Von einer Produzentin, deren Album uns auf eine Reise schickt

vor 4 Monaten

Perel, bürgerlich Annegret Fiedler, ist ausgebildete Sängerin und in den letzten Jahren als DJ international aufgetreten. Am 20.04. wird ihr erstes Album Hermetica veröffentlicht. Fräulein hat sich mit Perel getroffen, um über ihr kommendes Album, die 80er und persönliche Entwicklung zu sprechen.

Fräulein: Warum Perel und nicht Annegret?

Perel: Der Name kommt aus dem Afrikaans. Das war typisches Brainstorming. Annegret, mein eigentlicher Name, bedeutet holde Perle. Wir haben, dann geguckt wie das in anderen Sprachen aussieht, womit ich mich auch am Besten wohlfühle, „holde Perle“ war für mich nicht relevant. Dann sind wir auf Afrikaans gekommen und ich konnte mich super damit identifizieren. Es ist sehr universell: Du kannst es einfach in jeder Sprache aussprechen, es ist nichts super Kompliziertes. Bis dato zumindest hatte ich den Namen auch nirgendwo gehört oder in Verbindung mit irgendwas gebracht.

Dein neues und erstes Album heißt Hermetica. Ein altägyptisches, altgriechisches Sammelsurium mit Weisheiten: Ist dein Album eine Art Weisheiten Sammlung über dich?

Als ich das Album gemacht habe, da war ich in so einem Selbstfindungsprozess. Ich habe mich mit vielen spirituellen Dingen auseinandergesetzt, ohne, dass ich das wollte. Ich habe mich gefragt: „Was ist der Sinn der ganzen Sache? Wozu machst du das?“ So typische Sinnfragen des Lebens, die glaube ich jeder kennt. Und da bin ich automatisch auf die hermetischen Schriften gestoßen. Ich habe Bücher aus unterschiedlichen Quellen gelesen, wo es um den Kosmos geht, wie wir alle miteinander verbunden sind. Teilweise aber auch wissenschaftliche Texte, die genau dieses Spirituelle aufgegriffen haben. Und es war, dann tatsächlich so, dass mir im Mixing Studio aufgefallen ist, dass die Dinge, mit denen ich mich beschäftigt habe, Inhalt dieser hermetischen Schriften sind. Das hat mich die ganze Zeit inspiriert, ohne, dass ich das überhaupt wusste. Und erst im Nachhinein war dann klar: Ja, das ist Hermetica.

Wenn wir jetzt schon dabei sind: Wie würdest du deinen Arbeitsstil bezeichnen? Angefangen bei den ersten Arbeitsschritten und weiter hin zur richtigen Produktion.

Das sind glaube ich zwei unterschiedliche Herangehensweisen. Zum einen, dass man sich bewusst Zeit nimmt die Sachen auszuprobieren: Jam Sessions mit anderen Freunden, oder einfach nur für sich ein bisschen rumtüddelt. Da entstehen ganz nette Ideen.

"Und manchmal hat man etwas im Kopf und es muss einfach raus. Es ist so ein Gefühl. Es sind Farben da, die ich dann in der Musik sofort umsetzen muss."

Zum anderen natürlich die Produktion, die sich dann über mehrere Tage oder auch Wochen hinzieht. Und obwohl diese Dinge ganz verschieden sind, führen sie am Ende zu den fertigen Songs.

Du verwendest in deinen Stücken sehr wenig Text und wenn du das tust, dann sind diese Textelemente eher gesprochen als gesungen. Vermisst du das Singen gar nicht als ausgebildete Sängerin?

Es ist die erste Platte seit Jahren, in der ich überhaupt wieder so viel Text habe. Es liegt wirklich daran, dass ich mich in dieser elektronischen Szene als DJ und als Produzentin von den Vocals verabschiedet hatte, weil die Leute mich immer darauf reduziert haben. Die Leute haben immer gefragt wer mich, denn produziert und das hat mich dann irgendwann so angestunken, dass ich gesagt habe: „Ich habe keinen Bock mehr zu singen. Ich möchte den Respekt als ganzer Künstler.“ Ich habe mich davon komplett verabschiedet. Das ist jetzt so was wie ein Comeback für mich, dass ich mich überhaupt traue, meine Stimme zu benutzen. Und ich merke, dass ich immer mehr auftaue. Ich traue mich auch immer mehr zu singen. Es wird und wird und wird wieder. Aber das war so ein Punkt, an dem mein Selbstbewusstsein wirklich im Keller war. Ein anderer Punk ist, dass ich auch nicht in jedem Track eine Stimme sehe.

"Ich sag immer, dass meine Stimme mein persönlichstes Instrument ist, wenn ich da das Gefühl habe, dass ich alles gesagt habe, dann ist es so."

Und manchmal, da habe ich das Bedürfnis zu singen und auch was zu sagen. Und so wie ich das jetzt auf de Platte gemacht habe, eher im spoken words Stil. Das hat einfach am besten zu der Musik gepasst. Aus meinem Bauchgefühl heraus.

Annie Lennox, das eine Mitglied aus dem Elektro-Duo Eurythmics, fasziniert dich sehr. Was bewunderst du so an dieser Frau?

Als ich noch ein Kind war und mein erstes Musikvideo von Eurythmics gesehen habe, hat mich das total umgehauen. Es waren eben nicht diese typischen Geschlechterrollen zu sehen. Jetzt ist man ja schon eher an so etwas gewöhnt. Das hat mich damals komplett fasziniert. Diese Androgynität, die sie besitzt aber trotzdem das Frau-Sein zelebriert. Sie war ja sehr vielfältig. Ihre Ausstrahlung hat für mich so viel Persönlichkeit. Mir gefällt, dass sie eben nicht immer mit diesen stereotypen Dingen ankommt. Für mich ist sie nach wie vor eine der einflussreichsten Persönlichkeiten musikalisch und persönlich, weil sie eben diese typischen Geschlechterrollen aufgebrochen hat in der Popszene.

Was packt dich genau an dem Sound der 80er?

Ich kann es dir wirklich nicht sagen, entweder man fühlt sich zu etwas hingezogen oder nicht. Es sind auch nicht nur die 80er, die ich so mag. Es ist relativ durchmischt. Ich mag auch Disko und andere Einflüsse. Ich hab da eine Art Affinität, die ich nicht rational erklären kann.

Du wurdest mal mit DAF verglichen, schmeicheln dir solche Vergleiche oder ist dir das egal?

Mir ist es irgendwie egal, weil ja eh jeder eine andere Interpretation von solchen Sachen hat. Es entwickelt ja sein Eigenleben. Mit DAF verglichen zu werden ist natürlich mega. Die waren immer eine Inspirationsquelle für mich. Definitiv.

Würdest du gerne bewusst mit jemandem verglichen werden?

Das wiederrum nicht. Also, wenn das von außen an mich ran getragen wird, ja, aber, dass ich sage, dass ich bewusst mit jemandem verglichen werden will… das gar nicht. Wenn ich eins gelernt habe, ist es zu gucken, dass man niemanden hinterher eifert. Das bringt nichts. Umso schöner, wenn ich dann etwas Eigenes entwickeln kann.

Wenn du mit jemandem kollaborieren dürftest, wer würde es sein?

Ich arbeite viel mit Freunden zusammen, wo ich merke, da ist ein guter Vibe. Mit Annie Lennox wäre natürlich der Knaller. Auch mit DAF sicherlich. Das sind zwei Künstler oder Gruppen, die ich super finde. Ich habe jetzt aber speziell niemanden im Kopf, weil es auch einfach zu viele gute Künstler gibt. Aber so speziell fällt mir da niemand ein.

Ich würde gerne nochmal zu deinem Album zurück kommen. Ein Lied heißt Myalgia, Muskelschmerz, ein anderes heißt PMS, wolltest du eine feministische Botschaft rüberbringen, vor allem vor dem Hintergrund der jetzigen Debatten?

Ich denke, das ist bei mir schon so ins Blut gegangen, dass ich gar nicht mehr bewusst darüber nachdenke. Feminismus bedeutet für mich ein aufgeklärtes Weltbild. Deswegen würde ich wirklich sagen, dass jeder der irgendwie sagt: „Wir sind in einer modernen Welt“, irgendwo auch ein Feminist ist. Speziell jetzt auf meinem Album habe ich das gar nicht miteinfließen lassen. Es ging wirklich um mein persönliches Ding bei Myalgia. Ich leide unter einem Muskelschmerz und rheumatischen Symptomen. Da wusste ich nicht, was es ist und war auf der Suche danach. In solchen Momenten, in denen du dich scheiße fühlst, was machst du da? Natürlich Musik! Der Track klingt gar nicht so nach Schmerz, er klingt eher nach einer Reise. Ich war auf der Suche nach mir selbst und habe zu dem Zeitpunkt viel mit Schmerzen zu kämpfen gehabt und hatte auch ganz viele Hoffnungen, deswegen der Name. Und PMS: das liegt daran, dass der Tag so ein klassischer PMS Tag war. Und ich dachte mir: Nenn die Dinge beim Namen!

Jeder interpretiert Musik ein wenig anders. Würde dich das stören, wenn jemand deine Musik so ganz anders interpretiert als du sie im Kopf hattest?

Das ist für mich absolut okay, wenn das jemand anders interpretiert. Ist ja wie mit einem Gedicht, und das ist ja das Schöne mit Kunst. Die Musik findet da so ein wenig ihr Eigenleben, ich bin dann immer sehr überrascht was Leute sehen und es kommt ein Austausch zu Stande. Also klar gibt es da mal Punkte, wo man sich denkt: „uaah krass“. Es ist ja nie etwas Feststehendes. Deswegen ist das schon in Ordnung so.

Ich hatte gerade die Zauberflöte von Mozart im Kopf.

Ach krass. Wie cool.

Das ist jetzt vielleicht eine etwas absurde Frage: aber könntest du dir eine klassische Interpretation deines Albums vorstellen?

 Ja absolut, das wär super! Ich bin für sämtliche Interpretationen auf unterschiedlichen musikalischen Ebenen offen. Das wäre großartig. Von mir aus auch andere Richtungen.

Könntest du dir vorstellen in welche Richtungen du dich musikalisch weiterentwickeln wirst?

Nein, nicht wirklich. Also klar, ich werde immer diesen elektronischen Ansatz behalten, weil der sich mein Leben lang durchzieht. Aber ich mag auch das ganz Organische, das wird auch miteinspielen. Mir ist wichtig, dass man merkt, dass das ich bin. Das ist auch mein Ansatz gewesen, dass ich gar nicht nach dem Genre an sich gehe, sondern, dass die Leute merken, dass das Handwerk, das Werkzeug, das ich benutze, immer dasselbe ist. Was dabei rauskommt, kann ich jetzt noch nicht sagen. Weil ich ja auch gar nicht weiß, was in den nächsten Monaten passieren wird.

Wenn du jetzt an deine musikalischen Anfänge gehen würdest, was würdest du jetzt der damaligen Annegret raten?

Sei ein bisschen entspannter. Ich glaube, ich war ab einem gewissen Punkt ganz schön verbissen. Das hat, dann aber auch dann dazu geführt, dass ich jetzt da bin wo ich bin. Ich habe mich aber damals zu sehr reingestresst und wollte am Anfang glaube ich zu viel.

In welche Richtung würdest du denn gerne gehen, was würdest du dir wünschen?

Ich würde mir wünschen, dass ich irgendwann wirklich à la LCD Soundsystem mit einer Band da oben stehe, dass man dann auch etwas komplett live umsetzen kann. Jetzt im Club Kontext bin ich ja auch live unterwegs. Das wär mega, das würde ich mir wünschen.

 

Interview: Maria Kustikova

Bilder: PR

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