Abondance Matanda und das politische Potenzial junger Dichtkunst

vor 5 Monaten

Ihre handgemachten Gedichtbände vermitteln einen ersten Eindruck von Abondance Matandas kühner Originalität, DIY-Mentalität und ihrem vielseitig inspirierten Talent – gerade einmal 18 Jahre alt, profiliert sie sich mit aktivistischen Selbstveröffentlichungen aus dem Untergrund schon jetzt als immer einflussreichere Stimme in Londons Dichterszene.

In ihren präzisen, emotionsgeladenen und persönlichen Gedichten setzt sich Abondance Matanda insbesondere mit intersektionellen Erfahrungen der Londoner Jugend und Arbeiterklasse auseinander, lässt distinkte Sprachstile kollidieren und eine beeindruckende Unmittelbarkeit anklingen. Zurecht hört man immer öfter von ihr – seien es ihre selbstveröffentlichten Gedichtbände, ihre redaktionellen Beiträge in feministischen Publikationen wie Sula Collective, oder Empfehlungen von etwa DAZED rund um die neue Dichtergeneration, die das Genre so wirkmächtig wie lange nicht mehr gestaltet.

 

Könntest du uns deine ideale Schreibumgebung skizzieren? Gibt es ein Medium, eine Tageszeit oder Musik, die du präferierst? Was entfacht deine Motivation?

Ich mag es, Sachen auf Papier festzuhalten – entweder mit Bleistift oder Kugelschreiber – und dann als Teil des Editings abzutippen. Manchmal tippe ich aber auch einfach drauf los. Ruhe ist mir wichtig, obwohl ich oft im Bus oder unterwegs schreibe, weil ich mich normalerweise nicht dazu entschließe: „Jetzt setze ich mich hin und fange an“. Das Meiste kreuzt irgendwie und irgendwann meine Gedanken, weswegen alles darauf ankommt, wie empfänglich ich in dem Moment für Inspiration bin oder ob ich klar genug über eine Situation nachdenken kann, um über sie zu schreiben. Ansonsten bin ich sehr nachtaktiv und mein Gehirn kommt erst dann so langsam in Fahrt, wenn Andere sich längst entspannen und abschalten. Was Spaß macht und gleichzeitig total nervig ist.

Letztendlich trifft das aber mehr auf Gedichte und persönliche Texte zu. Wenn es um Aufträge mit Fristen geht, bin ich leider ziemlich last minute (lol). Ich denke und absorbiere Dinge normalerweise so lange, bis ich wegen der nahenden Deadline keine andere Wahl mehr habe, als einfach alles rauszuhauen. Das hat bisher zum Glück immer gut funktioniert, aber ich bin dabei, mich an mehr Struktur zu versuchen.

 

Deine Gedichte wurden bereits auf verschiedenen Plattformen publiziert, aber vor allem hast du sie selbstveröffentlicht. Wie bist du auf das Konzept und Design deiner Bände gekommen? Gibt es einen Rat, den du mit jungen Autor*innen teilen wollen würdest, die selbst solche Möglichkeiten abwägen?

Junge Autor*innen, alte Autor*innen, Nicht-Autor*innen – macht einfach, was ihr wollt, wann ihr wollt, wie ihr wollt. Keine Eile, es gibt keinen wirklichen Druck. Arbeitet an eurem Handwerk und habt keine Angst, euer Wachstum der Öffentlichkeit zu zeigen.

Was meine Selbstveröffentlichungen initiiert hat, war mein Interesse an den Punkbewegungen seit den 1970er Jahren und meine Zeit auf Tumblr – vor allem, als ich noch jünger war. Trotzdem liegen mir Bücher am Herzen und meine Ideen wollte ich letztendlich nicht nur digital, sondern auch physisch teilen. Also hab’ ich das einfach getan. Es war nicht zuletzt ein Test, um herauszufinden, ob ich mit dem Schreiben überhaupt Geld verdienen kann, und als mir klar wurde, dass das irgendwie funktioniert, bin ich drangeblieben.

Das Konzept und Design der Bücher ist immer eng verbunden mit den Inhalten. Destructive Disruptive war mein erster Band. Die Cover habe ich alle mit einem Schwamm in verschiedenen Farben gemalt. Nicht, weil sie was auch immer symbolisieren sollen, sondern weil ich nicht langweilig sein wollte. Jedes Exemplar sollte auf seine eigene Art besonders sein. Für Da Poetry Of My Existence (DPME) habe ich dann Zeitungen zerfetzt, die ich von der Schule mit nach Hause gebracht hatte, und auf schwarzem Karton collagiert. Den Klappentext auf der Innenseite habe ich mit weißer Tinte aufgeschrieben, weil ich das plakativ fand. Was ich schon damals gesagt habe, ist: Burn the media. All diese Zeitungen, die sich nicht mit mir identifizieren. Ich mach einfach mein eigenes Ding, und das ist bis heute mein Vibe.

Mein jüngster Band, Bare Fucker1es, ist von Ryan Hawaiis Arbeit inspiriert – auf Leinwand zu malen, Flicken auf die Cover zu nähen. Während er dafür die Nähmaschine seiner Oma einsetzt, habe ich es mit den Händen gemacht. Tatsächlich habe ich es auch geschafft, mich dabei irgendwie zu verletzen, weil ich die Bücher mit Sicherheitsnadeln gebunden habe, aber das war’s wert. Außerdem konnte ich meinen älteren Cousin dazu überzeugen, mir Geld für einen Drucker zu spenden, damit ich alles direkt von meiner kleinen „Schlafzimmerfabrik“ aus machen konnte.

 

Wie würdest du denn deinen Schreibstil beschreiben? 

Umgangssprachlich und intelligent. Ich muss mich den Regeln von formalem Englisch nicht fügen, wenn ich mich auch auf andere Art und Weise treffsicher ausdrücken kann. Ich schreibe, wie ich rede – als Statement, dass Slang niemanden verdummt. Es macht das Lesen, Schreiben und andere Künste so viel zugänglicher: Ich kommuniziere mit Menschen, die mir ähnlich sind, auf einem Level, das von beiden Seiten verstanden wird und behandle dabei Themen, die normalerweise in einer so überakademischen Weise diskutiert werden, dass es vielen Alltagsleser*innen schwerfällt, damit zu connecten. Das gilt offensichtlich auch für mich.

Mein Schreibstil ist bunt, kontemporär, lustig, aufregend und lyrisch. Du könntest wahrscheinlich dazu tanzen, wenn du willst, was noch mehr Sinn macht, weil Musik so eine große Rolle für mich spielt. Genauso wie die Stimmen von Menschen, die ich immer in der Hood höre – egal ob in London, Nottingham oder sogar einem anderen Land.

 

Deiner Verbindung zur Musik hast du auch ein explizites Denkmal gesetzt, als du zum Release von Bare Fucker1es ein 11-minütiges Set mit Grime/Rap-Tracks hochgeladen hast. Was war die Idee dahinter?

Es waren genau 11 Minuten, weil der Mord an Mark Duggan im Jahr 2011 und die darauffolgenden Aufstände das Buch veranlasst haben. Deswegen habe ich Bare Fucker1es 2016 auch an jenem Tag veröffentlicht, an dem sich sein Tod zum 5. Mal jährte. Mein Schreiben ist so sehr inspiriert von der Musik, die ich höre, dass ich jedem, der daran interessiert war, einen Einblick in diese Einflüsse gewähren wollte. Es war vor allem ein Experiment – ich finde die Arbeit von DJs so interessant. Es lag nahe, den Künstler*innen, die ich liebe, so viel Aufmerksamkeit, wie ich konnte, zu verschaffen und daraus eine Geschichte zu kreieren, deren Schöpfungsprozess komplett neu für mich war. Ich habe auch Passagen aus meinen zwei Lieblingsfilmen, Top Girl und Babylon, eingebaut: beide Filme sind wunderschöne, fiktionale Repräsentationen von schwarzen, britischen Jugendkulturen, in die ich meine Arbeit einreihen will.

Was macht das Genre der Dichtkunst so besonders für dich? Wie würdest ihr Potenzial und ihren Reiz für politischen Aktivismus einschätzen? 

Für mich stellt sie eine präzise From von sorgfältig konstruierter Kommunikation dar, die ich mündlich vergleichsweise einfach nicht so gut erreiche (lol). Ich kann ewig über etwas labern, und dabei trotzdem nicht wirklich zum Punkt kommen. Von daher machen mich meine schriftlichen Werke selbstbewusster und geben mir einen gewissen Seelenfrieden, weil ich weiß, dass sie genau das abbilden, was ich in dem Moment zu sagen habe. Das macht sie nützlich für politischen Aktivismus, weil Dialoge schnell hitzig werden und Gedichte Menschen schon eher dazu bewegen, sich Zeit zum Zuhören zu nehmen. Als Dichter*in bietest du ihnen die Möglichkeit, sich daran zu erinnern und zu reflektieren, was du gesagt hast. Das ist vor allem ansprechend, weil du dadurch zur Stimme der Menschen wirst. Weil du dadurch Menschen vertreten kannst, die so denken, wie du.

 

Da fällt mir ein, dass auf deiner Website steht: “doin it all for the girls on the ends”. Welche Bedeutung misst du diesem Satz bei?

Yeah, das ist eine Zeile aus einem Song namens „Down“ von Ojerime. Ich identifiziere mich so sehr mit der Zeile – sie ist einfach wahr. Außerdem remixt sie eine meiner anderen, großen Inspirationsquellen auf subtile, subversive, mächtige wie zarte Weise: nämlich Skeptas Lyric “we don’t love no girls on the ends”. Ich würde sagen, dass das mein grundsätzlicher Denkansatz ist, weil ich in meiner Arbeit Hoodchicks – und die Geschichte und Erbschaft, die uns beständig prägt – zentriere und zelebriere.

 

Wie würdest du letztendlich deine Mission formulieren? 

Als jemand, der Kunst schafft, ist es meine Mission, authentisch zu sein. Als eine Frau, die Kunst schafft, ist es meine Mission, die Macht, die ich in mir trage, anzunehmen, und zwar ganz ohne Kompromisse, die etwa dem male gaze dienen würden oder nur um auf Augenhöhe mit Anderen zu kommen. Oh nein, sie sollten angesichts meiner Arbeit viel eher auf meine Augenhöhe kommen wollen. Als eine Frau und Person of Color, die Kunst schafft, ist es schließlich meine Mission, meine marginalisierte Position bestmöglich zu nutzen und sie niemals gänzlich zu verlassen bzw. immer zu diesem Ort zurückzukehren, der mich so sehr geformt hat. Ich habe eine Pflicht, die ich respektiere und repräsentiere.

 

Wie gehst du dabei mit kritischen Reaktionen auf deine Werke um? 

Ich gehe normalerweise in die Defensive. Ich bin zwar offen gegenüber Kritik, aber es kommt natürlich drauf an, von wem sie kommt. In dem meisten Fällen nehme ich sie mit an Bord und werde nachdenklich. Was bedeutet, dass mich Kritik – wenn ich nicht einverstanden mit ihr bin – sehr in meinen Denkweisen und Motivationen bestärkt.

 

Was macht dich besonders stark, stolz und dankbar? 

All meine Fähigkeiten, Ideen, Kräfte. Meine Spiritualität. Dass ich mich um mich selbst sorge. Dass ich eine große Familie habe – insbesondere, weil wir viele Frauen sind. Mein Überleben und meine Existenz.

 

Hättest du einen alternativen Katalysator? Was würdest machen, wenn du dich nicht fürs Schreiben entschieden hättest?

Ich würde wahrscheinlich verrückt werden, weißt du. Vielleicht hätte ich schnell angefangen, dumme Sachen zu machen, die mir Ärger eingehandelt hätten, nur um meine Gefühle auszudrücken. Vielleicht hätte ich es ohne das Schreiben nicht einmal geschafft, bis heute am Leben zu bleiben. So wie ich ticke, glaube ich nicht, dass ich sonst das Potenzial besitzen würde, mich selbst zu verstehen. Andererseits kann ich diesen Fall nicht wirklich beurteilen – das Schreiben ist so ein essenzieller Teil meiner Selbst.

 

Zu guter Letzt: Welche Websiten, Bücher, Publikationen etc. würdest du uns für großartigen Input empfehlen?

Oooh ja! Im Radio kann ich alles von Born n Bread, Sian Anderson, Selecta Suave, Julie Adenuga und Touching Bass empfehlen. Was Musik angeht: Ms Banks, 808 Ink, Suspect, Harlem Spartans, Jane Doe, Keedah und Ganjy. Für Podcasts: So You Wanna Be An Artist, Played In Full und den Not Everyday Podcast. Zertifizierte Publikationen und Websiten, die ich liebe, sind RonieBond, Gal-Dem, Guap, Trench, Roadfemme, Push Magazine und Sula Collective. Was noch nicht veröffentlicht wurde, aber wovon ich sicher bin, dass sie krass werden: die Bücher What A Time To Be Alive von The Sunflower und Queenie von Candice Carty-Williams. Von bereits veröffentlichten Büchern kann ich Folgende sehr ans Herz legen: Women Who Run With The Wolves von Clarissa Pinkola Estes, Authors Of The Estate von St. Raphael’s Estate, Prisoner To The Streets von Robyn Travis, I Is A Long-Memoried Woman von Grace Nichols sowie Know Your Place, eine Anthologie von Dead Ink Books, in der auch mein Essay “The First Galleries I Knew Were Black Homes” abgedruckt ist.

 

 

Interview: Dieu Linh Nguyen Xuan
Bilder: Agatha Powa

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