Netflix-Phänomen: Zum Ausmisten inspirieren

vor 7 Monaten

“Aufräumen mit Marie Kondo“ – Bringt der Gegenstand noch Freude?

Süß und sympathisch wirkt die japanische Bestseller-Autorin Marie Kondo auf den Zuschauer, wenn sie im Rahmen ihrer achtteiligen Netflix-Serie “Aufräumen mit Marie Kondo“ amerikanische Familien, Paare und Singles besucht und ihnen mit ihrer Sortiermethode “KonMari“ ein neues Lebensgefühl schaffen möchte. Die 34-jährige Aufräumexpertin Marie Kondo hat dabei ihre ganz spezielle Art, diesen hilfesuchenden Konsumsüchtigen mit ihrer spirituellen Herangehensweise unter die Arme zu greifen. Hierbei geht es nämlich nicht nur um die bloße Beseitigung von Altlasten, sondern um eine Befreiung der Seele und ein neues Lebensgefühl. Marie Kondo, die mehr als sieben Millionen Ratgeber-Bücher verkauft hat, weiht nachdem alle Teile auf einen Haufen geworfen wurden, erst einmal die Aufräumaktion mit einem exotischen Ritual ein. Während andere die überflüssigen Gegenstände einfach in den Müllsack werfen würden, fragt Marie die Teilnehmer, ob ihnen das Teil noch Freude bereitet. Wenn nicht, wird es selbstverständlich entsorgt. Die Autorin scheint wie besessen vom Ausmisten zu sein und geht beim Entrümpeln richtig auf. Ihren zurückhaltenden Enthusiasmus versucht sie auch an die Teilnehmer weiterzugeben.

Die Häuser der Teilnehmer sind keinesfalls Messie-Räumlichkeiten, sondern nur überladen mit lauter Dingen, die sie überhaupt nicht brauchen. Marie war in ihrer Jugend als Hilfspriesterin in einem Shinto-Schrein tätig und zeigt ihren Respekt vor Gegenständen, der aus ihrer Spiritualität resultiert, besonders beim Falten der übrig gebliebenen Teile. Letztendlich lässt sie die Teilnehmer mit Freudentränen in leeren Räumen zurück. Auch wenn die besuchten Familien es sich nicht mehr vorstellen können, sich in einem derartigen Überfluss noch einmal wieder zu finden, stellt sich für den Zuschauer die Frage, ob die Leute es schaffen der erneuten Ansammlung von unnötigen Dingen zu widerstehen. Auch wenn die Expertin der festen Überzeugung ist, dass die Teilnehmer während des Aufräumens ein Gefühl dafür entwickeln, was sie tatsächlich benötigen und sich anschaffen müssen und was nicht, wagen wir es zu bezweifeln, dass sie das Grundproblem ihres Konsumwahns, der allgegenwärtig in unserer heutigen Gesellschaft ist, begriffen haben. Die Familien, denen Marie mit ihrer Sendung geholfen hat, mussten Schicksalsschläge, wie beispielsweise den Verlust ihres Heims oder ihres Partners, wegstecken und haben möglicherweise ein Problem diese zu verarbeiten. Sie ergreifen aushilfsweise die Flucht im Konsum, um zu verdrängen und Glücksgefühle zu erzeugen. Vermeintlich fällt es ihnen aufgrund ihrer Verlustängste schwer, sich anschließend von diesen zwecklosen Anschaffungen zu trennen. Bei derartigen tiefgründigen Problem reicht es manchmal nicht aus, bloß alte Gewohnheiten mit spirituellen Methoden loszuwerden, das Fenster zu öffnen und mit Hilfe eines Raumsprays alle grundlegenden Probleme in Luft aufzulösen.

 

Text: Yamur Cellik
Bild: Unsplash.com

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