Razzia im Kindergarten

vor 5 Jahren

Sesamstraße und Tränengas, geht das? Das neue Video der Band Poliça übt die Revolution.

Wenn Pop zum zivilen Ungehorsam aufruft kann das schnell peinlich werden. Zu einfach gestrickt klingen die Parolen, zu harmlos der Protest. Aber das neue Video zur Single „Wedding“ der amerikanischen Indie-Band Poliça (hier zu finden bei den Kollegen von Zeit Online) trifft Herz und Verstand.

„Wedding“ ist die erste Singleauskopplung des Poliça-Albums United Crushers, das am 4. März auf Memphis Industries/Indigo erscheint. Man sieht Fernsehbilder von eskalierender Polizeigewalt, Wasserwerfer und Tränengas, den Alptraum der Überwachungsgesellschaft. Das geniale am Wedding-Video ist der erzählerische Rahmen in einem sehr deutlich an die Sesamstraße angelehnten Set. Krümelmonster und Ernie und Bert ähnliche Monster erklären vor allem schwarzen Kindern, wie sie sich gegenüber der Polizei verhalten sollen. „Rennt nicht weg!“, warnt eine Schrifttafel.“ „Lasst sie nicht in euer Haus ohne Durchsuchungsbefehl!“ Das Alphabet wird so erklärt: „P ist für peace, be prepared, power, peaceful protest!“ Und in einem Bastelworkshop lernen die Kids sich aus Handelsüblichen Utensilien eine Gasmaske für den Sraßenkampf zu bauen. Die mit coolen Synthieklängen und dem von Autotune gepimpten Gesang von Channy Leaneagh unterlegte message klingt krass. Gleichzeitig feiert sie die Bildung. Die Sesamstraße war dafür gedacht, Kinder aus bildungsfernen Schichten dort abzuholen, wo man sie vermutete – vor dem Fernseher. Poliça zitieren diese Tradition virtuos.

Die Pointe: vor kurzem wurde die Sesamstraße vom öffentlichen Sender PBS an den Bezahlsender HBO verkauft. Dessen Version erinnere, so die New York Times, weniger an die Bronx als an die Hochburg der Gentrifizierung, an Williamsburg in Brooklyn.

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