Belle de Jour: Zeitkritik

vor 1 Monat

Eine faszinierende Erotik von damals – die heute an ihre Grenzen stößt.

Keine Frage, bei Luis Buñuels „Belle de Jour“ handelt es sich um ein berauschendes Meisterwerk. Dem spanisch-mexikanischen Surrealismus-Regisseur ist es mit einer umwerfenden Catherine Deneuve in der Hauptrolle der mysteriösen Séverine gelungen, ein französisches Erotik-Drama in Form eines Skandalfilms zu kreieren und 1967 für Furore zu sorgen. Doch auch heutzutage regt dieser erotischer Klassiker den Betrachter zum kritischen Nachdenken an. Immer wieder stellt sich während des Films die Frage, ob gewisse bedenkliche Handlungen durch individuelle sexuelle Triebe des Menschen vertretbar oder ob die Erniedrigung sowie Unterwerfung der Protagonistin wirklich relevant für die Errungenschaft der Freiheit sind. Ginge das vielleicht sogar nicht ganz ohne sich selbst zu entwürdigen und sich dem anderen Geschlecht zu unterwerfen?

Bereits die anfängliche Szene des Films bringt die kontroverse Darstellung der Freiheit des weiblichen Sexualität zur Geltung. Séverine und ihr Mann Pierre sitzen auf der Rückbank einer Kutsche. Die erste Szene, die eine masochistische Sexfantasie von Séverine visualisiert, zeigt einen wichtigen Bestandteil des Films, nämlich den stetigen Wechsel zwischen Fiktion und Realität, der sich in der Gedankenwelt der Hauptdarstellerin abspielt. Pierre lehnt sich zu ihr hinüber und sagt: „Wenn du nur nicht so kalt wärest„. Anschließend zerrt er sie aus der Kutsche, beschimpft sie, fesselt sie an einen Baum, die Kutscher reißen ihr das Kleid auf, peitschen und vergewaltigen sie. Ein verstörender Akt, der aber als sexuelle Vorliebe ihrerseits hingenommen wird. Gleich zu Anfang wird klar, Séverine steht also darauf in ihren Tagträumen gedemütigt zu werden.

Diese Vorliebe lernt sie im weiteren Verlauf des Films auch auszuleben. Sie weicht im realen Leben in ihre Fantasiewelt ab. Die wunderschöne Séverine, die ihren Mann als Ehefrau den Rücken stärkt und ihn repräsentiert, und Pierre, der Arzt ist und für den Wohlstand seiner Frau sorgt, führen zuvor eine harmonische Ehe. Doch was nach außen hin perfekt erscheint, bröckelt in der intimen Sphäre, denn Séverine weiß mit ihrem Mann sexuell nichts anzufangen. Um ihrer Lust nachzugehen, flüchtet sie sich in Vergewaltigungsfantasien. Als ihr Tagträume nicht mehr ausreichen und sie per Zufall von einem Bekannten des Paares Husson etwas über ein diskret geführtes Bordell hört, entscheidet sie sich ihre Fantasiewelt auszuleben und das Etablissement, das von Madame Anáis geführt wird, aufzusuchen und anschließend auch als Prostituierte zu arbeiten. Da alle in dem Bordell einen falschen Namen tragen und die bildhübsche Arztgattin der Kundschaft ausschließlich nachmittags zur Verfügung steht, erhält sie den Namen „Belle de Jour“.

Das verhängnisvolle Doppelleben, in das sie sich begibt, nimmt eine Wende, als der gewalttätige Kriminelle Marcel eines Tages im Bordell auftaucht und Belle de Jour ganz für sich alleine beansprucht. Er ist fanatisch, stellt ihr nach, droht ihr, ihre Tarnung auffliegen zu lassen und Pierre alles zu erzählen. Als dann auch noch Husson bei Madame Anáis erscheint und seine Bekannte Séverine dort entdeckt, wird ihr alles zu heikel und sie gibt ihre Nebenbeschäftigung als Prostituierte endgültig auf. Doch der Gangster Marcel lässt sich nicht abservieren, drängt sich in ihr Leben und erzählt ihrem Ehemann die ganze Wahrheit über seine Frau.

Mit „Belle de Jour“ richtet Luis Buñuel eine Attacke auf gutbürgerliche Verlogenheiten. Tagsüber erfüllt Séverine die Wünsche der Freier, abends gibt sie ihrem Ehemann die perfekte Ehefrau vor. Traum und Realität gehen nahtlos ineinander über. Aus einer Begierde wird Wirklichkeit und die wiederum zum Verhängnis. Was sich anfangs lediglich in ihren verruchten Vorstellungen abspielte, wird mit ihrer Nebenbeschäftigung zur Realität. Als Betrachter stellt sich oftmals die Frage, was ist noch Traum oder schon Wirklichkeit. Die Realität der kühlen, unnahbaren Schönheit besteht jedenfalls daraus, ihren Freiern am Tag zu dienen sowie ihren Perversionen nachzugehen und abends ihrem Ehemann den schönen Schein einer perfekten Ehe vorzugeben. Wo bleibt da Séverines tatsächliche Freiheit?

Sie erfüllt Rollen, um zwischen zwei Welten frei sein zu dürfen. Sie geht den Vorstellungen und Wünschen der Männer nach unter dem Vorwand, es diene ihrem eigenen Wohl. Séverine wird gepeitscht, rumgeschubst, verwundet und beschimpft. Diese Erniedrigung wird aber als sexuelle Befreiung verkauft. Hinzu kommt auch noch das Etablissement, in dem die Französin ihren Trieben nachgeht, das unsere Vorstellungen von einem Bordell umwirft. Das Bordell wirkt klinisch, rein und gibt eine heile Welt in seiner pastellfarbenen Einrichtung vor. Es sieht mehr nach einem Ort des Wohlfühlens statt des Verkaufs der eigenen Sexualität und Seele aus. Nahezu realitätsfremd erscheint einem diese pastellige Blase, in der sich Séverine selbst freiwillig zum Opfer von sexueller Gewalt und menschlicher Erniedrigung macht, immer in Angst, ihr Mann könne davon Wind bekommen. Sex wird als gefährliche Obsession dargestellt, der man nur nachgehen kann, indem man sie als Ware verkauft. Als sei es etwas Verbotenes, das nicht im realen Leben ausgelebt werden kann. Obwohl kaum nackte Haut – meist wird nur Séverines nackter Rücken gezeigt – und fast keine Bettszenen zu sehen sind, gilt „Belle de Jour“ als Inbegriff von Erotik und Lust. So wird es mit etwas Positivem assoziiert, dass eine Frau aus ihrem realen Leben die Flucht ergreift, um sich in ihrer Freiheit wieder der Gefangenschaft von Männern auszusetzen und sich ihnen zu unterwerfen.

Auch wenn es gerade diese surrealen Gegensätze sind, die „Belle de Jour“ zu einem verführerischen Klassiker machen, sollte man heute 51 Jahre nach der Veröffentlichung dieses Meisterwerk mit Bedacht genießen. Schließlich ist das Ausleben der Begierde und der sexuellen Sehnsucht einer Frau nicht zwingend mit Demütigung und Unterdrückung des weiblichen Geschlechts gleichzusetzen. Dies auch noch als sexuellen Freiheit zu zelebrieren, scheint nahezu suspekt. Zumal sich die Frage stellt, wo bleibt da der sexuelle Befreiungsschlag, wenn die Protagonistin sich nicht einmal in ihrer eigentlichen Realität weder ihren Wünschen Gehör verschaffen will noch sie in ihrer Scheinwelt ausleben kann.

 

Text: Yamur Cellik
Bild: Wikimedia Commons

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