Im Interview: Anne Isensee

vor 7 Monaten

Mit ihrem Animationsfilm tourt Anne durch deutsche Städte und bald über Europa hinaus.

Anne Isensee ist Filmregisseurin und Produzentin für Animationsfilme aus Berlin. Vergangenen Sommer produzierte sie einen Animationsfilm mit dem Titel „Ich Will“.

„Ich will laut sein, ich will erschaffen und erreichen, ich will manchmal einfach nur auf alles scheißen (…), ich will die ganze Welt bereisen“ ruft die Animationsfigur. Was Anne mit ihr sagt ist brandaktuell. Sie spricht im Namen aller Frauen und Mädchen.

Ich will
Ich will, dass ihr mich hört
Ich will, dass ihr mich seht
Ich will, dass ihr mich fühlt
Ich will
Musik
Ich will laut sein
Ich will erschaffen und erreichen
Ich will manchmal
einfach nur auf alle scheißen
Ich will wütend sein
Ich will zerreißen
Ich will die ganze Welt bereisen
Ich will lachen
über die ganzen schlechten Sachen
von gestern
Ich will nicht dürfen
Ich will es einfach machen
Ich will alles versuchen
Ich will alles können
Wenn es alles schon gab
will ich mir jetzt meine Version gönnen
Ich will, dass das Essen heut‘ auf mich geht
Ich will, dass ihr mich hört, fühlt und seht
Hört, fühlt und seht
Hört
Fühlt
und seht
Manchmal verliert man dieses Spiel
Egal
Ich will die sein, die ich sein will

Wer ist die Frau hinter „Ich will“?
Ich bin selbständige Filmregisseurin, Produzentin und (noch) Masterstudentin. Aufgewachsen bin ich in Berlin, mein Abitur erlangte ich in Magdeburg. Dann bin ich nach Dresden gegangen. Dort habe ich Kommunikation und Soziologie studiert. Ich wusste nicht wirklich was ich machen möchte. Schnell habe ich dann herausfinden müssen, dass es das nicht ist. Der Klassiker eben (lacht). Trotzdem war das Studium schlussendlich sehr hilfreich für mich. Im Rahmen des Studiums absolvierte ich ein Pflichtpraktikum bei Medienkulturzentrum. Zu meinem Glück hat genau in meiner ersten Woche dort ein Animationsworkshop stattgefunden. Ich habe immer schon viel und gerne gezeichnet. Meine Kindheit bestand nur aus Cartoons. Ich bin nicht auf Bäume geklettert, nicht Fahrrad gefahren, ich habe Fernsehen geguckt (lacht). Daher war ich super happy über die Chance das professionell ausprobieren zu dürfen. Nach meiner ersten Zeichentrickanimation war für mich klar: ich will nur noch Animation machen, nichts anderes, den Rest meines Lebens. Obwohl ich Quereinsteigerin und null Erfahrungen auf dem Gebiet hatte, habe ich dann relativ zeitnah ein Praktikumsplatz bekommen. Glücklicherweise konnte ich das Studio mit einem gewissen Maß an Vehemenz überzeugen. Danach startete ich meinen Bachelor an der Filmuniversität Babelsberg in Animation. Meine Abschlussarbeit habe ich über weibliche Heldenfiguren in Animationsfilmen geschrieben – das war ein sehr spannendes und prägendes Projekt für mich.

Wie kam es dazu? Wieso hast du dich für dieses Thema entschieden?
Gute Frage. Es war wohl ein Thema was mich interessiert, bewegt und vor allem antreibt. Ich habe über meine Lieblingsfilme, die darin vorkommenden Heldinnen und Helden nachgedacht, und inwiefern diese mich geprägt haben. Aus den Filmen habe ich viel ziehen können – irgendwie auf eine bestimmte Art identitätsstiftend. Und schlussendlich war es einfach das Interesse am Thema Helden selbst. Ich wusste, damit kann ich mich ein paar Monate mit befassen, ohne mich zu langweilen. War auch so. Zuerst war die Vorstellung dreißig Seiten zu schreiben für mich unvorstellbar. Dann wurden es fünfzig Seiten.

Ist „Ich will“ deine erste größere Produktion gewesen?
Nein, Ich will war mein vierter Animationsfilm. Meine ersten zwei sind innerhalb meines Bachelors entstanden. Der Animationsfilm Megatrick wurde dann sogar zum Überraschungserfolg. 2017 wurde er ausgezeichnet mit der Goldenen Taube im Deutschen Wettbewerb kurzer Dokumentar- und Animationsfilm.

T: „Ich will“! Was hat dich motiviert einen Animationsfilm zu machen, in dem du Frauen eine Stimme gibst, in dem sie laut sein dürfen und sagen was sie denken?
A: Ich glaube das Projekt ist stark beeinflusst von meinen Erfahrungen und Ergebnissen aus der Bachelorarbeit. Während meiner Recherche und vor allem beim Sichten des Filmmaterials ist mir aufgefallen, dass gerade die älteren – obwohl das leider auch immer noch für neuere gilt – Heldinnenfiguren diese typischen Hausfrauentugenden bedienen: sie sind zurückhaltend und geduldig. Der Begriff ‚Opferbereitschaft’ ist Teil vieler verbreiteter Definitionen, wenn es um die Beschreibung weiblicher Heldinnen geht. Männer bzw. männliche Heldenfiguren positionieren sich demgegenüber meistens als stark, durchsetzungsfähig und zielgerichtet. Dafür werden sie geachtet und respektiert. Frauen hingegen erhalten Respekt, sobald sie sich aufopferungsvoll für andere einsetzen, alles für andere tun, nur nicht für sich selbst. Und das ist in gewissen Ansätzen auch heute noch so – auch in moderneren Filmen. Ich glaube grundsätzlich nicht daran, dass es klassische männliche und weibliche Eigenschaften gibt. Aber die gesellschaftlichen Zuschreibungen spürst du überall – vor allem im Film. Das war der eine Aspekt, wieso ich die Arbeit mit Ich Will begonnen habe. Ein anderer Grund ist eher persönlicher Natur. Bevor meine Arbeit mit Ich Will startete, habe ich sowohl bei mir als auch bei Freundinnen ungewöhnliche Vermeidungsstrategien feststellen müssen. Anstelle danach zu leben was man wirklich will, genügt uns häufig der Kompromiss. Wenn ich für mich selbst versucht habe auszuformulieren was ich möchte, habe ich im direkten Anschluss Entschuldigungen gesucht, oder auf von mir selbst entwickelte komische Methoden zurückgegriffen, die dazu geführt haben, dass ich genau das letztlich nicht gemacht habe.

Woran glaubst du liegt das? Glaubst du Frauen haben nicht gelernt bzw. gelehrt bekommen für sich selbst einzustehen?
Die Frage die ich mir stellte, geht in genau die Richtung: Liegt das vielleicht daran, dass uns Bescheidenheit anerzogen wurde? Ich rede von Zurückhaltung und dem Gefühl, auf einen Wunsch folgt irgendwie ein aber. Es scheint als wäre man konditioniert sich von vornherein nicht mit dem Besten – gar nicht erst das Beste anzustreben –, sondern mit dem Kompromiss zufrieden zu geben. Seitdem ich erkannt habe, dass ich tendenziell dieser Logik folge, habe ich es zu meiner persönliche Challenge gemacht einfach mal extremer, einfach mal mutiger zu werden. Genau das ist Inhalt des Animationsfilms. Bei dem Film wollte ich quasi diese ganzen Klischees ins andere Extrem wenden. Einfach mal voll auf die Kacke hauen und genau das, was ich oder Frauen sonst nicht tun, ausprobieren. So extrem, dass es mir während der Arbeit unangenehm war. Selbst wenn ich den Film jetzt sehe ist mir das – das gebe ich ganz offen zu – fast peinlich. Er ist in allem was er sagt und zeigt krass. Ein Extrem. Genau das ist allerdings auch so wichtig. Wenn man das Ziel hat etwas verändern zu wollen, muss man manchmal übertreiben, über das Ziel hinausschießen um überhaupt etwas bewirken zu können. Sonst wäre es wieder der zaghafte Versuch, wieder die Bescheidenheit, eben wieder nur der Kompromiss. Kompromisse sind natürlich nicht grundsätzlich schlecht. Schon gar nicht, wenn es um zwischenmenschliche Bereiche geht. Sie machen nur leider einen großen Lebensbereich von Frauen aus.

Du sagtest eben du hast die Beobachtung vor allem bei dir selbst wahrgenommen und dass du bewusst versucht hast Veränderung auch in deinem Leben zu erreichen. Zeigt die Animationsfigur dich?
Nein. Die Frau im Film ist gerade so abstrakt designt, dass sich jede Frau mit ihr identifizieren können soll. Es geht nicht um mich. Es geht nicht darum, dass ich jetzt einen Ego Film fahre und auf alles scheißen will. Es geht wirklich darum, dass jedes Mädchen und jede Frau oder jede, die sich als Frau identifiziert, sich angesprochen fühlt. Das ist das Grundanliegen, das ich erreichen möchte.

Ich will hat es schon auf einige Leinwände deutscher Städte geschafft. Wo hast du ihn bereits zeigen dürfen?
Den Film habe ich auf recht viele Festivals geschickt. Bisher gelaufen ist er in Dresden im Jugendprogramm, bei Shortcutz in Berlin – einem monatlich stattfindenden Filmfestival ­– und in Rostock beim FISH Festival, auch ein Jugendfestival. Ich bekomme natürlich auch viele Absagen, das ist natürlich etwas, was man der Öffentlichkeit nur selten erzählt (lacht).

Wenn du jetzt die Möglichkeit hättest, etwas zu ändern, was würdest du nachträglich anders machen?
Ich würde eine etwas noch tiefere, vielleicht ehrlichere Aussage einbauen. Der Film ist schon sehr ehrlich, klar, und alles was ich sage meine ich auch so. Allerdings habe ich mich stark auf das Powerlevel begrenzt. Das war stückweit auch eine bewusste Entscheidung. Leider verschweigt es Situationen in denen die Option nicht gegeben ist. Die gibt es leider.

An einer Stelle heißt es aber doch..
.. dass man das Spiel auch manchmal verliert.“ Ja genau. Das ist das Ende. Von vielen habe ich das Feedback bekommen, dass diese Szene wichtig war, aber doch zu kurz greift. Das hätte ich noch vertiefen können. Aus persönlicher Sicht passt der Film wie er ist. Zum Zeitpunkt der Arbeiten habe ich mich gefühlt und gearbeitet wie eine Dampflok. Jedes Projekt war eine Steigerung des vorherigen. Ich wollte alles, gleichzeitig bin ich mir die ganze Zeit selbst hinterher gehechtet. Ich habe einfach gedacht: power, power, power.

Der Film ist in der Zusammenarbeit mit einer Musikerin und einem Sound Designer entstanden. Wer sind die beiden?
Sarah Farina ist eine DJ aus Berlin. Sie hat glücklicherweise für den Film entschieden das erste Mal Producing auszuprobieren. Das hat sie sonst nur für sich – niemals für die Öffentlichkeit gemacht. Was ich richtig cool finde, weil sie ja schon sehr bekannt im Musikkontext ist. Natürlich ist der Versuch ein anderes Feld zu betreten auch immer mit der Gefahr verbunden öffentlich geachtet zu werden. Man kennt es: „Wieso zum Teufel muss sich jetzt auch noch damit versuchen Erfolg zu erreichen?“ Aber sie wollte. Ich habe ihr das Konzept erklärt und sie konnte sich damit total identifizieren. Mit Artur Sommerfeld, selbstständiger Sound Designer und Music Composer, entstand dann eine sehr intensive und fruchtbare Zusammenarbeit. Wir alle konnten unsere Persönlichkeit in das Projekt mit einbringen.

Du ziehst auf jeden Fall eine klare Position mit deinem Film im Geschlechterdiskurs. Siehst du dich als Feministin?
Ich identifiziere mich als Feministin. Ich habe für mich allerdings einen pragmatischen Umgang mit Feminismus gewählt: ich möchte Feministin durch mein Verhalten sein. Ich bin nicht der Typ, der Menschen bekehren will durch große Reden. Derzeit ist es sehr schwer eine klare Stellung zu beziehen, zumindest geht es mir so. Die Diskussion ist so kontrovers. Intersektionalität ist heute wohl eines der wichtigsten Kernanliegen. Ich sehe das für mich so: Ich möchte als Person dafür stehen, dass alle Menschen gleichberechtigt sind und genau dafür sollte auch der Begriff Feminismus stehen. Das ist mein Anliegen, für das ich auch bereit bin Pflichten wahrzunehmen. Ich will Rechte einfordern, wenn ich sie nicht bekomme, aber auch Pflichten übernehmen, wenn es erforderlich ist. Deshalb habe ich bewusste die Szene „Ich möchte, dass das Essen auf mich geht“ im Kurzfilm eingebaut. Man muss auch bereit sein Bequemlichkeiten dieser Art abzulegen, die Unterdrückungen mit sich bringen. Vorteile genießen, weil man hübsch gelächelt hat müssen dann auch abgelehnt werden. Das muss genauso offen angesprochen werden, wie wenn man zu wenig bekommt ­– es muss in beide Richtungen gehen. Auch hier muss Verantwortung übernommen werden. Geld ist ein gutes Beispiel: manchmal ist es notwendig, „Nein“ zu sagen und manchmal „Ich will“.“

Wir hoffen natürlich auf weitere spannende Arbeiten von Anne. Ihr Ziel ist es allerdings, spätestens in drei Jahren Deutschland zu verlassen. Mit Animation und Musik an der Hand; mit ersterem ist sie nämlich verheiratet und zur Musik pflegt sie eine kontinuierliche Affäre.

Über das Kontaktformular auf der Homepage von Anne erhaltet ihr mit einem kurzen Schreiben den Kurzfilm auch in voller Länge. Ebenso kann der Film auf interfilm Berlin für Veranstaltungen oder Vorfilme im Kino gebucht werden.

 

Text: Teresa Löckmann
Bilder: Anne Isensee 

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