Meine Magazine sind meine Kinder

vor 3 Monaten

Vor Kurzem wurde Ricarda Messner vom Magazin Forbes zu einer der einflussreichsten Persönlichkeiten im Medienbetrieb unter 30 gewählt – europaweit. Ihre Magazine Flaneur und Sofa gleichen Wunderkammern, mit dem Zeitmagazin Newsletter erreicht sie täglich tausende Leser. Wie geht es jemandem, der so schnell so viel erreicht hat? Ein Gespräch über die Magie von Anfängen und die Ängste, die sie begleiten.

 

 

Ricarda Messner brachte mit 23 Jahren Flaneur heraus, ihr erstes eigenes Magazin. Mit 24 gründete sie einen Verlag. Im vergangenen Jahr startete sie Sofa, ihr zweites Magazin. Forbes führt die heute 26-Jährige auf der Liste der 30 einflussreichsten Persönlichkeiten der europäischen Medienbranche unter 30. Ricarda Messner kommt mit einem offenen, sympathischen Lächeln und einem Kaffeebecher in der Hand zum Interview. Als ich die Malutensilien ausbreite, fragt sie mich, was die Idee dieser etwas anderen Interviewart ist.

Der Grundgedanke ist, dass du mit dem Bild wiedergibst, was dich emotional bewegt. Du kannst einfach so drauflos malen. Oder vielleicht hast du ja eine Idee mitgebracht.
Momentan fühle ich oft Frust oder Ärger, was die Welt betrifft. Seit dieser Trump-Wahl habe ich gemerkt: Die Welt verändert sich total. Ich habe noch nie so viele Nachrichten konsumiert wie im vergangenen Jahr. Trotzdem glaube ich daran, dass auch der ganze Hass notwendig ist, um Gespräche zu beginnen, sich mit unterschiedlichen Meinungen auseinander zu setzen. Die eigene Blase zu verlassen. Und auch jetzt wo das Thema sexual harassment wieder hochkommt, wird mir bewusst, wie lange ich weggeschaut, es ignoriert und toleriert habe.

Versuchst du diese Themen in deine Arbeit einzubauen? Ich habe gelesen, dass du eine Demonstration veranstaltet hast.
Genau. Sowas geschieht meist ganz natürlich oder sogar unterbewusst. Wir waren mit der letzten Ausgabe des Flaneur-Magazins in Moskau, um es dort vorzustellen. Ich habe die USA-Wahl von dort aus dem Fernsehen mitverfolgt. Ich habe meine Freunde in New York gesehen, die auf die Straße gegangen sind. Bei Facebook habe ich dann einen Berlin-Trump-Protest gesehen. Da waren aber nur neun Leute angemeldet. Dann wurde ich plötzlich als Administratorin hinzugefügt. Als ich aus Moskau zurückkam, haben wir den Protest veranstaltet. Mein Freund hat dort Poetry vorgetragen, so haben wir uns kennengelernt.

Das hört sich total nach Bauchmensch an. So bist du durch deinen Frust auch politisch aktiv geworden. Ich habe auch gelesen, dass du nie geplant hast, Chefin zu werden oder ein eigenes Magazin zu machen.
Total, ich bin ein mega Bauchmensch und ein großer Fan davon, Dinge einfach erst mal auszuprobieren und zu schauen, was passiert. Mir macht es auch Spaß, zu planen, aber das sind keine Businesspläne, sondern Pläne für das, was ich gerne mal machen würde. Eigentlich entsteht alles, was ich mache, in Phasen, in denen es mir nicht gut geht. Wie eine Art Problemlösung. In so einer Phase ist auch Flaneur entstanden.

 

Ich bin ein Megabauchmensch und ein großer Fan davon, Dinge einfach erstmal auszuprobieren und zu schauen, was passiert.

Als du von New York zurück nach Berlin gezogen bist?
Genau. Da ist mir etwas in New York passiert, weswegen ich zurückkommen musste. Das Magazin war meine Rettung. Da war der Grundgedanke: Du musst dir etwas Eigenes aufbauen, damit du die Freiheit hast, über dein tägliches Arbeitspensum zu bestimmen, wenn du dich nicht gut fühlst. Auch das neue Magazin Sofa, das ich seit letztem Jahr mit einer sehr guten Freundin mache, habe ich nach einem belastenden Ereignis angefangen. Ich hatte, wenn man es so nimmt, eine Sache abgeschlossen, was mir total viel Energie für eine neue Geburt gegeben hat.Ich bezeichne die Projektideen ja immer  als Kinder, die man mit ganz viel Wehen zur Welt bringt. Wenn es mir gut geht, werde ich meistens eher lethargisch.

Also deine Energie entsteht, wenn es dir nicht so gut geht oder dich etwas stört. Stößt das einen Veränderungsprozess an?
Ich bin dann einfach inspiriert. Wie bei meinem Ex, der in den USA lebt und mich gegen Ende der Beziehung terrorisiert hat. Ich war sogar bei der deutschen Polizei, aber es gibt kaum einen Schutz gegen internationales Stalking. So etwas gibt mir Anlass, zu überlegen, wie ich mich bei diesem Thema engagieren kann. Ich glaube, ich brauche den persönlichen Bezug, damit ich dahinter stehe und Energie aufbringen kann. So arbeite ich eigentlich immer. Ausgenommen mein neuer Job. Ich arbeite mit beim Zeitmagazin Newsletter, der natürlich auch super viel Spaß macht, aber es ist das erste Mal geregelte Arbeit. Und es ist schön, gegen Ende des Monats eine Summe X zu bekommen. Das hatte ich mein Leben lang nicht. Es war immer so ein Hin und Her, so ein wird das jetzt was, oder wird das nichts. Nach vier Jahren, in denen dir niemand deinen Tag diktiert hat, ist es OK, mal etwas für jemand anderen zu machen.

Eigentlich entsteht alles, was ich mache, in Phasen, in denen es mir nicht gut geht.

Die vier Jahre, seit du Flaneur herausgebracht hast, müssen rasant gewesen sein. Ich frage mich, wie man sich bei deinem Tempo und Erfolg das Bauchgefühl bewahren kann. Dieses Intuitive und die Freiheit, jedes Magazin als weißes Blatt anzufangen, während du von Forbes zu den 30 Einflussreichsten unter 30 gezählt wurdest.
Ich mache das ja nicht alleine. Wir machen das Flaneur Magazin zu Fünft und von Anfang an haben wir alles gemeinsam umgesetzt. Das sind echt tolle Leute, mit denen wir alles umgesetzt haben. Wenn du mit anderen arbeitest, musst du die Dinge planen und dich fragen: Wohin geht’s? Ich hatte ja keine Ahnung von den Dingen, die ich machen wollte, geschweige denn eine Finanzstrategie. Das wurde dann immer schwieriger und nach vier Jahren haben wir gemeinsam entschieden, dass wir umstrukturieren müssen. Ich wollte diese finanzielle Verantwortung nicht mehr alleine tragen. Zumal wir eh im Kollektiv arbeiten und ansonsten gleichgestellt sind. Und ja, mir macht Träumen viel Spaß, meist habe ich ein Bauchgefühl oder ein Bild  vom Endprodukt im Kopf, wie es werden soll. Aber der Weg dahin ist mir relativ egal, das wird dann irgendwie schon.

Also das Vertrauen in dich selbst hast du dir bewahrt?
Schon. Beziehungsweise ich habe das Vertrauen in mich, wenn mich zum Beispiel eine Idee nicht verlässt. Wie ein guter Albtraum. Dann gehe ich es an. Ich habe wirklich tausend Ideen und ich stecke sie schon immer wieder in die Schublade, weil man nunmal nur ein Mensch ist und der Tag nur 24 Stunden hat. Ich habe so ein Grundvertrauen, dass etwas richtig gut ist, aber der Zeitpunkt gerade nicht passt. Das heißt aber nicht, dass ich das in zwei Jahren nicht noch einmal angehen kann.

Und wie kannst du bei deiner hohen Workload entspannen?
Ich war früher ein extremer Sportmensch, habe aber mit etwa 14 Jahren komplett aufgehört. Ich bin Einzelkind und habe mich immer sehr viel selbst beschäftigt. Sei es, dass ich fünf Stunden in meinem Zimmer getanzt habe oder draußen herumgerannt bin. Ich habe mir Spiele ausgedacht. Ich war wirklich schon immer superaktiv. Irgendwann habe ich dann aufgehört, mich um meinen Körper zu kümmern. Man denkt immer, ich bin so superdiszipliniert, aber ich bin wirklich faul. Ich wohne alleine und mein Kühlschrank ist immer leer und ich bestelle meist nur Mist. Sonntag war ich einmal beim Joga. Es tat mir echt gut. Aber regelmäßig bekomme ich das nicht hin. Ich überlege schon die ganze Zeit etwas zu malen … (blickt auf das Blatt Papier vor sich)

Etwas, das deinen emotionalen Zustand beschreibt. Oder: Wenn du eine Straße wärst, wie würde sie aussehen?
Irre! Wofür ich auch total berühmt bin oder was meine Teamkollegen immer amüsiert:

Ich habe ungefähr 20 Notizbücher und ich schlage immer irgendeine Seite auf und schreibe ganz komische Stichworte. Ich habe schon früher in der Schule die Leute bewundert, die ganz organisiert waren und von Seite zu Seite geschrieben haben. Ich kann das so überhaupt nicht. Es ist immer alles ganz wirr und ich gucke eh nie wieder in die Notizbücher rein. (Ricarda malt etwas …) Das ist jetzt auch typisch für mich, wenn ich zehnmal neu anfange. In meiner Kindheit oder in der Schule habe ich auch zehnmal meinen Hefter neu geschrieben. Eigentlich bin ich kein Perfektionist, aber wahrscheinlich doch.

Wann ist etwas für dich gut?
Gute Frage. Ist es gut, wenn andere Leute darauf reagieren und es wahrnehmen? So ist es mit Flaneur. Doch worauf basiert diese Aufmerksamkeit? Geht es um das junge blonde Mädchen? Oder um das Magazin?

Kannst du dir selbst nicht richtig erklären, wie du zu der ganzen Aufmerksamkeit kommst?

Ich glaube schon, dass ich gute Arbeit mache, aber ich mache sie natürlich auch nicht alleine. Klar, ich hatte die Grundidee, im Flaneur-Magazin immer eine andere, spezielle Straße vorzustellen und finanzierte alles. Zum Team gehören aber auch Johannes und Michelle von Yukiko, die Designer, und Grashina und Fabian, die die Redaktion machen. Trotzdem haben sich die Medien total auf mich gestürzt. Das ist etwas, was ich noch lernen muss – stolz auf mich zu sein. Diese Forbes-Nummer wollte ich gar nicht teilen, weil mir Aufmerksamkeit teilweise immer noch unangenehm ist.

Gibt es in deiner Familie andere Kreative oder Selbständige?
Mein Papa ist selbstständig. Ich habe vor Kurzem herausgefunden, dass mein Urgroßvater einen kleinen Verlag hatte. Die Familie von seiner Seite kommt aus Lettland. Mein Urgroßvater Salomon ist im Zweiten Weltkrieg umgekommen. Er kam aus dem Modebereich und hat um 1900 eines der wichtigsten Schnittbücher vertrieben. Er hatte auch ein Modegeschäft.

Wie hast du das herausgefunden?
Ich habe begonnen, mich mit der Familiengeschichte zu beschäftigen und erfahren, dass mein Urgroßvater und andere Familienmitglieder von den Nazis umgebracht wurden. Im Zuge dessen habe ich letztes Jahr mit der jüdischen Gemeinde in Lettland Kontakt aufgenommen und die haben mir unglaublich viel Material  zugeschickt, unter anderem eben auch die Verlagstätigkeit von meinem Urgroßvater.

Du wohnst ja wieder in der Wohnung deiner Kindheit …
Als ich aus New York wieder nach Berlin kam, war die erste Wohnung, die meine Mama damals hatte, frei. Was für ein Zufall! Es gibt Videoaufnahmen von meinem ersten Geburtstag, in dieser Wohnung. Ich bin zur Hausverwaltung gegangen und habe denen davon erzählt. Jetzt wohne ich schon seit drei oder vier Jahren in der Straße, wo ich als kleines Kind immer langgeschoben wurde.

Was sind deine Vorstellungen für deine Zukunft?
Ich will definitiv viel mehr machen, als ich jetzt schon mache. Ich habe so viele Ideen. Ich würde gerne mehr experimentieren. Der Verlag soll sich außerdem nicht nur auf Print konzentrieren: das Motto ist PUBLISHING DREAMS und jede Geschichte muss in dem für sie passenden Medien Format publiziert werden. Ich versuche auch gerade einen ersten Dokumentarfilm zu produzieren.

Du denkst vor allem an die Arbeit?
Total! Das Ding ist, dass ich es nie als Arbeit betrachte.

Es scheint dir ein Anliegen zu sein, Themen auszuwählen, die dir persönlich am Herzen liegen, die du den Lesern mitgeben möchtest.
Ich glaube mir ist es einfach wichtig, dass die Leute etwas fühlen, berührt werden. Vielleicht will ich  auch einfach wissen, dass ich nicht die Einzige bin, die irgendetwas fühlt und dadurch mit  mehr Menschen in Kontakt treten.

Um nicht allein mit den Themen zu sein?
Ja. Zum Beispiel ein aktuelles Website Projekt, das LIKE ME…NOW heißt. Das ist eine Sache zur digitalen Selbstpräsentation, die ich seit vier Jahren machen wollte. Als ich damals aus New York gekommen bin, habe ich ein Facebook-Profilbild hochgeladen, bei dem man denkt: Happy in New York. Dabei war es eines meiner letzten Bilder, die ich in New York gemacht habe. In der Zeit war ich am Boden zerstört. Für das Projekt habe ich einfach mehrere Leute angeschrieben, damit sie mir die Geschichte hinter ihrem Facebook-Profilbild erzählen. Das ist so super interessant. Es geht nicht darum, dass jede Geschichte depressiv oder traurig ist. Aber es reicht einfach nicht, sich nur die Bilder anzugucken. Es ist schön, mehr zu erfahren. Ich bin für digitale Empathie.

(Ricarda bemerkt, dass sie eine Deutschlandflagge gemalt hat, und lacht).

Fraeulein_Magazin_Ricarda_Messner

Ist dir das unangenehm, Patriotismus?
Total! Flaggensymbolismus bereitet mir Bauchschmerzen. Ich finde auch die Aussage: Ich bin stolz auf mein Land merkwürdig. Ich bin zwar hier geboren, aber ich fühle mich gar nicht deutsch.

Hat diese Haltung etwas mit deiner Familiengeschichte zu tun?
Ja. Irgendwie bin ich meinem Großvater auch dankbar. Obwohl er einen Hauptteil seiner Familie im Krieg verlor, hat er sich entschieden, nach Deutschland zu gehen, und nicht nach Israel. Er hat Deutschland immer geliebt. Er ist Jude, aber ich habe von ihm nie ein Gefühl vermittelt bekommen wie, die Generation danach muss sich schuldig vorkommen. Ich habe viele jüdische Freunde, deren Großeltern nie nach Deutschland kommen würden. Auch dafür habe ich natürlich vollstes Verständnis. Mein Opa war allerdings nie so.

(Ricarda, die bisher nebenbei malte, hält inne und blickt auf ihr Bild.)

Sehr bunt!
Ja, und sehr verschiedene Formen. Und verschiedene Qualitäten: Buntstifte, Wachsmalstifte oder Aquarell. Aber das macht ja auch irgendwie Sinn. Ich hasse es, mich fest zu legen. Beziehungsweise ich kann es einfach nicht. OK, jetzt habe ich zwei Magazine gemacht, aber ich möchte mich trotzdem auf kein Medium festlegen. Ich sehe mich nicht als Retterin des Print an, eine Beschreibung, die mir in den Medien schon öfters gegeben wurde.

Was ist das Verrückteste, was dir da passiert ist?
Ich habe ein bisschen das Gefühl, dass ich Dinge herbeirufen kann. Das klingt jetzt witch craft-mäßig, aber ich glaube, dass ich mein Unterbewusstsein beeinflussen kann. Oder mein Unterbewusstsein macht sich teilweise sehr stark bemerkbar. Ich hatte in Paris eine Großtante, die ich schon immer mal kennenlernen wollte. Ich habe ihr aber nie geschrieben, wenn ich mal nach Paris gefahren bin. Dann, nach einem Paris-Trip vor vier Jahren, erfuhr ich von meiner Mama, dass diese Großtante in demselben Haus wohnt, in dem auch meine Freundin wohnt, bei der ich in Paris übernachtet hatte. Ich muss mehrmals an ihrer Wohnungstür vorbeigelaufen sein! Ein halbes Jahr später bin ich wieder hin und habe sie noch kennen gelernt, bevor sie gestorben ist. Ich erlebe öfter solche Sachen, von denen ich denke, da steckt etwas mehr dahinter. Ich glaube, es passiert nichts ohne Bedeutung. Auch keine Begegnung…

Wenn du jetzt auf dein Bild schaust – du hast dir ja überlegt, wie du aussähest, wenn du eine Straße wärst.
Naja ich habe mit einem Weg angefangen und ich glaube, das ist vielleicht der eingezeichnete Weg, deswegen sind es diese schwarzen Linien. Straßen sind ja von der Stadt oder der Gesellschaft geplant, um Orte zu verbinden, uns irgendwo hinzubringen. Dann daneben: Keine gerade Straße, sondern eine, die Bewegung hat. Dann gibt es mehrere Bewegungsflüsse, die definitiv neben der Straße stattfinden und nach oben gehen. Der Rest sind eher so Formen, welche sich zwar nicht in den Weg stellen, aber die es zu überbrücken gilt. Wie schwierig eine Situation auch war, ich habe nie gesagt: Darüber komme ich nicht hinweg. Ich nutze sie eher.

Interview: Dr. Lea Gutz
Dieser Artikel erschien in der Fräulein Nr. 24.

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