Christiane F. kommt zurück

vor 6 Monaten

Amazon Prime bringt den Klassiker in Serienformat.

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ gehört zu einem der meistgelesenen Bücher im deutschen Raum. Schockstarre und Fassungslosigkeit oder Gefühle von Rausch und Faszination fesselten Millionen von Leserinnen und Leser an die Lebensgeschichte von Christiane F.

Am 7. November 1962 legten der damalige Berliner Bürgermeister Willy Brandt und der Architekt Walter Gropius den Grundstein für ein neues, hochmodernes Wohnviertel – die Gropiusstadt. Innerhalb von 13 Jahren entstanden dort insgesamt rund 18 500 Wohnungen. Eine von ihnen beheimatete Christiane F. und ihre Familie. Ein Zuhause aus dem heraus sich ein Leben aus Jugendprostitution, Drogenabhängigkeit, Elend und Hoffnungslosigkeit entwickelte.

Mit den Worten „Überall nur Pisse und Kacke“ beginnt die mitreißende Erzählung von Christiane F., verfasst von Kai Hermann und Horst Rieck. Im Alter von sechs Jahren zieht Christiane mit ihren Eltern und ihrer jüngeren Schwester nach Berlin-Kreuzberg. Nur wenig später, nach einer gescheiterten Geschäftsidee der Eltern, wird die Hochhaus-Siedlung Gropiusstadt zu ihrem neuen Wohnort. Die Zeichen stehen schlecht für das junge Mädchen: Der Vater kann sich mit seiner neuen Situation nicht abfinden, beginnt zu trinken und lässt seinen Zorn an Frau und Kindern aus. Ein neuer Mann an der Seite Christianes Mutter, eine Schwester die zu ihrem aggressiven Vater flüchtet und ein Berliner Elendsviertel bildet die Realität des jungen Mädchens, dass sich in all dem alleine und verloren fühlt.

Die Drogenkarriere von Christiane F. beginnt mit dem Konsum von Haschisch. Es folgen Alkohol, später Trips und Tabletten wie Valium, Mandrax und Ephedrin.  Mit ihrem ersten Freund probiert sie dann nur wenig später – im Alter von 13 Jahren – Heroin. Schnell wird der Konsum zu einer Regelmäßigkeit. Kleine Delikte verhelfen ihr das nötige Geld zu beschaffen. Als sie 14 Jahre alt ist, erlebt sie ihren ersten Druck. Sie wird Heroinsüchtig und ist bald darauf Mitglied einer Clique von Drogenprostituierten. Nur ein Jahr später, nach mehrmaligen gescheiterten Entzugsversuchen, entdeckt Journalist Horst Rieck sie am Bahnhof Zoo während einer Recherchearbeit. Aus einem geplanten zwei-stündigen Interview entwickelte sich eine Zusammenarbeit von zwei Monaten. Gemeinsam mit Kai Hermann entstand anhand der Tonbandprotokolle mit Christiane F., ein aus der Ich-Perspektive geschriebenes Meisterwerk.

„Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ schrieb Geschichte. Das Buch, öffnete erstmals der breiten Öffentlichkeit Einblicke in die Drogenproblematik. Zwei Jahre lange war es das meistverkaufteste Buch in der Bundesrepublik Deutschland und 95 Wochen lang sicherte es sich Platz eins auf der Spiegel-Bestsellerliste. In vielen deutschen Schulen wurde „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ Pflichtlektüre.

Das eine Buchverfilmung nicht fehlen konnte ist selbstverständlich. Im Jahr 1981 schafft es die Geschichte von Christiane F. auf die Leinwand deutscher Kinos. Gefeiert als Welterfolg, blieb er für viele ein ernüchterndes Ergebnis. Dem Film fehlte es an Details, Ernsthaftigkeit und Tiefe.

Der Beginn des Jahres 2019 bringt gute Neuigkeiten für alle enttäuschten Christiane F. Fans: Der Streaming-Dienst Amazon Prime Video bringt den Klassiker in Serienformat zurück. Bereits im Sommer 2017 wurde vermeldet, dass die Lebens- und Drogengeschichte des jungen Mädchens als Serie neu verfilmt werden soll. Geplant sind acht Episoden. Der Beginn der Dreharbeiten soll noch dieses Jahr starten. Die Regie führt Philipp Kadelbach, der Produzent ist Oliver Berben und die Autorin Annette Hess.

„Berlin ist die Stadt der Drogen“ – zumindest so der Ruf der deutschen Hauptstadt. Dass der Drogenkonsum in der Partyszene Berlin deutlich erhöht ist bestätigten die Umfrageergebnisse einer Studie von 2018. Ob die neue Serie die Lebenshaltung vieler in Berlin lebenden Menschen in Frage stellen wird, positiv auf den steigenden Drogenkonsum wirken kann und ob dies überhaupt Ziel der neuen Verfilmung sein wird bleibt unklar. An Aktualität, das steht fest, hat die Geschichte von Christiane F. nicht verloren.

Text: Teresa Löckmann
Bild: Unsplash
Video: Youtube

Verwandte Artikel