Gagarin goes Techno: Die Anfänge der Russischen Raveszene

vor 3 Monaten

Wie entstand die Raveszene in Russland und was hat der erste Mann im Weltraum mit der Jugendbewegung zu tun?

 

Die Entwickelung einer Subkultur des Nachtlebens, die ein Jahrzehnt nach dem Zerfall der Sowjetunion aufblühte, gehört zu den bemerkenswertesten Veränderungen in der russischen Jugendkultur. Es eröffneten zahlreiche Nachtclubs, Casinos und Bars, die als die neuen Kulturzentren der Metropolen, in denen Mode, Musik und Kunst des Westens zelebriert wurde und ein ständiger kultureller Austausch stattfand. Doch schon einige Jahre vor dem Zusammenbruch der UDSSR schufen junge Menschen Freiräume und setzten neue Grenzen. Denn die Regierung unter Michail Gorbatschow befand sich seit Mitte der 80er Jahre bis zum Zerfall in einer Umstrukturierungsphase, die auch als Perestroika bezeichnet wird. Zahlreiche Neuerungen im System und nie zuvor gekannte Freiheiten brachte diese Phase mit sich.

Sowjetisches Nachtleben

Das Nachtleben in den 1990ern in Russland kann in drei große Kategorien eingeteilt werden. Zum einen gab es Rock- und Jazzclubs mit Livemusik, die quasi eine Verlängerung der russischen Rockbewegung aus den 1980er darstellt. Zum anderen gibt es die Novye Russkie (russ. Neureichen), die in den Kasinos und Restaurants ihr Geld verprassten. Ein Großteil der Novye Russkie waren Mitglieder der Mafia.

Die dritte Gruppe bildeten die Bewegung, die hauptsächlich auf House-Musik ausging. Diese Gruppe zeichnet sich durch ihre individuelle Mode, Sprache, ihren individuellen Lifestyle und den Gebrauch von Narkotika aus. Zudem unterschieden sich die Raver zu den anderen zwei Kategorien in ihrem Empfinden. Sie folgten nämlich den Grundprinzipien, dass nicht der kollektive Gedanke im Mittelpunkt steht, sondern das autarke und selbstständige Individuum.

Fontanka 145

Die Entstehung der Technoszene hängt genealogisch eng mit den kulturellen Dynamiken des späten Sozialismus zusammen. Besonders Leningrad in der Zeit zwischen 1988 bis 1991, also Ende der Perestroika-Phase, spielt dabei eine entscheidende Rolle. Hier begann alles in einem Wohnhaus in der Fontanka 145. Dort gründeten ein Kollektiv aus Künstler in einem leerstehenden Wohnhaus einen Ort, in dem die Künstler leben, arbeiten, ausstellen, aber auch feiern konnten. Um die Fläche nach eigenen Vorstellungen auszubauen wurden Wände eingeschlagen und zahlreiche Künstler eingeladen, um die Fläche neu zu gestalten.

Fontanka 145 bot damit Raum, in dem man künstlerische, musikalische und narkotische Experimente wagen konnte. Denn wöchentlich fanden Partys statt, die jedoch zunächst ausschließlich für Mitglieder und Freunden von Mitgliedern bestimmt waren. Die Exklusivität dieser Veranstaltungen konnte jedoch nicht lange bewahrt werden, da die Partys sich rumsprachen und immer mehr Besucher lockte. Viele interessierten sich nicht nur für die Musik, sondern wollten auch Teil der Subkultur sein, die sich deutlich von den Sowjetbürgern unterschieden. So waren viele Mitglieder und Besucher der Fontanka 145 für die Sowjetunion unüblich bunt angezogen, hatten gefärbte Haare und waren gepierct. Außerdem machten zahlreiche Besucher ihre ersten Erfahrungen mit Homosexualität und mit Transvestismus. Musikalisch wurde hauptsächlich House-Musik aus dem Westen gespielt.

Anfangs standen dem Kollektiv nur Bänder zur Verfügung, die die ganze Nacht abgespielt worden. Innerhalb eines Jahres jedoch änderte sich diese Situation. Es wurden Plattenspieler besorgt und man legte Schallplatten auf, die die Künstler von ihren Reisen oder Freunde aus dem Westen mitbrachten. Denn das Ende der Umstrukturierung in der UDSSR vereinfachte nicht nur den Künstlern die Ausreise, sondern erleichterte befreundeten Künstlern, Journalisten, Kunststudenten aus dem Westen die Einreise in das Land.

Novye Kompozitory

Nicht lange dauerte es bis die Mitglieder der Fontanka 145 ihre eigene Musik produzierten, die auf den Partys gespielt wurden. Ein Teil des Kollektivs, nämlich die Novye Kompozitory (russ. Neue Kompisitoren), befassten sich ausschließlich mit der Produktion von Musik. Zwei der Mitglieder Valerii Alakhov und Igor Verichev arbeiteten zu der Zeit im Leningrader Planetarium. Sie nutzen das Equipment der Shows, um ihre eigene Musik aufzunehmen und holten sich das Einverständnis des Direktors des Observatoriums die Audio- und Lichtausstattung für After-Hour-Partys zu nutzen. Immer öfters fanden Veranstaltungen in den Räumlichkeiten des Planetariums statt und die Fontanka 145 lernten wie sie eine Clubatmosphäre schaffen und die Besucher unterhielten.

Kurze Zeit darauf wurde das Experiment Planetarium vergrößert und zum ersten Mal fand auf russischem Boden ein annoncierter Rave statt mit dem Westberliner DJ West Bam als Headliner. Um einen zu hohen Ansturm auf diese Veranstaltung zu vermeiden, belief sich der Eintrittspreis auf 60 Rubel (ca. 9 Dollar ), was zu dieser Zeit enorm viel war. Dies hielt die Menschenmassen (ca. 600-700 Besucher) jedoch nicht ab Teil des ersten großen Raves in Russland zu sein, der auf zwei aufeinanderfolgenden Tagen stattfand. Mit diesem Rave wurde die Technokultur für die breite Masse zugänglich und erstmals sichtbar als Teil einer Jugendkultur wahrgenommen.

Von Leningrad nach Moskau

Kurz nach der Veranstaltung im Planetarium kam die Idee auf eine ähnliche Party in Moskau zu organisieren. Gesagt, getan. Als Veranstaltungsort einigten sich Mitglieder des Kollektivs auf das Kosmos-Pavillon in der Ausstellung der Errungenschaften der Volkswirtschaft in Moskau. Dieser Ort schien für die Künstler nicht nur ein Ort an dem sowjetische Geschichte besonders hervorstach, sondern auch weil Juri Gagarin der einzige übrig gebliebene Held in der Sowjetunion war. Die Nebeneinanderstellung von alten sowjetischen Symbolen mit der Ravekultur ermöglichte eine Neuinterpretation der klassischen sowjetischen Zeichen. Der neue Kontext löste den großen sowjetischen Helden von der Weltraumverbundenen symbolischen Bedeutungen.
Die Symbole wurden sowohl aus dem Kontext des sowjetischen ideologischen Mythos als auch aus der unaufhörlichen öffentlichen Verachtung der späten Perestroika-Zeit herausgenommen und als relevant für die aufkommende post sowjetische Jugendkultur erachtet. Die Gagarin-Party war eine kulturelle Veranstaltung, die die bedeutende und positive kulturelle Kontinuität der post-sowjetischen Welt bot und zelebrierte.

Kunst und Party

Die Gagarin-Party zog tausende Jugendliche aus Leningrad und Moskau an. Da auch hier der Eintrittspreis sehr hoch war, ca. 10 Dollar, wurde jedem, der ein ausgefallenes Outfit trug Eintritt umsonst gewährt. Die Veranstalter wollten mit dieser Aktion nicht nur möglichst vielen freien Eintritt gewähren, sondern auch die Gesamtatmosphäre beeinflussen. Denn bei allen Projekten stand der künstlerische Aspekt immer im Mittelpunkt.

Darauf folgende Veranstaltungsreihen, so wie Gorkii Dom, konzentrierten sich ebenfalls auf den künstlerischen Aspekt und scheuten keine Mühe um eine besondere Atmosphäre zu schaffen. Das Phänomen solcher Partys wurde, von 1991-1992, so groß, dass viele Kunstausstellungen eingestellt wurden und durch die künstlerischen hochwertigen Projekte ersetzt worden.

Und was war danach?

Mehr und mehr wuchs das Interesse der jungen Generation an der Musik, der Kunst, den Partys und der Mode der Szene. Aus diesem Grund veröffentlichte Igor Shulinsky im Jahr 1994 das Magazin Ptyuch. Kurz zuvor gründete er bereits den gleichnamigen Club Ptyuch in Moskau. Igor Grigoriev rief 1995 das Magazin OM ins Leben. Beide Zeitschriften versorgten die Leser mit Informationen aus den Bereichen Mode, Kunst und Musik.

Bedauerlicherweise haben beide Magazine den Beginn der 2000er nicht überlebt. Der Druck der Behörden auf die Magazine nahm mit den Jahren immer mehr zu.  Dies läutete auch das Ende einer Ära ein. Denn Russland befand sich nach dem Zerfall der Sowjet Union in einer Art Schwebezustand. Die zusammengebrochene Regierung musste sich neu organisieren und ein neues System zunächst einmal etablieren. Dies nutzte die junge Generation, um sich neu auszuprobieren und Grenzen zu überschreiten. So paradox wie es klingen mag, genossen sie mehr Freiheiten, als nachfolgenden Generationen in Russland.

Filmtipp der Autorin: Wer sich für die Ravekultur in Großbritannien während des selben Zeitraumes, also zwischen 1984 und 1992 interessiert, sollte sich den Dokumentarfilm „Everybody in the Place: An incomplete History of Britain 1984-1992“ anschauen. Im Rahmen des Musik-und Kulturfestivals „Pop-Kultur Berlin“, das vom 21-23.08.2019 stattfindet, wird der Film am 21.08.2019 im Kinosaal zu sehen sein.

Text: Emiliya Daud
Bilder:Unsplash

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