Nackte Tatsachen

vor 2 Monaten

„PorYes!“ statt Oh No: Feminist Porn Awards Europe 2019 Teil 1/2

Nackte Tatsachen im Oktober. Wortwörtlich. Auf den Feminist Porn Awards präsentieren Künstler*innen ihre filmischen Meisterwerke. Das besondere? Überall Sex-Positivity, null Diskriminierung. (Fast) alles ist erlaubt. In den Filmen geht es nicht bloß um die Geschlechtsteile, sondern auch um die Menschen dahinter. Oder daran.

Der Porno als Aufklärungsunterricht?

Die sonst eher konservative Erotikfilmindustrie mit klischeehaften Rollen von Geschlecht, Sexualität und Machtverhältnissen trägt nicht großartig dazu bei, dass Zuschauende das Spektrum von sexuellen Möglichkeiten überhaupt erahnen können. Rein, raus, fertig. Drumherum Brüste und viel Gestöhne. Alles nach demselben Standard. Schien ja zu funktionieren. Dazu noch Großaufnahmen vom Penis. Doch eher eintönig. Jetzt soll es etwas Anderes sein.

Im Gegensatz dazu sehen wir in feministischen Pornos auch mal das Gesicht. Wir sehen Vielfalt und sowohl Männer* als auch Frauen* die wirklich und erkennbar Lust auf Sex haben. Body-Positivity durchflutet das Genre. Jede*r darf. Aber bitte bloß mit dem Konsent aller Beteiligten. Safer Sex, wild und durcheinander, fantasievoll, echt, abseits von Heteronormativität, manchmal auch überhaupt kein Sex. Aber immer Intimität.

Die Konstruktion einer Wirklichkeit

Jede vierte im Internet gestellte Suchanfrage handelt von Pornografie. Und das geht schon in sehr frühen Alter los. Den ersten Pornofilm konsumieren Kinder durchschnittlich mit elf Jahren. Halb zu tode gewürgte Frauen mit Sperma von mehr als sieben Männern im Gesicht verzerren durchaus die Perspektive für die junge Zuschauer*innenschaft. Gegenwärtig existierende Geschlechterstereotypen werden auf diese Weise konsequent reproduziert. Die männlichen und weiblichen Geschlechtsorgane direkt mit entweder Fortpflanzungs- und Lustorgan assoziieren zu können, zeigt bereits, wie Mainstream Pornografie und Alltag miteinander wechselwirken. Die Art, wie wir Worte und Bilder zur Erklärung von Biologie, Anatomie und Sex verwenden, hat einen Einfluss darauf, auf welche Weise wir die Welt betrachten. Dagegen wirken die Filme mit feministischen Eigenschaften.

Neue alte Ideen

Pornografie ist nichts Neues. Die Filme werden seit den 1930ern regelmäßig produziert. Einer der ersten datierbaren ist ein Stummfilm von 1908. Stumm oder nicht – viel geredet an sich wird in diesem Genre sowieso nicht. Obwohl es seitdem Unmengen an technischen Möglichkeiten für Videoproduktion gibt, ist der Inhalt und die Umsetzung in der Zeit stecken geblieben. Beim Film nehmen wir klassischerweise die männliche Position als Betrachter*innen ein – ob wir wollen oder nicht. Aufnahmen von oben herab, stets fokussiert auf die teilweise doch eher unrealistischen Wunschvorstellungen eines heterosexuellen Mannes – nicht nur in Erotikfilmen. Von ebendiesem Male Gaze verabschieden sich die Macher*innen vom Feminist Porn. Zu sehen ist Sex in Variationen. Damit ist keine Kategorisierung nach Fetischen gemeint, wie asian lesbians, BBW oder Rape Fantasy, die Frauen objektifizieren, erniedrigen und physische und verbale Gewalt gegen sie verherrlichen.

 

Verantwortungsvoller Umgang

Die Variation liegt in der Authentizität. Vor und hinter der Kamera. Frauen* sind aktiv am Produzieren beteiligt, die Arbeitsbedingungen fair. Darsteller*innen haben genauso Mitspracherecht wie die Regisseur*in. Und was möchten sie machen? Stereotypen herausfordern. Das Schauen von Pornos beeinflusst die Konsument*innen langfristig im Liebesleben als auch Gesellschaftsbild. Aufklärung geschieht beiläufig und unterbewusst. Unrealistische Körper und toxische Vorstellungen von Sex, Beziehungen und Gesellschaft finden im feministischen Porno keinen Platz. Von der Heteronormativität abweichende Menschen bekommen die Chance auf Sichtbarkeit. Es kann, darf und soll auch kommuniziert werden. Neue Ideen? Einfach ausprobieren. Denn Gefühle zeigen – auch in Filmen mit Gangbangs und co. ist absolut erlaubt. Klassische Porno-Aggressionen gehören in keine gesunde Beziehung und sind sowas von vor 100 Jahren. Nervosität, Lust, Unsicherheit, Erregung sind unumgänglich und notwendig. Ehrlich. Also wird es auch gezeigt.

Genau dafür gibt es die PorYes- Awards. Initiatorin ist Laura Méritt. Sie gab Fräulein ein Interview, in dem sie über feministische Pornografie, Stereotypen und das Event selbst spricht.

Text: Maxine Thimm
Bilder: (c) Loree Erickson; (c) Wayne Young; unsplash
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