Reportage: 40 Kilometer durch die Wüste

vor 5 Jahren

Gebirgstraining©Siesing Noa©Siesing Sonnensegel in der Wüste©Siesing Traingspause2©Siesing Training im Nirgendwo©Siesing (3) Triumph des Sandmanns©Siesing Waffenreinigung©SiesingOLYMPUS DIGITAL CAMERA

Von Tel Aviv bis ins Jordantal ist es nicht weit. Tatsächlich trennen die beiden Gebiete Welten.

Man vergisst leicht wie klein Israel ist, wie viele Widersprüche es auf engstem Raum vereinen muss – geographisch, religiös und kulturell. Hier an der Schnittstelle der Weltreligionen, dem Brennpunkt globaler Interessenpolitik, bei über 40 Grad im Schatten, besuchte der Berliner Fotograf und Journalist Wolfgang Siesing eine von Männern und Frauen gleichermaßen gebildete Einheit der Israelischen Armee im Jordantal. Seine Bilder und Beobachtungen zeigen, dass es auch inmitten des Chaos des Nahostkonflikts so etwas wie Alltag geben kann, wenn auch begleitet von stetigem Maschinengewehrfeuer in der Distanz. Siesing erzählt von einer jungen Generation von Israelis, die ihre prägende Sozialisation in der verschworenen Gemeinschaft ihrer Einheit erfahren. Eine Gemeinschaft, die die politischen und wirtschaftlichen Netzwerke Israels dominiert. Eine Gemeinschaft auf engstem Raum mit wenig Kontakt zu den in den umliegenden Dörfern lebenden Palästinensern. Auch das gehört zur alltäglichen Schizophrenie Israel-Palästinas.

„Sieben Uhr morgens in Jaffa, im Süden von Tel Aviv. Schon in den Morgenstunden zieht ein heißer Dunst auf. Wir verlassen den Großraum Tel Aviv noch vor Einsetzen der Rush Hour. Das GPS führt uns nach Osten. Bald durchqueren wir die besetzten Gebiete, Schilder nach Nablus und Aqraba tauchen am Wegesrand auf. Die Temperatur steigt auf über 40 Grad. Die Farbe des Landes ist zu einem schweren Umbra geworden, versetzt mit grünen und roten Farbspritzern. Schon weit im Westjordanland weicht das GPS immer mehr von der tatsächlichen Straßenführung ab. Wir fahren zunehmend frei durch das unwegsames Gelände. Nach einer Weile entdecke ich zwei grüne Zelte in einer Bergsenke. Zwei Soldaten tauchen auf und begrüßen uns. Kaum öffnet sich die Wagentür, droht uns eine schier unmenschliche Hitze zu erschlagen. Es sind nun über 45 Grad. Das Braun der Ausläufer der Berge mischt sich mit dem grellen Blau des Himmels und schafft ein flimmerndes Trugbild am Horizont.

Jordan Valley ist erreicht, das kleine Camp befindet sich in unmittelbarer Umgebung zur jordanischen Grenze. Gerade wird eine Übung abgehalten. Junge Frauen und Männer ducken sich ab, geben sich Feuerschutz vor imaginären Gegnern und sprinten einen Bergrücken hinauf. Etwas später nehmen drei der Mädchen auf einer schweren Munitionskisten platz. Sie heißen Leah, Noa und Katya und sind ein Querschnitt der israelischen Gesellschaft. Leah hat bis vor kurzem noch in Kalifornien gelebt, Katyas Vorfahren stammen aus der Ukraine, schon Noas Großeltern lebten in Israel. Sie eint das Leben der gemeinsamen rot-weißen Flagge der Lions of the Jordan, einer im Westjordanland stationierten Kampfeinheit. Die Grundausbildung bei der Armee dauert acht Monate. Mindestens zehnmal geht es für knapp eine Woche in die Wüste hinaus. Von 4.30 Uhr morgens bis 10 Uhr wird trainiert. Ab späten Nachmittag bis Sonnenuntergang noch einmal. Die Mädchen sprechen schnell durcheinander. Freundschaft bedeutet hier viel, die Erfahrung schweißt zusammen. Was sie eint, ist die Hoffnung, von einem kriegerischen Konflikt verschont zu bleiben. „Jede von uns kennt Leute, die in einem Einsatz geblieben sind oder verletzt wurden“ sagt Katya. „Vor allem Gaza verändert dich. Du wirst vorsichtiger, schweigsamer.“ Nur Verrückte hätten keine Angst, alleine das harte Training gäbe Sicherheit. „In der Armee kommt man Menschen mental unheimlich nahe wie sonst vielleicht nur der Familie“ sagt Noa. „Hier beginnen Freundschaften fürs Leben.“ Das schwerste in der Ausbildung seien die Geländemärsche. 40 Kilometer durch die Wüste in kompletter Ausrüstung und mit vollem Gepäck. „Irgendwann schleppen die Stärksten zwei Rucksäcke und Gewehre und die anderen sind froh, wenn sie nur den eigenen Körper über den Rest der Strecke schieben müssen“ sagt ein Soldat. Hauptsache die Klasse kommt gemeinsam an, alles andere ist egal. Wir trinken gemeinsam warmes Wasser, dann reicht es den Mädchen. Sie sind müde. Wenige Minuten später ist die ganze Einheit unter dem kleinen Sonnensegel eingeschlafen, später ist eine harte Nachtübung angesetzt. Draußen rauchen der Presseoffizier und ich noch eine Zigarette mit zwei Soldaten, die das Sonnensegel bewachen. Nach schweren Zügen verabschieden wir uns, besteigen den amerikanischen Kleinstwagen und fahren in Richtung Westen. Mein Blick geht kurz zurück zu den kleiner werdenden Zelten im Rückspiegel. Mein Beifahrer sagt trocken: „Das ist hier halt nicht Berlin-Mitte …“ Das GPS sagt: noch zwei Stunden bis nach Tel Aviv und einem kalten Bier am Strand. So nahe liegen in Israel-Palästina die Gegensätze.

Bilder und Text: Wolfgang Siesing
Dieser Beitrag erschien in der Fräulein Nr. 1/2016

 

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