Peaches – Die neuen Lehren des Pfirsichs

vor 6 Jahren

Es ist einer der ganz heißen Tage des Berliner Sommers. Im hintersten Zimmer des Café Kapitalist im Prenzlauer Berg sitzt die kanadische Sängerin Peaches.

 

Sie ist müde, hat den ganzen Tag Interviews gegeben. Ihre Gesichtszüge sind viel weicher und weiblicher als auf aktuellen Fotos, ihre Stimme ist angenehm. Auf der Bühne kann sie ja zum Tier werden, regelrecht explodieren. Prominente wie Britney Spears bitten sie mittlerweile um Songs, blitzen aber meist ab. In Amerika ist Peaches ein Star. Das weiß hierzulande nur niemand. Im letzten September ist ihr neues Album Rub erschienen, auf dem sie mit Feist und Kim Gordon kollaboriert. Darauf zu hören ist harter, großartiger Elektropop an der Grenze zum Punk, mit Lyrics wie: „Liberate en masse/ Eliminate the class/ All humans, free at last/ So much beauty coming out of my ass“. Ein Gespräch über Katzen, Terror und Nina Simone.

Peaches, das wichtigste zuerst: magst Du Katzen?
Ja, aber erst neuerdings …

Man sieht Dich in Deinem neuen Fotobuch What Else Is in the Teaches of Peaches mit einer Katze.
Stimmt, das ist meine Katze Katenza.

Wie ist das Leben mit Katze?
Ich hatte fast ein wenig Angst davor, mir eine zu holen. Ich bin komplett ohne Tiere aufgewachsen. Nein, warte … Wir hatten eine Woche lang mal einen Kater, als ich klein war. Dann ist er aber wieder verschwunden.

Hat ein kanadischer Waschbär ihn geholt?
Nein, ich glaube es war mein Vater. Meine Mutter fand, er mache zuviel Dreck. Dann hieß es, ach, der Kater ist verschwunden. Sehr unglaubwürdig, wenn du mich fragst.

Ein anderes Tier, ein selbsterklärtes political animal, ist Donald Trump, der
… o mein Gott, wie kann dieser fucking idiot in den Umfragen der Republikanischen Partei führen?

Trump scheint Ausdruck eines großen Unbehagens zu sein, dass sich in Amerika breit gemacht hat.
Amerika ist einfach ein unglaublich großes Land, in dem niemals alle Gegensätze zu versöhnen sind. Es nennt sich das Home of the Free. Aber es gibt hier keine Freiheit, es gibt nur Wettbewerb. Ich lebe ja abwechselnd in L.A. und Berlin. Mir fällt auf, wie viel visuellen overkill es in L.A. gibt. Jedes bescheuerte Hühnerhaus hat ein gigantisches Werbe-Plakat.

Ist Berlin für Dich dagegen ein Schutzort?
Es ist mein Zuhause, übersichtlich, sicher … dabei wurde ich gerade erst überfallen.

Auf der Straße?
Nein, bei mir Zuhause wurde am helllichten Tag eingebrochen. Sie haben das Geld genommen, aber den Computer mit der Musik stehen gelassen. Das ist OK. Im Gegensatz zu Amerika ist das gar nichts.

Es gibt ein Amerika abseits des Konsums und Leuten wie Trump. Was zieht Dich immer wieder dahin zurück?
Zuletzt habe ich mich immer mehr in die weiblichen Comedians verliebt.

So wie Amy Schumer?
Absolut. Die Folge Last F**kable Day der Serie Inside Amy Schumer war sehr denkwürdig. Sie erzählt sehr viel über Hollywood, Feminismus und wie Frauen sich selbst ermächtigen können

In dem Sketch trifft Amy Schumer auf Tina Fey und Patricia Arquette, die zusammen den Last Fuckable Day von und mit Julia Louis-Dreyfus feiern. Das ist der Tag, an dem eine Schauspielerin weiß, sie wird nie wieder Sex auf Film haben. Weil sie angeblich nicht mehr heiß genug ist. Es bleiben Rollen als Mütter und Psychos.
Mittlerweile kann ich mit Comedians mehr anfangen als mit Musikern, denn sie versuchen wie ich, mit Sprache und Wortwitz Leute für komplexe Themen und Positionen zu sensibilisieren.

Jon Stewarts Daily Show war so ein Ort, an dem ernste Dinge meist lustig verpackt die Leute zum Nachdenken bewegt haben.
Jon Stewart ist mein größter jew crush, mein jüdischer Schwarm Nummer Eins!

Wer gefällt Dir noch?
Tina Fey, Margaret Cho, Wanda Sykes, die bringen es einfach auf den Punkt.

Es wäre großartig so tolle Comedians in Deutschland zu haben.
Die deutschen Comedy-Leute sind wirklich schlimm … Ich dürfte das nicht sagen, ich kann sie ja noch nicht einmal richtig verstehen. Aber Deutsche versuchen im Alltag immer alles zu intellektualisieren. Also wollen sie, dass ihre Comedy Slapstick ist. Jemand kriegt eine Torte ins Gesicht. Das finden die hier noch immer lustig. Aber in Amerika sind die Comedians die neuen Poeten. Weibliche, feministische Comedians treffen so hart wie die besten Rapper.

Hast Du eine liebste Show?
Die Sitcom Broad City auf Comedy Central ist der Hammer, ebenso Transparent auf Amazon Instant Video.

In Transparent spielt unser ehemaliges Fräulein Gaby Hoffmann eine der Hauptrollen.
Gaby Hoffmann, wow, sie eine unglaubliche Kreatur, oder? Sexy. Man kann sie durch den Fernsehschirm hindurch riechen! Das ist so echt.

Es gab eine irre Diskussion über ihre Achselhaare es in den USA.
Das neue große Ding ist nun, das Achselhaar zu bleichen. In den Fashion-Magazinen steht (imitiert eine hohe Mädchenstimme): „Achselhaare sind total angesagt diesen Sommer“. Was ich an Transparent aber wirklich interessant finde, ist Jill Soloway, die Regisseurin und Autorin der Serie.

Kennst Du sie?
Flüchtig. Ich bin neulich zum Paramount-Gelände gefahren, um sie in ihrem Produktionsbüro zu treffen. Auf dem Gelände stehen gigantische Gebäude und mittendrin dieses merkwürdige kleine Haus, das Transparent-Haus. Das Autoren-Team ist unglaublich. Es besteht aus einem ehemaligen Mitglied der krassesten Hardcore-Feminismus-Punkband Tribe 8, zwei Performance-Künstlern, einer Musical-Autorin und noch anderen sehr unorthodoxen Menschen. Jill selbst ist ebenso radikal. Ihr Geld hat sie mit Drehbuchaufträgen für die Serie Six Feet Under gemacht und damit dann einfach ihr eigenes Ding entwickelt. Das ist sehr inspirierend. Sie hat sich überhaupt nicht vom Hollywood-Glamour anstecken lassen.

In der Serie geht es um den Professor und Politikwissenschaftler Mort Pfefferman, der sich vor seiner Familie als transsexuell outed und als Maura weiterleben will.
Das Thema ist natürlich riesig. Und tatsächlich sind es oftmals Männer über 60, die sich zu ihrer Weiblichkeit bekennen. Über allen thront Caitlyn Jenner. Aber es passiert mir immer öfter, dass Freunde zu mir kommen und sagen, meine Tante oder mein Onkel hat sich gerade transformiert.

Manche Leute vergleichen den Kampf der Transgenderbewegung um den eigenen Körper mit dem Kampf der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in Amerika der 60er und 70er Jahre.
Darauf kann ich nicht antworten … das kommentiere ich nicht, das ist eine riesige Diskussion …

Kannst Du den Konflikt zumindest beschreiben?
Es gibt einfach zur Zeit so viele Spannungen, was Rassismus angeht in Amerika. Ich als weiße Person kann das nicht beantworten.

Es ist interessant, das … ja, entschuldige
…Es ist einfach eine schreckliche Situation. Der offene Rassismus, das Drama um die Konföderiertenflagge in den Südstaaten, das Attentat auf die Kirche in Charleston, die drei Toten bei einer Schießerei während einer Projektion des neuen Amy-Schumer-Films in Louisiana, die Morde von Polizisten an unschuldigen Schwarzen.

Das klingt und ist apokalyptisch. Gibt es etwas, was Dich zuletzt auch aufgerichtet hat?
Das klingt etwas schräg, aber ja, in gewisser Weise die neue Dokumentation What happened, Miss Simone? über Nina Simone. Ich wusste nicht, dass sie zeitweise Radioverbot hatte, wusste wenig vom physischen Missbrauch durch ihren Mann. In Mount Vernon hat sie neben Malcolm X gewohnt. Eine sehr komplexe Frau.

Inwiefern ist sie wichtig für Dich persönlich?
Ich habe meinen Namen von ihr. In Four Women singt sie:

My skin is brown
my manner is tough
I’ll kill the first mother I see!
My life has been rough
I’m awfully bitter these days
because my parents were slaves
What do they call me?
My name is Peaches!

Sie war unerbittlich, stark, talentiert, missverstanden. Ihr Kampf, auch in schwierigen Beziehungen unabhängig zu bleiben, das kann ich gut nachvollziehen. Nur ihren Kampf als afroamerikanische Frau, davon verstehe ich natürlich nichts.

Eine letzte Frage zu deinem neuen Album Rub. Gibt es die eine große Idee dahinter?
Nein, es ist ein klassisches Peaches-Album. Ich wollte einfach in meiner Garage mit einem Freund arbeiten, zwischen dem es mit mir keine sexuellen Spannungen gibt, dem ich vertraue. Da gibt es keinen Ego-Bullshit, wir wollten einfach das bestmögliche Album machen. Das war’s!

Info:
Von Peaches sind aktuell das Album Rub auf I U She Music/Indigo und das Fotobuch What Else Is in the Teaches of Peaches ist bei Akashic Books erschienen. Die Serie Transparent mit Gaby Hoffmann ist über Amazon Instant Video zu bestellen. Die Dokumentation What happened, Miss Simone? (2015) läuft zur Zeit auf Netflix.

Fotos: Logan White
Interview: Ruben Donsbach

Dieser Beitrag erschien in der Fräulein 1/2016

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