„Niemand ist unschuldig!“

vor 5 Jahren
Dänemarks sensationeller Oscar-Beitrag A War zeigt welche permanenten Wunden der Afghanistan-Krieg hinterlassen hat.

 

Herr Asbæk, Sie spielen in A War Claus Michael Pedersen, den Kompanieführer einer dänischen Einheit in Afghanistan. Das Lager liegt extrem isoliert, der Sinn der Mission ist zunächst nicht klar ersichtlich. Wie bringt man sich als Schauspieler für so ein Szenario in die richtige Stimmung?

Das ist nicht einfach zu erklären, aber ich habe für diesen Film mit sehr vielen Soldaten gesprochen. Niemand von ihnen hat sich auf einem Kampfeinsatz einsam gefühlt, auch nicht in Afghanistan. Um in den Krieg zu ziehen braucht es allerdings ein sehr besonderes mindset.

Was meinen Sie damit?
Man sagte mir, die einzige Frage, die man sich stellen müsse sei: „Bin ich bereit für Frieden und Demokratie zu töten?“ Ein verrückter Satz, zugegeben.

Die Soldaten Ihrer Kompanie in A War sind keine Schauspieler …
… ja. Ich habe mich unter ihnen wie ein Amateur gefühlt. Viele von ihnen haben 15-20 Jahre in Afghanistan, dem Irak und im Kosovo gedient. Wir mussten nichts weiter tun als ihnen ein realistisches Set zu schaffen und sie machen zu lassen.

Hat sich Ihr Körper durch das Training in Vorbereitung auf den Film verändert?
Ja klar, ich musste mich der Sache komplett verschreiben. Wir wollten einen Spielfilm nach den Gesetzmäßigkeiten eines Dokumentarfilms produzieren. Ich musste dafür meine physische Erscheinung komplett verändern um ein natürlicher Anführer zu werden. Ich lernte eine Waffe scharf zu stellen, auf Feinde zu schießen, wie man richtig läuft, wie man unter Soldaten miteinander spricht. Ich musste zu Drehbeginn in der Lage sein, meine Männer vom Sinn unserer Mission zu überzeugen.

Hatten diese Männer zuvor im Einsatz getötet?
Ja, das haben sie. Schauen Sie, für mich ist A War kein Spielfilm im klassischen Sinne. Es ist eine ehrliche Geschichte über Menschen, die in den Krieg ziehen und von ihm gezeichnet werden.

Als Kommandant Claus Petersen haben Sie zwei sehr grundsätzliche und folgenreiche Entscheidungen zu treffen: Eine afghanische Familie kommt zum Camp und erbittet die Nacht dort verbringen zu dürfen, aus Angst vor den Taliban. Sie schicken sie weg. 
Ja.

Die folgen den Richtlinien.
Das stimmt.

Am nächsten Tag führen Sie einen Spähtrupp zum Haus der Familie, keiner von ihnen hat die Nacht überlebt, auch die Kinder nicht. Plötzlich gerät Ihr Trupp in einen Hinterhalt. Als die Lage ausweglos erscheint ordnen Sie ohne Freigabe einen Luftschlag an. Wieder sterben Unschuldige.
A War provoziert, weil wir keine sicheren Antworten geben. Wir zeigen einen Typen der versucht, sein Bestes zu geben, wir zeigen Menschen, die Fehler machen. Obwohl ich noch immer Glaube, dass der Krieg grundsätzlich etwas Diabolisches an sich hat, wird er nicht von Monstern sondern von Menschen geführt.

Sie sind in Kopenhagen geboren, Ihre Eltern sind berühmte Galeristen, Ihre Brüder arbeiten in der Kunstwelt.
Ich habe einen sehr privilegierten Hintergrund, das stimmt. Ich bin auf eine gute Privatschule und ein gutes Internat gegangen, meine Eltern hatten die erste wirklich große Galerie in Dänemark. Mir wurde früh beigebracht, dass man in der Kunst alles geben muss, um erfolgreich zu sein.

Wann begannen Sie, sich für das Schauspiel zu interessieren?
Sehr spät, mit Anfang 20. Ein Lehrer sagte mir, dass ich Talent hätte, also bewarb ich mich an der staatlichen Schauspielschule. Im ersten Jahr wurde ich noch abgelehnt. Das war so, als würde man endlich den Mut haben, das schönste Mädchen in der Klasse auf ein Date einzuladen und alles läuft super aber am Ende kommt es nicht zum Kuss. Ich fühlte mich verlassen! Ein Jahr später hat es dann geklappt.

Was haben Ihre Eltern gesagt, als Sie angenommen wurden?
Mein Vater rief mich ein paar Monate später an und fragte mich, wie es so laufe mit meinem Hobby. Und glauben Sie mir, es ist sehr schwer an der Nationalen Theaterschule, der Statens Teaterskole, angenommen zu werden. Ich glaube meine Eltern haben das damals einfach nicht verstanden. Das kam erst in den letzten Jahren. Trotzdem haben sie mich immer unterstützt.

War es zu Beginn dennoch schwer, dass sie Ihren Traum nicht wertgeschätzt haben?
Nein. Ich habe keine solchen Komplexe. Ich bin in einem sozialistischen Land aufgewachsen und ich denke sozialistisch. Ich glaube, dass sich die Reichen um die Armen kümmern sollten, dass man teilen sollte, dass alle gleich sind.

Ich sprach vor ein paar Wochen mit dem Regisseur Thomas Vinterberg über das Filmland Dänemark. Es ist doch erstaunlich, dass ein so kleines Land so viele talentierte Regisseure und Schauspieler hervorbringt. Woran mag das liegen?
Wenn ich das nur wüsste. Thomas Vinterberg ist interessant. Wie Sie wissen war er einer der Initiatoren von Dogma. Dogma hat eine neue Form des realistischen Schauspiels hervorgebracht. Es musste ehrlich und direkt sein. Der Regisseur von A War Tobias Lindholm schreibt für Vinterberg die Drehbücher. Wir stehen alle auf den Schultern von Dogma. Uns interessieren weniger die klassischen Regeln des Kinos als vielmehr dessen Limitierungen. Die Dänen als Nation haben keine Angst vor starken Charakteren und moralischen Konflikten. Wir haben keine Angst, wie in A War, einen Film über einen Mann zu drehen, der durch einen Luftschlag acht Kinder in Afghanistan tötet und damit durch kommt vor Gericht. Denn so ist das Leben.

Es gibt ein interessantes Zitat bei Shakespeare. Hamlet, der Prinz von Dänemark, sagt in einem berühmten Monolog: „Thus conscience does make cowards of us all“, heißt „unser Mitgefühl lässt uns alle zu Feiglingen werden“.
Ich liebe, dass Sie Shakespeare zitieren, insbesondere Hamlet! Ich kann nur antworten, dass ich versuche, alle meine Rollen so ehrlich wie möglich zu spielen. Aufrichtige Charaktere haben ein Gewissen, haben Zweifel, also zeigen sie Schwäche. Aber da wird es doch erst interessant! Das gilt für Pedersen aber auch meine Rolle als politischer Spindoctor Kasper Juul in der Serie Borgen, der Vorlage von House of Cards. Er log, er betrog, war manipulativ. Aber wissen Sie was? Er war verdammt gut in seinem Job und tat alles, um diejenigen die er liebte zu retten. Dafür muss man Kompromisse eingehen. Niemand von uns geht ohne Wunden durchs Leben, niemand ist unschuldig!

Fraeulein-Magazin-A-War-Film-Interview

Info: A War mit Pilou Asbæk läuft seit 14.4. im Kino
Interview: Ruben Donsbach

Interview

Verwandte Artikel