Zehra Doğan ist frei

vor 9 Monaten

Ein Wasserfarbenbild brachte die Künstlerin und Journalistin ins Gefängnis.

Türkei 2015 – Es sind Bilder aus einem Kriegsgebiet. Molotowcocktails kurdischer Jugendliche und Kugeln der Polizei fliegen nachts durch den Südosten der Türkei. An der Grenze zu Syrien und dem Irak herrscht Krieg. Es ist Juli. Die türkische Regierung beendet den Friedensprozess mit den Kurden. Der seit 2013 bestehende Waffenstillstand liegt begraben. Die Situation zwischen der türkischen Armee und der kurdischen PKK spitzt sich zu. Eine Ausgangssperre für die Zivilbevölkerung ist die Folge.

Inmitten der Trümmer: Zehra Doğan, kurdische Journalistin und Künstlerin. In einem ihrer Werke porträtiert sie die Realität im Südosten der Türkei. Kurz darauf wird sie verhaftet.

„Dabei sind sie es, die dieses Bild gemacht haben. Ich habe es nur illustriert.“ Zehra Dogan

Zehra Doğan ist im Südosten der Türkei geboren und aufgewachsen. In ihrer Heimatstadt Diyarbakır studierte sie Kunst. Ihr damaliger Berufswunsch war Lehrerin. Ihre Zukunft allerdings, entwickelte sich ganz anders. Doğan begann zu schreiben; zu schreiben über die politischen Verhältnisse und die Lebensbedingungen von Frauen in ihrem Land und findet darin seitdem ihre Lebensbestimmung. Mit 21 Jahren war sie bereits Mitbegründerin einer ersten, von türkischen Frauen betriebenen Nachrichtenagentur (JINHA). Sechs Jahre lang, bis zum Putschversuch im Jahr 2016, bewies sie dort ihre Fähigkeiten als Reporterin. Für einen ihrer Beiträge erhielt sie 2015 den Metin-Göktepe-Journalistenpreis.

Ihre Publikationen, ihre geteilten Beiträge in sozialen Netzwerken und schlussendlich ihre Kunst brachten Zehra Doğan hinter Gittern. Angeklagt wegen angeblicher Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung. Nach etwa fünf Monaten Untersuchungshaft sprach sie das türkische Gericht im Dezember 2016 unter Kontrollpflicht frei.
Mit Hilfe ihrer künstlerischen Produktivität überstand sie die Zeit in Haft. Die dort gefertigten Werke stellte sie im Anschluss ihrer Entlassung unter dem Namen „141“ aus.  Der Titel erinnert an die Anzahl, der von ihr verbachten Tage im Gefängnis.

Frühjahr 2017. Zehra Doğan wird der angeblichen Verbreitung von Terrorpropaganda beschuldigt. Zwei Jahre, neun Monate und zweiundzwanzig Tage beschließt der türkische Gerichtshof. Im Juni desselben Jahres trat sie ihre Haftstrafe an.
Zu diesem Zeitpunkt sind ihre Bilder bereits populär und in ganz Europa unterwegs. Ihre Werke verbreiteten sich wie ein Lauffeuer in den Ausstellungsräumen französischer Städte. Zur selben Zeit wurde ein Buch mit ihren Texten, erschienen bei Éditions Fage unter dem Titel „Les yeux grands ouverts“, in Buchläden vorgestellt. Auch in Deutschland, in einer Stadtbücherei in Detmold, wurde ihr zu Ehren eine Ausstellung organisiert. Im Oktober 2018 erhielt sie für ihren journalistischen Mut den „Courage in Journalism Awards“, verliehen von der Internationalen Medienfrauenstiftung (IWMF).

Ihr Fall wurde weltweit bekannt. Amnesty International, die Schriftstellervereinigung PEN, der Künstler Ai Weiwei und der britische Street-Art-Künstler Banksy gehören zu ihren bekanntesten Sympathisanten.
Banksys Protestaktion schreibt Geschichte. Mit einem etwa zwanzig Meter hohen Wandgemälde in der Stadt New York sorgte er für Aufregung. Es zeigt stellvertretend für die Tage ihrer Haftstrafe eine Strichliste, die zur gleichen Zeit ein Gefängnisgitter darstellt. Dahinter sieht man das Gesicht der Künstlerin. In Großbuchstaben prangt seine Forderung „Free Zehra Doğan“ in der unteren rechten Ecke. Als Zehra Doğan während ihrer Haft von seiner Solidarität erfährt antwortete sie ihm mit einem Brief.

Heute ist die Frauennachrichtenagentur geschlossen. Doğan wieder frei, entlassen am 24. Februar, und ihr Vorhaben beschlossene Sache: sie wird weiterkämpfen für den Frieden der Zivilbevölkerung und das Recht auf Meinungsfreiheit.

Der Kern des Konflikts zwischen Türkei und Kurden liegt im türkischen Nationalismus, der vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan mit neuer Intensität fortgeführt wird. Mit allen Mitteln versucht er aus dem Vielvölkerstaat Türkei einen homogenen türkischen Nationalstaat zu erzwingen. Bevor die Vorfahren der heutigen Nationalstaaten den Kurden über Jahrhunderte ihre eigene Identität absprachen, öffentlich diffamierten und unterdrückten, lebten sie auf dem Gebiet der heutigen Türkei. Zahlreiche Umsiedlungsmaßnahmen, die mit Deportationen von Kurden und Neuansiedlungen von Türken verbunden waren, führten für viele Kurden zum Verlust ihrer Heimatorte. Man nahm ihnen für eine lange Zeit ihre Muttersprache und damit einen wichtigen Teil ihrer eigenen Identität. Allein das Verbot der kurdischen Sprache im Alltag, dass weiterhin die Realität abbildet, beweist die fortführende Diskriminierung von Kurden in der Türkei.
Gewalt ist die Antwort der PKK auf die Unterdrückung, die unschuldigen Zivilisten das Leben kosten.

Text: Teresa Löckmann
Video: Youtube
Bild: Unsplash

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