Im Interview: Lizzo

vor 2 Monaten

Der Mega-Star über Gleichberechtigung und müllfressende Roboter.

Bei ihrem ersten Besuch in Berlin trafen wir Lizzo zu einem Interview. Melissa Jefferson, bekannt unter ihrem Künstlername Lizzo, ist eine US-amerikanische Rapperin und Sängerin. Sie ist Gründungsmitglied verschiedener Indie-Hip-Hop-Gruppen. Heute ist sie Solo-Künstlerin und aus der amerikanischen und europäischen Musikszene nicht mehr wegzudenken.

Wir sprachen mit ihr über ihre Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Besonders beeindruckte sie uns mit ihren revolutionären Visionen.

Deine Musik wird häufig als ein Genre-Mix bezeichnet und reicht von Pop über R&B, Neosoul, Indie und Hip-Hop. Wie würdest du dich selbst und deine Musik beschreiben?

Ich beschreibe meine Musik als Bop (ehemals auch bekannt als Bebop) und ja, ich bin ein Bop-Star. Das ist es, nicht mehr und nicht weniger. Ich möchte Bop Musik machen, denn für mich ist Bop der neue Pop.

 

Du kommst aus einer sehr musikalischen Familie. Dein Vater mochte klassischen Rock und deine Schwester liebte Indie. Welche Musikrichtung mochtest und magst du am liebsten?

Ich weiß nicht. Ich denke ich mag, das klingt vielleicht seltsam, jede Art von Musik. Bei mir Zuhause hörten wir viel Radio. Gerne schaute ich mir auch Musikvideos auf MTV an. Ebenso war Gospel ein großer Teil meines Lebens. Auch klassische Musik begleitete mich. Ich spielte bereits als Kind und auch später auf dem College Querflöte. Ja, tatsächlich, ich mag wirklich jede Form von Musik. Die Wahl von dem was ich gerade gerne höre ist immer abhängig von meiner jeweiligen Stimmungslage.

 

Amerika und auch Europa feiert dich als das neue Idol, dass Frauenpower nicht nur verkörpert, sondern auch lebt. Siehst du in deiner eigenen Rolle eine politische Verantwortung?

Nein, ich fühle mich nicht politisch verantwortlich. Ich bin keine Politikerin. Wenn Leute mich fragen „Was denkst du, wo benötigen wir bessere Gesetze?“, dann antworte ich „Ich weiß es nicht. Ich bin keine fucking Politikerin. Das ist nicht mein Job.“ Ich bin eine Künstlerin. Ich spreche über die Dinge, die mir wichtig sind. Ich spreche über die Dinge, die mich direkt beeinflussen. Dabei werde ich mich auch nicht zurückhalten. Alles was ich tun kann ist Bewusstsein schaffen und meine Stimme für Sachen erheben, die ich sehe und mitbekomme. Ich wünschte ich hätte die Kraft Dinge zu ändern, also ja, vielleicht werde ich Politikerin. Es ist an der Zeit.

 

Im Februar wird in vielen Ländern dieser Welt der Black History Month gefeiert. Ebenso wird am 08. März der Weltfrauentag gefeiert. Was bedeuten diese Tage für dich? Nimmst du Unterschiede in Amerika und Europa wahr?

Seitdem ich Amerika verlassen habe, habe ich nichts über den Black History Month gehört, ich dachte das sei ein amerikanisches Ding. Vom Internationalen Frauentag hingegen höre ich hingegen auch in Europa nonstop etwas. Für mich persönlich fühlt es sich an, als wäre es nicht genug, indem wir bloß den einen Tag im Jahr feiern. Natürlich ist mir bewusst, wie wichtig dieser Tag für Frauen ist. Was ich allerdings nicht nachvollziehen kann, ist der Unterschied den wir machen, wenn wir über Frauen und Männer sprechen. Wenn wir einen Weltfrauentag haben, wann ist dann Weltmännertag? Eben, jeden verdammten Tag. Wir geben Frauen einen einzigen Tag im Jahr und Männern all die anderen. Das ist nicht witzig für mich. Und ich denke, das ist es, worum es gehen sollte. Die eigentliche Diskussion sollte sein, wie wir das Gleichgewicht in den Diskursen über die Rolle der Frau im täglichen Lehrplan, in der Alltagskultur und in den Alltagsmedien herstellen können. Und das nicht nur an einem Tag im Jahr.

 

Neben deiner musikalischen Karriere hast du 2014 deine eigene Mini-Serie im Tagebuchstil geschaffen nach deinem gleichnamigen Album „Big GRRRL Small World“. Magst du kurz erzählen worum es dort geht und welche Idee hinter dem Konzept steht?

Die Idee für „Big GRRRL Small World“ entstand als ich mit meinen Freunden unterwegs war. Wir machten so viele verrückte Erfahrungen, dass ich fragte „Wo sind die Kameras? Wir müssen das dokumentieren.“ Also machte ich am Ende eine Show über mein Leben in Minneapolis. In einer Episode backten wir Donuts, in einer anderen besuchten wir das „State Fair“ – ein jährlich stattfindendes amerikanisches Volksfest. Wir drehten sogar eine zweite Staffel, die allerdings nie veröffentlicht wurde. Zu dem damaligen Zeitpunkt, den Anfängen meiner Karriere fanden wir keinen geeigneten Partner. Heute, da bin ich mir sicher, ließe sich mit Sicherheit jemand finden. Die Serie gehört allerdings zu einer Phase meines Lebens, die jetzt Vergangenheit ist. Ich denke die Dinge haben sich geändert. Ich habe viele Auftritte und toure durch die Welt. Es war eine tolle Erfahrung und hat Spaß gemacht. Es ist lustig, dass du mich daran erinnert hast, ich hatte es fast vergessen.

 

 

Du bezeichnest dich selbst als „Bitch“ – ein in der Gesellschaft negativ konnotierter Begriff. Du scheinst ihn ganz neu zu definieren. Verrate uns: Wie ist man eine wahre Bitch? Welche Eigenschaften hat sie?

Stop, stop, warte mal einen Augenblick (lacht). Es ist anders. Ich bezeichne jeden als Bitch. Bitch ist kein Nomen, Bitch ist ein Adjektiv und ein Verb. Ich denke in meiner Kultur, ich meine da wo ich herkomme, hat der Begriff eine andere Bedeutung als scheinbar bei euch. Wir nutzen den Begriff ganz locker, es ist eher ein Beiwort eines Satzes und keine bewusste Anrede. Für mich, ich weiß nicht warum, klingt Bitch einfach sexy. Und nein, es gibt nicht die Bitch und nicht die wahren Eigenschaften einer Bitch. Für mich ist Bitch einfach ein sexy Wort. Ich benutze es gerne, ebenso wie andere Wörter auch.

 

Du überraschst deine Fans immer wieder mit neuen verrückten Ideen. Was sind deine nächsten Pläne?

Derzeit ist wirklich viel los. Wir sind mit den Vorbereitungen für das Coachella Valley Music and Arts Festival beschäftigt, planen meine nächste Tour, arbeiten an den Dreharbeiten für ein neues Musikvideo und morgen sitze ich bereits für ein Shooting wieder im Flieger. Zu diesem Augenblick werden meine verrückten Ideen also Realität. Ich denke die Zukunft ist etwas, das in der Gegenwart zu mir kommt. Ich weiß nicht wie ich es erklären kann, aber für mich ist es, als würde immer alles zur richtigen Zeit zu mir finden.

 

Wo siehst du dich in drei Jahren?

Drei Jahre? Das ist 2022. Oh mein Gott! Beruflich werde ich mit Sicherheit weiter touren, an Alben arbeiten oder ein neues herausbringen. Drei Jahre hören sich so verdammt viel an, aber ja, eigentlich ist es keine lange Zeit. Kinder oder eine Familie spielen zumindest in meinen Plänen bisher keine Rolle. Mein Baby ist meine Karriere. Meine anstehenden Touren sind wie Kinder bekommen für mich. Für eine richtige Familie bin ich noch nicht bereit. Jedes Kind auf der Welt verdient es in eine Familie geboren zu werden und in einer aufzuwachsen, die eine feste Struktur bieten kann. Das kann ich bisweilen nicht. Meine Musik ist wie eine Schwangerschaft für mich und im April, wenn mein neues Album rauskommt, bekomme ich mein nächstes Baby.

 

Wenn du die Zukunft verändern könntest – du entscheidest wie die Welt ab morgen sein soll – was wären die drei wichtigsten Errungenschaften für dich?

Wenn ich die Zukunft verändern könnte, würde ich als allererstes, und das ist eine sehr utopische Vision, das Gleichgewicht zwischen Frauen und Männern verändern. Ich würde Frauen natürlich mächtiger machen, ich würde mehr Frauen in den Kongress, den Senat und in Vorstandsetagen setzen. Ich würde mehr Frauen hinter die Kameras setzen und Intersektionalität vorantreiben. Damit meine ich mehr schwarze Frauen, mehr braune Frauen, mehr homosexuelle Frauen, anstatt weiße Frauen und Frauen, deren Geschlechtsidentität mit dem Geschlecht übereinstimmt, dem sie nach der Geburt zugeordnet wurden. Das wäre die eine Sache.
Die zweite Sache bezieht sich auf die Art und Weise wie Städte gebaut sind. Das ist sehr spezifisch. Ich würde Städte kreisförmiger machen anstatt in Rastern, weniger statisch und starr sondern natürlicher, organischer. Das ist sehr wichtig für mich.
Als letzte Sache würde ich Roboter bauen lassen die Müll essen. Die Roboter selbst würden aus recyceltem Material hergestellt sein, sodass keine neuen Technologien gebraucht werden würden. Ich würde Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und Ingenieurinnen und Ingenieure anheuern, die Roboter aus recycelten Teilen wie alten Computern bauen. Diese würden dann unseren Müll essen. Sie würden damit beginnen, zuerst ihre eigene Mülldeponie zu essen und dann, würde es weitergehen. Das Gegessene würde man erneut recyceln und daraus wieder neue Roboter herstellen, die in den Seen schwimmen und den ganzen Müll fressen. Ich würde nur Dinge machen wollen, die Müll essen. Das ist es! Das sind die drei kleinen Dinge.

 

Am Ende verriet sie noch, dass ihre Lieblingsspeise Kartoffelpuffer seien, dass deutsches Bier ganz großartig schmecke und sie ein großer Schokoladenfan sei. Derzeit kann sie nicht genug bekommen von Weintrauben.

Text: Teresa Löckmann
Video: Youtube
Bild: PR

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