Das unverkäufliche Herz

vor 4 Jahren

Auf der legendären griechischen Insel Hydra stellt Didier Guillon, Gründer der schweizer Luxus-Marke Valmont, seine Lieblings-Kunst aus. Statt auf große Namen setzt er dabei aufs Herz. Und dem soll man bekanntermaßen folgen. Ein Besuch im Paradies.

In ihrem unter beschwipsten Berliner It-Girls längst legendären Interview mit dem Stilmagazin ICON, brachte Angelika Taschen wohl mehr Markennamen und Lifestyle-Hülsen unter, als der große Christian Kracht in seinem Abgesang „Faserland“. Man erfuhr, sie verlege längst nicht nur Bücher, sondern richte auch Häuser ein. Eines auf der griechischen Insel Hydra. Dort angekommen hofft man, sie habe keinen Mist gebaut. Denn schöner wird es auf dieser sonst so tristen Welt wohl nicht mehr als hier, 90 Minuten mit dem Flying Dolphin südwärts von Piräus.

Vom schlanken Hafen hoch reihen sich die kubischen Häuser in makellosem weiß und sicher euklidischem Maß in Ringen den Hang hinauf. Es ist, als hätte man en passant auf der Grenze von blaudiesigem Himmel und azurblauem Meer die Moderne erfunden, lange bevor sie van der Rohe und Le Corbusier als Internationalen Stil wiederentdeckten. Und es scheint ein Licht, welches so hell, so klar ist, dass es die Kontraste zwischen Sonne und Schatten absolut setzt und man morgens, wenn man unbedarft die Gardinen im Hotel öffnet und direkt hineinblickt, zu erblinden meint.

Läuft man den Hafen unter weitgespannten Zeltdächern entlang, vorbei an ganzkörperrasierten Richkids und kleinen Schmuckläden, in der Distanz im Dunst die Spitze der Peloponnes, der Geruch von gegrilltem Octopus liegt in der Luft, kommt gegen Ende des Halbmonds der Promenade, das Historische Archiv Museum. Im Eingangsbereich Gardeuniformen in Vitrinen und alte Waffen, daneben steht Herr Guillon und lächelt entspannt. Herr Guillon, so nennt ihn seine griechische Assistentin Esmeralda, heißt mit Vornamen Didier und hat sein Vermögen mit sehr guten Cremes und Beauty Produkten gemacht – „den Besten!“, wie mir eine ansonsten stoisch schweigende und völlig nüchterne, schweizerische Journalistin beim späteren Dinner zuflüstern wird, sonst wäre sie nicht hier.

Didier Guillon also, Gründer, Präsident und Artistic Director seiner schweizer Firma Valmont, hat etwas ausgeruht Kosmopolitisches. Jemand, der seinen Kindern eine Yacht im Mittelmeer mietet, aber nur, wenn wer mit darf und sie ja nicht alleine zum Feiern auf Naxos abhauen. Der nicht geht, sondern schlendert und im Hochsommer feine Strümpfe zu schönen Loafern trägt ohne zu schwitzen. Der die Welt kennt, aber am liebsten in der Schweiz lebt. An dessen ausgeruhtem Habitus man sich schwer satt sehen kann.

Im Erdgeschoss und zweiten Stock des Museums hat Guillon die Ausstellung El Cuor No Se Vende kuratiert. Das Herz stehe nicht zum Verkauf, ein Graffiti-Slogan aus Venedig gegen den Ausverkauf der Stadt, unter dem hier so verschiedene Künstlergenerationen, wie der 1938 in Boulogne-Billancourt geborene Miro-Freund Joan Gardy-Artigas neben dem 39-jährigen Pariser Quentin Garel mit seinem Bestiarium und dem Modernisten Yves Bélorgey vesammelt sind. Gerade die teils großformatige Malerei Bélorgeys und dessen Gegenstand, die hier überwucherte und in die Jahre gekommene Moderne der 50’er bis 70’er Jahre, spiegelt sich auf Hydra ganz merkwürdig und schön. Diese und weitere Arbeiten, darunter auch eine Skulptur von Guillon selbst, der Cage à Allégories, sind im Erdgeschoss versammelt unter dem Oberbegriff „Shadow“. Dazu läuft eine Tonspur, auf der das Rauschen des Windes in Bäumen zu hören ist. Bäume gibt es auf Hydra nicht oder kaum. Sie sind gerodet worden um Kriegsschiffe zu bauen zur Zeit der nationalen Erhebung gegen die Osmanen im 19. Jahrhundert. Der Rest der Bäume ist bei einem Brand in den 90’ern verkohlt. Als ich später auf den Hügel über dem Hafen klettere und auf die Bucht hinunter blicke, kommt mir eine Stelle aus W.G. Sebalds Gedächtnisübung „Die Ringe des Saturns“ in den Sinn. Darin heißt es: „In Griechenland, auf einer Insel, die um 1900 noch ringsum bewaldet gewesen ist, habe ich vor ein paar Jahren gesehen, mit welcher Geschwindigkeit die ausgedörrte Vegetation von einem Brand durcheilt wird (…). Ich werde niemals vergessen wie die Wacholderbäume, die dunkel im Widerstein standen, einer um dem anderen, kaum daß die ersten Flammenzungen sie berührten, mit einem dumpfen, explosionsartigen Schlag emporlohten, als seien sie aus Zunder (…).“ So oder so ähnlich wird es auch mit Hydras Pinienwäldern gewesen sein. So hat das Rauschen im Wald im Museum ein Lodern des Feuers im Nachklang.

Im dritten Stock führt Didier Guillon in den zweiten Raum seiner Ausstellung. Dies sei nun der Raum der Helligkeit, des „Light“. Er zeigt ein Gemälde von Yves Léveque, in dessen grünblauen Oberflächenfrakturen man sich nach längerem Schauen verliert, eine Ansicht von Hydra des dort lebenden Künstlers Tom Powell und venezianisches Glas von Leonardo Cimolin. Das ist alles sehr schön, auch wenn man durch den Blick aus dem Fenster, über die Hafeneinfahrt, den Dunst, die Peloponnes in Richtung eines weit entfernt vermuteten Sparta, etwas abgelenkt wird. Was Didier Guillon einem niemals übel nehmen würde.

Man muss wegen einer Ausstellung vielleicht nicht extra nach Hydra kommen, aber man sollte auf jeden Fall nach Hydra reisen und sich im Zuge dessen El Cuor No Se Vende anschauen. Und weil man danach noch etwas Zeit hat sich die Installation Putiferio von Roberto Cuoghi im Slaughterhouse der DESTE Foundation for Contemporary Art geben, geschlenderte zehn Minuten den Küstenweg entlang, vorbei an Kanonen und einer kleinen Installation mit blauen Blumen der Romantik, die sich laut Kuratoren Notiz von Heinrich von Ofterdingen inspirieren ließ. Und dann, nach den tönernen, im Feuer des außenstehenden Ofens gebrannten Meerestieren Cuoghis, läuft man einfach weiter. Irgendwann fällt der Blick dann auf das offene Meer Richtung Osten. Und nun weiß man, warum es wert war im 19. Jahthundert halb Hydra zu fällen wie schnelle Segelboote. Denn wer wollte es schon teilen, dieses reiche Land und dieses schöne Meer.

EL CUOR NO SE VENDE
Hydra’s Historic Archives and Museum
Mon. – Son. 9:00–16:00 & 19:30–21:30
Bis 31. August 2016

PUTIFERIO
Deste Foundation Project Space, Slaughterhouse
Mon. bis Son. 11:00 – 13:00 & 19:00 – 22:00 / Dienstag geschlossen
Bis 30. September 2016

Beitrag: Ruben Donsbach
Bild 7: Raum Light
Bild 8: Raum Shadow

 

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