Im Interview: Laura Méritt

vor 2 Monaten

„PorYes!“ statt Oh No: Feminist Porn Awards Europe 2019 Teil 2/2

Die Feminist Porn Awards 2019 feiern dieses Jahr zehnjähriges Jubiläum. Künstler*innen präsentieren mit Filmen und Interviews ihre feministischen Spitzenleistungen im Pornobereich. Das alles zum Ansehen und Nachdenken und zum darüber Reden. Laura Méritt ist Initiatorin des Events. Außerdem betreibt sie einen Sexshop in Kreuzberg und lädt freitäglich gerne zu gemeinsamen Filmabenden ein. Natürlich Pornos.

Für Fräulein hat sie uns einige Fragen rund ums Thema feministische Pornografie beantwortet. Zudem erzählt Laura, was wir von dem Festival erwarten können und gibt uns darüber hinaus einen Einblick in ihren Alltag im Salon.

Fräulein: Seit 2009 wird der PorYes Filmpreis verliehen. Was hat sich seitdem in der Branche verändert? Wie machen sich diese Veränderungen bemerkbar?

Laura Méritt: Insgesamt kann von einem Wechsel hin zum „Amateurporno“ gesprochen werden, der auf der Forderung nach mehr Authentizität und „natürlichere“ Körper der Frauenbewegung beruht. Diese Amateurpornos sind allerdings hoch industriell produziert. Außerdem hat die Mainstream-Pornografie recht schnell Begriffe Frauenporno, pärchenfreundlich, Sex-positiv aufgegriffen oder auch weibliche Regisseurinnen eingesetzt. Der Inhalt ist dabei nach wie vor mehrheitlich diskriminierend. Eine andere Sache.

Fräulein: Warum müssen wir feministische Pornos als ebensolche extra deklarieren?

Laura: Das tun wir, um sie von dem Mainstream-Porno abzugrenzen. Dort gibt es eine starke Normierung von Sexualität und Körper, alles was den Geschlechterstereotypen nicht entspricht, also nicht heteronorm ist, wird in Kategorien eingeteilt. So werden Fetische konstruiert wie zum Beispiel behaarte Frauen, alte Weiber, schwarze Männer oder Trans*.

Feministischer Porno lehnt Diskriminierungen ab, ob Sexismus, Rassismus, Able-, Size- und alle weiteren.

Fräulein: Welche wesentlichen Merkmale und Eigenschaften haben die Filme?

Laura: Es gibt drei wesentliche Aspekte, die einen feministischen Porno ausmachen:

Die Lust aller Beteiligten. Nicht, dass nur eine Person die Arbeit macht, der am Schluss dann ins Gesicht gespritzt wird. Das Drama in drei Akten: blasen, ficken, spritzen.

Vielfalt im Film. Das heißt, dass Leute verschiedener Altersgruppen gezeigt werden, verschiedene Körper, Kulturen. Auch, dass der Blickwinkel ein anderer wird. Nicht nur Genitalien sind auf dem Bild zu sehen. Es wird auch mal kommuniziert.

Faire Produktionsbedingungen. Der feministische „fair porn“ setzt sich dafür ein, dass Konsens vereinbart und eingehalten wird. Auch vor der Kamera sollte es eine entweder verbale oder non-verbale Form von Zustimmung geben.

Fräulein: Welchen Einfluss hat (Bild)Sprache auf unsere Wahrnehmung von Wirklichkeit?

Laura: Natürlich hat sie einen Einfluss. Es geht um Normierung. Wenn nur rasierte Körper und große Brüste als normal gezeigt werden oder nur eine bestimmte Form von Sex, richte ich mich danach. Wenn ich viele körperliche und sexuelle Varianten dargeboten bekomme wahrnehme, beeinflusst das, wie ich mich selbst und andere Menschen sehe, und wie ich mit mir und ihnen umgehe. Denn normal ist die Vielfalt.

Fräulein: Sind feministische Pornos Nischenfilme?

Laura: Jede Bewegung fängt in einer Nische an. Sie muss erst einmal die Öffentlichkeit erreichen und wir haben es geschafft, in den letzten 10 Jahren in der medialen Öffentlichkeit zu stehen. Das Bewusstsein für Diskriminierungen ist laut Studien übrigens sehr hoch in der Bevölkerung und der Wunsch nach nicht diskriminierenden Darstellungen ebenso.

Einige Aspekte des Feminist Porn sind schon im Mainstream angekommen, und es gibt kommerziell erfolgreiche feministische alternative Plattformen wie Pinklabel.tv oder BrightDesire.com. Feministische Pornos sind kein Genre, sondern Kriterien, die nicht nur auf Pornofilme, sondern auf Filme allgemein angewendet werden (können). Wie werden die Frauen, beziehungsweise Geschlechter dargestellt, welche Fähigkeiten haben sie, welche Attribuierungen werden vorgenommen? Es geht um das Zeigen von Vielfalt, das Zeigen aller Geschlechter über Frauen und Männer hinaus. Auch Männer werden oft einseitig als permanente Hochleistungssportler abgebildet.

Fräulein: Du veranstaltest regelmäßig feministische Events. Was machst Du genau und wie groß ist die Nachfrage?

Laura: Der Freudensalon findet jeden Freitag statt und heißt auch Freutag. Zusätzlich gibt es Workshops und Seminare und Bildungskampagnen wie „MösenMonat März“ oder „Wir spritzen zurück“ zur weiblichen Ejakulation. Im Salon machen wir praktische Übungen und Massagen, diskutieren über Orgasmen und Säfte, tauschen uns über sexualpolitische Themen aus. Am letzten Freitag im Monat lade ich zum gemeinsamen Pornofilm gucken ein. Gerade jetzt bis zum Oktober und unserem PorYes-Award schauen wir die Filme der Nominierten, wir stimmen hier über den Publikumspreis ab.

Der Salon ist immer sehr gut besucht und es geht lustig zu, das ist wichtig, denn Lachen ist eine feministische Quelle für unsere Arbeit Wir nehmen die Filme und uns lustvoll auseinander. Was sehen wir? Was nicht? Welche Kriterien haben wir beim Porno gucken, muss der Film eine*n immer erregen? Wir machen eine kleine Analyse des Films. Dabei werden sich meine Gäste viel bewusster Geht es um den reinen Konsum? Man lernt, sich selbst zu beobachten

Zu den Filmsalons kommen alle Geschlechter, die sich für Alternativen interessieren. Gerade Männer werden als Konsumenten von feministischer Pornografie häufig unterschätzt. Da ist die Nachfrage auf der einen Seite, die angeblich immer dasselbe sehen will. Aber das stimmt gar nicht, wie wir gerade an den Männern wahrnehmen können, die offen für Anderes sind. Wenn die Großindustrie sich auch noch mehr in die feministische Richtung bewegen würde, dann wäre der Konsum dieser Pornos noch größer, aber es handelt sich noch nicht um eine industrielle, sondern soziale Bewegung. Trotzdem ist der Wunsch nach feministischer Pornografie in den letzten 10 Jahren deutlich stärker geworden. Es gibt mehr Porn-Festivals, mehr Sex-positivity und mehr Veranstaltungen.

 

PorYes! Feminist Porn Awards Europe 2019
HAU Hebbel am Ufer
17. bis 21. Oktober
poryes.de

 

Fräulein: Was kann ich als Zuschauerin auf dem PorYes-Award erwarten? Was werde ich sehen?

Laura: Das Festival findet am Wochenende vom 17. bis 21. Oktober statt. Die große Preisverleihung ist am Samstag. Dort werden lange Filmausschnitte gezeigt, sodass ein guter Eindruck der Prämierten gegeben wird. Nicht wie bei der Oscar-Verleihung, wo zwei Sekunden des Films reichen müssen, sondern 20 Minuten. Wir kombinieren Verleihung, Filme und Künstler*innen und legen Wert auf verschiedene Generationen und Kulturen. Wir schreiben Herstory of Porn, die Sex- und Pornfilmgeschichte aus feministischer Sicht:

Jedes Jahr haben wir ein Thema, diesmal ist es Stereotype und wie feministische Filme diese dekonstruieren. Eingeladen ist der schwule asiatische Filmemacher und Künstler Wayne Yung, der hinterfragt, wie wir asiatische Körper (in Pornos) betrachten. Die Performancekünstlerin und Pornodarstellerin Sadie Lune hat in zahlreichen Filmen, Mainstream wie Alternativ Pornos mitgewirkt. Sie sprengt immer wieder Grenzen, indem sie in verschiedenen Körperzuständen aktiv Sex betreibt, wenn sie zum Beispiel schwanger ist. Sie zeigt das, was nicht erwartet wird und Lust machen kann.

Auch Lesben werden immer wieder sehr stereotyp abgebildet. In den 80er Jahre wehrte sich deshalb die erste lesbische Produktion „Fatale Media“ und zeigte authentischen Sex von Lesben, für alle Geschlechter und Sexualitäten. Ganz wichtig zum Thema Stereotype sind auch sog. „Andersfähige“ und ihre „Krüppelpornos“ (eine politische Eigenbezeichnung), die zunehmend eigenen Filme drehen und ihre Sexualität reklamieren. Dazu haben wir eine Vertreterin und Professorin aus Toronto eingeladen und zeigen auch hier Ausschnitte aus neueren Filmen.

Zum zehnjährigen Jubiläum der PorYes-Awards wird auch ein pornografischer Spielfilm zu sehen sein, der ebenfalls 10 Jahre alt ist. Er wendet sich gegen Geschlechter- und Sex-Stereotype in der Musikbranche und ist dabei ebenso lustig wie sexy.

Das Ganze wird von mir als Sex-positive Sex-Aktivistin, Autorin und Dozentin und meiner Co-Moderatorin und Comedienne Janina Rook fetzig und lustvoll moderiert. Janina hat auch einen feministischen Podcast „Unverschämt“ beim RBB, der wirklich innovativ ist und politische mit privaten Inhalten super lustig und nachvollziehbar verbindet. So ist auch unser Award-Abend: Sexy Polit Input, viel Film, dazu kurze Interviews, danach feiern wir mit Performances, Tanz, Sex und Gesang im Gretchen Club.

Das HAU, Hebbel am Ufer, eignet sich hervorragend als Location für unsere Preisverleihung. Das Theater ist renommiert und politisch etabliert und von der wunderbaren Intendantin geführt, Annemie Vanackeren. Am Sonntag haben wir dann ein Panel zum Thema Stereotype in der alt ehrwürdigen Bildungsinstitution Urania, Dort kann man noch mehr von den Nominierten erfahren und ein anderes Publikum erreichen. Und schließlich sind wir auch an der Universität vertreten. Am Montag, den 21.10. haben wir eine Vorreiterin der wissenschaftlichen Studien, Professorin Linda Williams vor Ort, die uns über die Entwicklung von Sex in Spielfilmen referiert. Porn Studies werden mittlerweile als Studiengänge angeboten, was die Seriosität der Pornografie als Forschungsthema unterstreicht. Auch hier waren es Feministinnen, die das erreichten.

Fräulein; Inwieweit haben (feministische) Pornos einen Bildungsauftrag?

Laura: Selbstverständlich haben sie einen Bildungsauftrag. Durch feministische Pornos können neue Arten der Sexualität entdeckt werden, abseits von der heteronormen Mann-Frau-Beziehung. Gerade nach Debatten wie #metoo wird deutlich, wie essentiell Kommunikation ist – in allen Bereichen. Es ist wichtig, sich selbst kennen zu lernen, Grenzen festzulegen und die Grenzen von anderen zu respektieren.

Doch nicht nur sexuelle Aspekte, auch gesundheitliche gehören zur Aneignung von Wissen zum Thema Sex. Wie gesagt ist der Schlüssel das miteinander Reden.

Wir sollten auch nicht dem Mainstream-Porno die Bildung überlassen. Jugendliche informieren sich schnell im Netz und da ist es recht schwierig liebevolle, emotionale oder auch Safer Sex Darstellungen von vielfältiger Sexualität zu sehen.

Der Staat hat eigentlich den Auftrag, in der Bildung Veränderungen zu bewirken. Das Internet überrollt junge Leute schnell mit der Übermacht an Mainstream Pornografie.

Fräulein: Gibt es etwas, dass Du am Sexualkundeunterricht der Schulen kritisieren?

Laura: Es ist, wie gesagt, eher eine politische Aufgabe. Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) und zum Beispiel profamilia machen gute Arbeit, werden aber oft zensiert oder ausgebremst. Daher bleibt das „klassische“ Bild oft bestehen: Mann-Frau, aktiv-passiv und der Schwerpunkt liegt immer noch auf Fortpflanzung. In Schweden werden zum Beispiel feministische Pornos staatlich unterstützt und als Bildungsfilme genutzt. Hier in Deutschland versuchen das auf unsere Bestrebungen hin auch einige Parteien

Fräulein: Du betreibst einen Sexshop. Hast Du das Gefühl, dass wir heutzutage viel offener mit Sexualität umgehen?

Laura: Auf jeden Fall gibt es eine zunehmende Liberation in und mit Sexualität. Über 50 Jahre Frauenbewegung und Frauengesundheitsbewegung machen sich jetzt bemerkbar. Die Klitoris ist groß im Kommen und wird zunehmend von allen Geschlechtern entdeckt.

Sexspielzeuge haben an Qualität immer mehr gewonnen und sind alltägliche Genussquelle. Große Konzerne haben den Markt gewittert und werben groß und oberflächlich. Dagegen wird in feministischen Sexshops weiterhin Basisarbeit geleistet und aufgeklärt, vor allem unterstützen wir kleine Manufakturen und gute Arbeitsbedingungen wie beim Feminist Porn. Die eher kritischen und viele jüngere Leute kommen direkt in den feministischen Sexshop und wollen sexuelle Bildung erwerben. Immerhin gibt es meinen schon seit über 30 Jahren und die Workshops und Salons sind eine Institution. Es sind natürlich viel mehr (Interessierte) Kund*innen und zum Beispiel auch viele trans* und nicht sich geschlechtlich zuordnende Personen als früher. Trotz Internet ziehen es viele vor, die Toys selbst in die Hand zu nehmen oder real anwesend zusammen zu sprechen, zu fühlen und zu lernen. Und das soll auch so sein. Heute gehen alle Geschlechter und Altersgruppen im Laden ein und aus, früher waren es mehrheitlich Frauen*.

Fräulein: Wo siehst Du den feministischen Porno in der Zukunft, welche Chancen hat er?

Laura: Die feministischen Pornos werden sich weiter verbreitet! Fair porn wird wie Bioprodukte gehandelt werden. Immer mehr Menschen werden sich des politischen Konsums bewusst, die Nachfrage wird noch größer. Klare Kriterien erleichtern die Wahl, denn ebenso wie bei Bio, ist beim Porno auch nicht immer das drin was drauf steht. Manchmal gewinnt man andere Perspektiven, wenn man sich selbst vor Augen führt, was „feministisch“ in speziellen Zusammenhängen bedeutet. Aus welchem Land kommt der Film, gibt es dort andere Ansätze?

Außerdem verwischen die Grenzen in der Pornoindustrie zwischen Mainstream und feministischer Porno. Nach und nach werden Kategorien abgebaut, Normierungen verändert. Viele der Darsteller*innen aus dem feministischen Bereich drehen auch Mainstream-Porn. Sie haben selbst oft deutliche Vorstellungen und Bedingungen von ihrer Arbeit. Eine Frau mit behaarten Beinen, muss diese nicht rasieren und wird das auch deutlich machen. Gerade deshalb werden sie dann für Mainstream-Filme ausgewählt. Die Role Models in und aus dem Porno verändern sich. Das alles sind im Moment kleinere Elemente. Aber es kann und wird sich in Zukunft noch einiges ändern. Wir bleiben dran! The future is feminist, viva la Vulvalacion!

 

Interview: Maxine Thimm
Bilder: (c) Polly Fannlaf
Banner: poryes

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