse des Kapitals: Wer ist nützlich? Wir definieren uns weniger über Werte als über Verwertungsmöglichkeiten.

Ist der Körper in diesem Sinne nur noch eine Form von Rohstoff oder Kapital?

Vielleicht. Aber Körper und Sprache können tatsächlich auch Waffen sein. Am Gorki-Theater versuchen wir Erwartungen, die an den Körper gestellt werden, zu unterlaufen. Auch kulturell. In „Verrücktes Blut“ stehen am Anfang zehn junge Männer und zwei Frauen auf der Bühne und produzieren, was man so von „dem“ Migrantenkind erwartet. Am Ende aber entwickelt sich ihre Lehrerin, mit der Fahne der Aufklärung und Schiller in der Hand, körperlich wie sprachlich zur Leitkulturchauvinistin. Sie selbst wird zur größten Gegnerin der Aufklärung, weil sie mit der Waffe in der Hand Schönheit erzwingen will. Und zwar Schönheit im Sinne der von ihr selbst aufgestellten Kategorien. Das Wahre und das Schöne und das Gute liegt aber in der Komplexität begraben und wird oftmals nur als Assimilationsstrategie missbraucht. Aber diese Kategorien ändern sich. Und für die Änderbaren machen wir Theater.

Auf dem Majdan und auf dem Taksim haben Menschen ihren Körper eingesetzt, um sich politisch und auch künstlerisch zu äußern. Wie nahe, wie fern ist ein solcher Protest noch von der Bühne, dem politischen Theater?

Erst mal befinden Sie sich auf der Bühne in einem geschützten Raum. Es gibt nicht dieses Risiko, welches die Versehrung des Leibes einschließt.

Gibt es auch Parallelen?

Die gibt es, denn in beiden Fällen gibt es eine öffentliche Äußerung. Manche unserer Performances würden auf dem Tahrir, dem Majdan oder Taksim vollzogen zu politischen Akten und gegebenenfalls verfolgt werden. Es ist aber ein Unterschied, ob Pussy Riot in einer Kirche einen Protest zelebriert, mit Musik und mit dem Körper als Waffe, oder ob sie auf einem Event von Amnesty International in London open air auftreten, vor bezahlenden, spendenden Menschen.

Inwiefern kann und soll Kultur überhaupt aufklären?

Hierzulande gibt es dafür ja ein prägendes Beispiel. Nach der monokulturellen Zuspitzung in Deutschland …

… während des Dritten Reichs …

… ist die Freiheit der Kunst und des Ausdrucks und damit fest verbunden die Förderung der Kunst zum konstituierenden Prinzip unserer Demokratie geworden. Man begriff, dass man besser auf die Künstler und die Kritik hören sollte. Im Kern hat das Heinrich Heine schon 1822 gewusst und geschrieben: „Wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch bald Menschen.“ Und zwar trotz Heine, trotz Schiller, trotz Goethe, trotz Herder, trotz Lessing, trotz Humboldt.

In der Vorbereitung auf dieses Interview ist mir aufgefallen, dass die Kultur, mit der ich mich persönlich umgebe, trotz vieler Freunde mit Migrationshintergrund, trotz Neugier und vermeintlicher Offenheit, recht gradlinig, westlich und weiß geprägt ist.

Genau Ihre Wahrnehmung teile ich auch, dass man auf der einen Seite grade in seinen Alltagsrealitäten in einer großen Diversität lebt, dann aber die Szenen, in denen man sich bewegt, oft homogener sind, als man sich das zugestehen will. Ich glaube tatsächlich, dass diesen Heterogenität der Gesellschaft in den Medien noch zu wenig auftaucht, zu wenig selbstverständlich ist. Am Gorki versuchen wir für die im Werden befindliche Stadtgesellschaft heutige Bilder und Geschichten zu erzählen und die Stadtbewohner dazu einzuladen. Das hilft übrigens, aus diesem banalen Integrationsdiskursen herauszukommen und den Blick auf Deutschland, auf Berlin, zu schärfen. Wir wollen ein wirkliches Stadttheater sein.

Am Ende aber sollen die vermeintlichen Unterschiede hinter einer neuen Stadtkultur verschwinden?

Selbstverständlich nicht, aber es geht eben auch um die Gemeinsamkeit. Hier ist der Weg das Ziel. Jeden Tag

verändern sich Möglichkeiten, Normen, Ökonomien, und die Verhandlung dessen muss ja irgendwo stattfinden. Wir haben nicht mehr die eine Agora, um noch mal bei den Griechen zu landen. Aber das Theater kann EIN Ort der öffentlichen Debatte sein. Diesen Anspruch haben wir, unseren Raum zu öffnen als Performanz-, aber auch als Denk- und Diskussionsraum. Und hier kann man die individuelle Verantwortung, die Ai Weiwei beschreibt, teilen.

Damit stehen Sie am Gorki in einer langen Tradition.

Als sich das Haus als Sing-Akademie im 19. Jahrhundert konstituierte, befand man sich am Übergang von einer rein feudalen hin zu einer bürgerlichen Kunst und Gesellschaft. Als dann in der DDR das Gorki von einer Singakademie zum Sprechtheater umgewidmet worden ist, da spielte der Gedanke der Übergangsgesellschaft hin zur Utopie, vom Sozialismus zum Kommunismus, eine wichtige Rolle. Der neue Mensch, der Arbeiter oder Proletarier, er sollte hier durch Autoren wie Heiner Müller und Volker Braun neue Geschichten, seine Geschichte erzählt bekommen. Das Ganze stellt sich natürlich viel komplexer dar. Aber an diesem Haus und in der Tradition solcher Ideen zu arbeiten, das ist mir immer eine große Ehre gewesen.

 

Interview: Ruben Donsbach
Foto: Mirjam Wählen
Erschienen in der Fräulein Ausgabe 13/ 01-2014

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