Melissa Broder – Tweets gegen den Schmerz

vor 6 Monaten

Wie offen zur Schau gestellte Gefühle zur Überlebensstrategie werden können.

Sie ist Dichterin, Kolumnistin und Autorin – Melissa Broder schreibt für Vice die So Sad Today Kolumne, die Beauty and Death Kolumne für Elle und Horoskope für Lenny Letter. Mit Tweets wie „existential holes will always be there for you“, „you had me at disliking me“ oder „nostalgic for a past i didn’t have“ wurde sie schlagartig bekannt und ihre Follower stiegen auf 660.000. Dem Internet sei Dank – es fing alles mit dem Twitter-Account @sosadtoday an. In einem Moment von „anxiety“ (Dtsch.: Angst, Sorge, Panik) schrieb sie ihren Schmerz in die Welt hinaus. Was dann folgte waren tägliche Tweets, die so populär wurden, dass sie gebündelt als Essay-Sammlung „So Sad Today“ erschienen.
Was ihre Tweets so besonders macht, ist nicht nur die gnadenlose Ehrlichkeit über ihre Unsicherheiten oder die konstante Auseinandersetzung mit psychischen Problemen, sondern die Kombination aus Schmerz mit einem humoristischen Twist. In jedem Moment von Tragik steckt schließlich auch Komik und umgekehrt.
Beim Lesen ihrer Tweets überkommt einen das Gefühl verstanden zu werden; so als ob jemand Dinge, die man schon oft gedacht hat, für einen niederschreibt. Man findet Trost in der Gewissheit nicht allein zu sein mit seinen komisch anmutenden Gedanken in dieser großen, weiten Welt.

Nach ihren Kolumnen, Gedichten und Essay-Sammlungen folgt nun der aktuelle Roman „Fische“ als literarisches Debut. In nüchterner Sprache wandelt sie zwischen Liebe, Verlustangst, Überlebenswillen und Obsession.
Ihre Protagonistin Lucy ist fast 40 und kommt mehr schlecht als recht mit ihrer Promotion voran. Gelangweilt von ihrer Beziehung macht sie aus einer Laune heraus mit ihrem Freund Schluss ohne damit zu rechnen, dass sie damit auf Zuspruch bei ihm stoßen würde. Was darauf folgt ist eine Anreihung selbstzerstörerischen Verhaltens – von Sinnsuche bis Körperverletzung. Abhilfe soll ein längerer Aufenthalt bei ihrer Schwester in Venice Beach schaffen. Während des Fortseins ihrer Schwester kümmert sie sich nun um ihren Hund Dominic und besucht nebenbei noch eine Selbsthilfegruppe. Es folgt ein halbherziger Selbstmordversuch und Ablenkung durch die Dating-App Tinder.
Der bis zu dem Zeitpunkt realistische Roman kippt ins fiktionale, als Lucy eines Nachts bei einem Spaziergang am Strand dem Meermann Theo begegnet und – Tada! – es beginnt eine Liebesgeschichte.
Anders als bei gängigen Liebesgeschichten in denen die Frau das mysteriöse Wasserwesen ist, wandelt die Autorin dies um und schafft einen feministischen Ansatz – der Mann im Wasser ist nun von der Frau an Land abhängig.
Melissa Broder scheut sich nicht das komplette Seelenleben ihrer Protagonistin schonungslos offenzulegen mit einem Schreibstil der, ähnlich zu ihren Tweets, zerstörerisch und zugleich fesselnd auf eine ironisch-traurige Weise ist.

Melissa Broder: Fische. Roman; a. d. amerik. Engl. v. Eva Bonné;
Ullstein Verlag, Berlin 2018; 352 S., 21,– €, als E-Book 18,99 €

Text: Rina Kasumaj
Bilder: Ullstein Verlag

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