Die Liebe zu sich selbst: Zwischen Arroganz und Optimierungswahn

vor 4 Wochen

Die Selbstliebe ist zu einer klischeehaften Floskel geworden, die auf Instagram mit Yogaposen am Strand, einem Matcha Latte mit Freunden in einem fancy Café, Schminktutorials, Sporttipps, Zitaten und ganz vielen Selfies gefüttert wird.

Um 8:00 Uhr klingelt der Wecker, eine halbe Stunde später schaffe ich es endlich, aufzustehen. Ich gehe ins Bad und sehe dunkle Ringe unter leicht geschwollenen Augen im Spiegel. Strapazierte Haut, die nach einer Detoxmaske schreit und zerzauste Haare, die schon eine ganze Weile keinen Friseur mehr gesehen haben. Zum Glück ist die Glühbirne schwach und der Spiegel klein. Ich gehe duschen und versuche zu vergessen, dass ich zu wenig schlafe, keinen Sport mache und meine Ernährung viel wechselhafter ist als meine Oma es mir rät. Und Oma weiß immer, was mir gut täte. Ich weiß das eigentlich auch, aber schaffe es trotzdem nicht.

Manchmal, wenn ich wirklich gewillt bin, schaffe ich fast alle Dinge – von denen behauptet wird sie wären wichtig – gleichzeitig: Meine Wohnung aufräumen, Sport machen, gesund kochen und an die frische Luft gehen. Viel öfter schaffe ich das nicht und ich frage mich sowieso, wie ein Mensch das alles schaffen kann, wenn man gleichzeitig auch noch einen Full-Time-Job hat. Die saubere Wohnung will ja auch bezahlt werden.

Zwischen kleinen und großen Überforderungen habe ich beschlossen, mich trotzdem zu mögen, auch wenn ich dieses ideale Leben nicht hinbekomme. Ich springe also schon im Dreieck, wenn ich eine Stunde Sport mache und feiere mich dafür ungefähr drei Tage bis ich das nächste Mal zwei Stunden an die frische Luft gehe. Zwischendurch koche ich nach der Arbeit was Gesundes, nachdem ich im Büro zwei Liter Wasser getrunken habe. Dann sind die Augenringe am nächsten Tag kombiniert mit dem schwachen Licht und ein bisschen Concealer schon fast weg. Dafür feiere ich dann meinen Körper, der ja trotz allem ein Wunderwerk ist.

Nach 20 Jahren Lebenserfahrung, die ja noch viel zu wenig sind, um irgendwelche Weisheiten zu verbreiten, habe ich mir eingestanden, dass ich das perfekte Leben, das ich mir als Kind vorgestellt habe, nicht hinbekomme. Dann habe ich meine Ansprüche an mich selbst runtergeschraubt und bin heute damit zufrieden – in Phasen – den Lebensstil zu leben, den ich bewundere. Trotzdem esse ich mehr Döner als Müsli Bowls, schlafe entweder zu kurze vier oder zu lange zwölf Stunden und mache nur gezwungenermaßen Sport, weil sich mein blöder Fitnessstudiovertrag verlängert hat.

Lachfalten und Tränen

Statt auf Sport, Ernährung, Skin Care und Shopping begann ich mich auf andere Dinge zu konzentrieren. Ich versuchte, das zu sehen, was mich abgesehen von Augenringen ausmacht. Die Stunden, in denen ich lache oder weine oder vor Lachen weine. Ich dachte an meine Freundin, mit der ich letzte Nacht bis morgens lachte, rumalberte, Netflix schaute, um dann am nächsten Tag um 15 Uhr frühstücken zu gehen. Ich dachte daran, wie sie mein Leben verändert und ich ihres und wie schön schwer Veränderung manchmal sein können. Ich dachte an all die Freunde aus meiner Heimat, die immer noch mit mir befreundet sind, obwohl ich ihnen entweder zehnminütige Sprachnachrichten schicke oder erst eine Woche später antworte. Ich dachte an meine beiden Großmütter, die ich am Sonntag angerufen habe und die sich gefreut haben wie Kinder auf Weihnachten. Ich erinnerte mich an Freunde, die ich heute gar nicht mehr kenne, für die ich früher da war und die ich unterstützt habe in ihren mittelschweren Teenagerkrisen. An alle, die für mich da sind, in Krisen jeglicher Schwere.

Jede Person nimmt uns anders wahr

Manche sehen mich als aufgeweckte, gut gelaunte Person, andere finden mich komisch und wieder andere denken, ich sei schüchtern und introvertiert. Aber genau das ist doch schön und alle haben sie Recht, nur eben nicht immer. Irgendwie ist es ja auch ganz cool, dass ich für jede Person, der ich begegne, jemand anderes sein kann. Nicht, weil ich mich verstelle, sondern weil die Person mich anders wahrnimmt als die anderen. Auf einmal ist es dann total egal, ob irgendwer kein gutes Wort für einen übrig hat. Weil es Millionen Menschen gibt, die einen lieben würden, würden sie einen kennen, so wie man ist. Mit allen Gedanken und Taten, Beweggründen, Sorgen, Ängsten, Hoffnungen und Träumen. Die Liebe zu sich selbst ist die bedeutsamste, weil man selbst die einzige Person ist, die wirklich wissen kann, warum man auf jene und solche Art handelt, warum man so reagiert wie man reagiert und was einen dazu gebracht hat, die Person zu werden, die man ist. Das ganze Leben, meine Omas, meine Freunde, Fremde, wie sie mir alle begegnen und wie schön das manchmal ist, das ist nur so, weil ich so bin wie ich bin und sie so sind, wie sie sind. Genau deshalb ist es Zeit, sich selbst ein bisschen mehr zu achten und wertzuschätzen.

Selbstliebe und Selbstsucht in „Die Kunst des Liebens“

In „Die Kunst des Liebens“ erklärt Erich Fromm den Unterschied zwischen Selbstliebe und Selbstsucht. Wenn Selbstliebe schlecht wäre, wäre die Selbstlosigkeit tugendhaft. Die Liebe zu anderen Menschen und die Selbstliebe seien voneinander abhängig, während Selbstsucht die Folge fehlender Selbstliebe sei. Fromm sagt, wer nur andere lieben kann, könne überhaupt nicht lieben. Der Gegensatz zu Selbstliebe und Selbstsucht ist, dass der Selbstsüchtige sich selbst hasse. Der Mangel an Freude an sich selbst erzeuge ein Gefühl der inneren Leere und Enttäuschung, das er zu kompensieren und vertuschen versuche, und somit nach außen narzisstisch erscheine. Selbstsüchtige seien zwar unfähig, andere zu lieben, sie seien jedoch auch nicht fähig, sich selbst zu lieben.

Wenn Liebende gehen, kann die Liebe bleiben

Die Liebe, die andere uns schenken, muss nicht verschwinden, nur weil die Menschen verschwinden. Sie bleibt bei uns, weil es immer Gründe gibt, die einen großartig machen und weil es immer Menschen gibt, die einem diese Gründe zeigen. Daran können wir denken, wenn wir in den Spiegel schauen. Dann sind die blöden Augenringe egal, und alles andere auch. Irgendwann wurde mir klar: Ich bin nicht nur mein Körper. Ich bin so viel mehr. Ich bin nicht dadurch definiert, wie viele Menschen ich bisher getroffen habe, die geblieben sind, die mich so lieben, wie ich bin, die mich unterstützen. Ich bin dadurch definiert, wie ich liebe, wie ich bleibe, wie ich unterstütze, wie ich mich verändere. 

Sich selbst aus Freiheit heraus verändern

Wenn ich mich dann dazu entscheide, Yoga am Strand zu machen, meine Freunde zu treffen, richtig viel Sport zu machen und mich gesund zu ernähren, dann kann ich stolz darauf sein. Wenn ich mich dazu entscheide, im Bett liegen zu bleiben und zwölf Stunden zu schlafen, kann ich es mir gönnen, weil ich weiß, dass auch wieder andere Tage folgen. Dieser Wechsel, diese ständige Möglichkeit, andere Dinge zu machen, die gut für mich oder andere sind, ist befreiend.

Selbstliebe trotz Versagen

Für mich bedeutet Selbstliebe nicht, mich abends auf die Couch zu setzen und auf mich selbst anzustoßen und Gründe aufzulisten, warum ich so cool bin. Für mich ist Selbstliebe das, was mich auffängt, wenn ich an manchen Tagen denke, ich bin nichts als eine Versagerin. Das, was mir in Erinnerung ruft, warum ich keine Versagerin bin, auch wenn ich versage. Es lässt mich zwar auch nicht glauben, ich sei eine Gewinnerin, zumindest nicht an diesen Tagen, aber eben irgendwas dazwischen, was vielleicht nicht wunderbar ist, aber wenigstens okay. Das steckt nicht zwischen einem Drink am Strand und einer anderen Person, die zuhause auf mich wartet, sondern zwischen mich-okay-finden, mich-akzeptieren, auf-mich-stolz-sein, zu-meinen-Werten-stehen und dem leisen Erfolg, den ich damit ab und zu habe. 

Beitrag: Deborah Schmitt
Foto: Xavier Sotomayor / unsplash

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