Im Interview: Julia Seemann

vor 3 Monaten

Die talentierte Designerin über Kreativität, Rihanna und Techno.

Anlässlich ihrer Spring/Summer Kampagne ’19 „Non Stop Trance“ haben wir uns mit Julia Seemann zusammengefunden, um mit ihr über ihre neue Kollektion, Rihanna, Kreativität und Techno zu reden. Das spannende Resultat könnt ihr im Folgenden nachlesen.

 

Du wurdest relativ rasch nach deinem Abschluss erfolgreich – hast du dir das so erträumt oder vorgestellt?

Ich träume schon seit meiner Kindheit davon, eines Tages mein eigenes Fashion Label zu haben. Ich bin auch eher eine Person, welche am liebsten unabhängig arbeitet und Ideen nach meinen Vorstellungen verwirklichen möchte. Diese Eigenschaft habe ich wahrscheinlich von meinem Vater geerbt, der tickt da ähnlich. Dass mit dem eigenen Label alles so schnell gehen wird, habe ich mir jedoch nicht gedacht.

 

Du hattest dein Debut auf der New York Fashion Week 2015 – war das für dich ein Sprung ins kalte Wasser?

Auf jeden Fall. Direkt nach dem Abschluss hatte ich keine Ahnung, was es alles braucht, um ein eigenes Fashion Label aufzubauen und zu führen. Die letzten vier Jahre waren vor allem „learning by doing“. Glücklicherweise hat mein Partner Flavio, mit dem ich das Label gemeinsam mache, eine Ausbildung in Unternehmenskommunikation. Dieses Know-how hat uns geholfen, auch den Business-Aspekt eines Fashion Labels besser zu verstehen. Dennoch sind es nicht nur die Erfolge, sondern auch das Lernen aus Fehlern, was uns täglich vorantreibt und weiterbringt.

 

Rihanna war eine deiner ersten Supporterinnen – habt ihr eine besondere Verbindung? 

Rihanna steht als einer der grössten Popstars ständig in der Öffentlichkeit. Trotzdem bleibt sie sich selber treu und macht was sie für richtig hält. Sie thematisiert gesellschaftliche Probleme und durchbricht Grenzen und Tabus. Das gefällt mir an ihr und deshalb finde ich es sehr passend, dass sie eine der ersten war, die unser Label unterstützt hat. 

 

Du hast schon in New York, London und Berlin gelebt – welche Stadt inspiriert dich am meisten?

In New York und Berlin habe ich die Kollektionen gezeigt und war schon öfter da, gelebt habe ich aber bis jetzt nur in London für längere Zeit. Jede dieser drei Städte hat ihren eigenen Reiz. Alle stehen für Underground-Subkultur und Diversität. Zu London habe ich einen sehr persönlichen Bezug, weil ich damit Phänomene wie Goth, Skinhead oder Punk verbinde. Diese wiederum sind der Ursprung von weiteren subkulturellen Bewegungen wie Post-Punk, Wave, Industrial, EBM, Techno, .. , welche mich persönlich faszinieren und beeinflussen. Berlin nehme ich momentan als Melting Pot von verschiedenen Underground-Szenen und Gegenkultur wahr. Ich habe das Gefühl es entsteht momentan viel Neues und Innovatives in Berlin auch in der Mode. Dazu hat auf jeden Fall auch die Arbeit von Mumi Haiati mit seiner Vision für Reference Studios beigetragen. Zurzeit finde ich Berlin sehr spannend und wir haben deshalb entschieden diesen Frühling hinzuziehen.

Deine aktuelle Kollektion ist inspiriert von elektronischer Tanzmusik – Warum?

Mit Body Sensations haben wir Anfang 2018 eine Partyreihe und Plattform für kontemporäre Underground Musik gestartet und bereits drei Editionen in Zürich und Berlin veranstaltet sowie Mixes und Live-Sets auf SoundCloud veröffentlicht. Flavio hat auch zuvor schon über mehrere Jahre Konzerte und Parties organisiert. Wir kommen aus einem sehr kreativen Umfeld und viele unserer Freunde machen selbst Musik. Wir wollen mit Body Sensations eine Fläche schaffen, um ihre Arbeit und die Musik von unseren Lieblingskünstlern, mit den Leuten, welche sich für unser Label interessieren, zu teilen. Die Spring/Summer 19′ Kollektion thematisiert unterschiedliche elektronische Musikszenen aus vergangenen Jahrzehnten und somit verschiedene Ursprünge für unsere heutigen Parties. Konkret sind dies für diese Saison Bewegungen wie Madchester in den späten 80ern in England, Hard Trance von Bonzai Records in den 90ern und 00ern in Belgien sowie Spiritual Trance von Künstlern wie Goa Gil aus San Francisco. Dabei ist es für uns wichtig, durch die einzigartige Kombination dieser verschiedenen Referenzen Spannung zu erzeugen und daraus unsere eigene Designsprache zu entwickeln. Generell verkörpern unsere Kollektionen immer unsere persönlichen Interessen und sind eine Reflektion von verschiedenen Themen, mit welchen wir uns während der Konzeption- und Entwicklungsphase eines neuen Projekts befassen.

 

Die Kollektion hast du in Zusammenarbeit mit Freunden entworfen – verbindest du gerne berufliches mit privatem?

Für mich ist die Echtheit und Glaubwürdigkeit eines Fashion Labels zentral. Deshalb ist es für mich unumgänglich, dass das Label meine persönlichen Interessen und mein soziales Umfeld widerspiegelt. Insbesondere weil wir uns bei der Arbeit oft mit subkulturellen Themen und Einflüssen von Musikszenen befassen, ist es umso wichtiger, dass wir die Codes und Stilelemente, auf welche wir mit unseren Designs anspielen, auch verstehen und wir uns bewusst sind, worauf wir uns beziehen. Ich denke nur so können wir ein authentisches Label aufbauen.

 

Gibt es Phasen in denen es dir schwer fällt kreativ zu sein?

Ich kann leider am besten Arbeiten, wenn ich unter zeitlichem Druck stehe. Deshalb bin ich in der Zeit, bevor ich mich voll und ganz in die Konzeption und Umsetzung eines neuen Projekts stürze, eher etwas weniger kreativ.

 

Was gefällt dir am meisten an der Fashion Industrie?

Die kreative Freiheit zu besitzen, um etwas nach den eigenen Vorstellungen sowie dem persönlichen Geschmack zu gestalten, dadurch die Möglichkeit zu haben, auf gesellschaftliche, politische oder kulturelle Themen aufmerksam zu machen und hoffentlich andere Menschen zu inspirieren und zum handeln zu bewegen.

 

Und was am wenigsten?

Die Schnelllebigkeit und das Übermass an inhaltslosen Produkten. Für uns steht deshalb an erster Stelle, mit dem Label eine glaubwürdige Welt zu schaffen und mit unseren Designs und Projekten einen kulturellen Beitrag zu leisten.

 

Genießt du es manchmal Abstand zu nehmen von der Mode oder ist sie immer ein konstanter Begleiter für dich?

Ich geniesse es durchaus, ab und zu abzuschalten und überhaupt nicht über Mode nachzudenken. Im Oktober vor einem Jahr waren wir beispielsweise für drei Wochen auf einem Roadtrip durch Kalifornien – das war sehr schön und entspannend. Ich hätte gerne mehr Zeit, um weitere Länder zu bereisen und andere Kulturen zu entdecken. Man nimmt dadurch unterbewusst so viele Dinge wahr, welche auch später wieder Inspiration für die Arbeit sein können.

 

Was wünschst du dir für zukünftige Kollektionen? Wie würdest du gerne arbeiten?

Wir sind ständig daran innovative Konzepte zu entwickeln, um beispielsweise nachhaltige Kollaborationen mit Künstlern, Musikern sowie anderen Brands zu realisieren. Es sind bereits einige interessante Projekte in Planung und wir sind gespannt, was die Zukunft noch so bringen wird.

 

Interview: Rina Kasumaj
Bilder: Mattia Comuzzi

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