„Gründe nicht nur, um zu gründen!“

vor 3 Monaten

Mit 22 Jahren Unternehmerin: Milena Glimbovski erklärt, worauf es beim Gründen ankommt.

Wenn der Begriff Zero Waste fällt, dauert es meist nicht lange und wir sind bei Milena Glimbovski. „Original Unverpackt“, einer der ersten Läden, die uns das Zero Waste-Konzept nähergebracht haben – ins Leben gerufen von Milena. Die Gründerin und Unternehmerin reflektiert mit uns ihren Gründungsprozess. Worauf muss ich achten, wovon die Finger lassen und gibt es überhaupt so etwas wie eine Unternehmerpersönlichkeit?

Fräulein: Du hast sehr jung mit dem Unternehmertum gestartet, wünschst du dir im Nachhinein, dass du später gegründet hättest?

Milena: Ich bereue es nicht, ich habe auch schon vorher eine Ausbildung gemacht, schon selbständig gearbeitet. Aber ich bereue es, dass ich nicht ein bisschen mehr studiert habe, um diese entspannte Zeit zu genießen. Auf die Gründung hatte das jedoch keinen Einfluss. Es gibt natürlich auch Leute, die mit 22 noch nie gearbeitet haben, aber das hatte ich wie gesagt schon vorher Vollzeit gemacht.

Braucht es für das Gründen ein Studium?

Ich habe eine Ausbildung, da habe ich tatsächlich Sachen gelernt, die ich auch später angewandt habe, nicht nur inhaltlicher Natur – wie mache ich eine Werbung kompakter? – sondern: Was ist eine Sozialversicherung, warum sind die Zahlungen so hoch und so weiter. Ein ausschlaggebendes Merkmal ist, dass man Menschen auch führen kann. Führen heißt: ich kann die Leute auswählen, mit denen ich arbeite, heißt, ich kann ihnen sagen was für Aufgaben sie machen sollen und ihnen dabei helfen.

Würdest du sagen, dass es so was wie eine Unternehmerpersönlichkeit gibt? Oder ist das ein weit überholtes Clichée?

Witzigerweise hatten wir das im Studium. Ich habe ein Jahr studiert und dann habe ich ein Jahr Pause gemacht für die Gründung. In diesem vierten Semester hatte ich Psychologie. Und da ging es um das Thema Gründerpersönlichkeit. Gibt es das? Wird man als Gründer/In geboren? In der Uni haben wir gelernt: nein, gibt es nicht. Und dem würde ich auch so zustimmen aber ich würde ergänzen, dass es Leute gibt die absolut ungeeignet dafür sind.

Was macht einen absolut ungeeignet dafür?

Ich glaube viele Menschen können Vieles lernen. Bestimmte Eigenschaften sind meiner Meinung nach aber ein absolutes No-Go. Zum Beispiel ein Mangel an Empathie. Gründung bedeutet viel Führung und viel Verständnis dafür aufzubringen, was die Kunden/Innen oder Mitarbeiter/Innen wollen. Es gibt sehr viele cholerische Führungspersönlichkeiten. Ich kenne viele Leute, die ständig über ihre Vorgesetzten meckern, wie sie angeschrien werden. Da denke ich mir: „Um Gottes Willen, wäre das ein Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin, hätte man diese Person bereits entlassen.“ Wenn man gründet muss man alle Bereiche selber managen. Das heißt, man muss sich überall einarbeiten.

Wenn man sagt: „Ich mag keine Zahlen, ich mag kein Design, ich will nur an dem Produkt arbeiten“, dann ist Gründen auch nichts für einen.

Nochmal zum Gründungsprozess. Was hat dir da die größte Sorge bereitet?

Wir haben zwar Crowdfunding gemacht, wir haben aber auch einen Kredit aufgenommen. Dieser Kredit hat mir am meisten Sorgen gemacht, viele schlaflose Nächte bereitet. Ich habe von klein auf mitbekommen: „Man nimmt keinen Kredit auf, man verschuldet sich nicht.“

Das kann aber auch eine russische Sache sein.

Ich glaub auch. Das ist eine Sache der Mentalität. In der deutschen Kultur wird mit diesem Thema anders umgegangen. Du willst eine Wohnung kaufen, dann nimmst du einen Kredit auf. Und dann zahlst du 30 Jahre ab. Es ist ein größeres Risiko sich Geld zu leihen. Es war tatsächlich etwas, das mich sehr beschäftigt hat.

Wenn wir jetzt schon beim Thema Kultur sind. Gibt es einen bestimmten Aspekt, mit dem du aufgewachsen bist, der nützlich war?

Wenn im Sinne östlicher, russischer Herkunft meinst, dann ja. Meine Mutter hat mich damals in Sibirien bekommen und stand nach der Geburt auch ganz schnell wieder bei sich im Friseursalon und hat Haare geschnitten. Dieses: „Du bist ein Mädchen und kannst deswegen nicht“, habe ich noch nie von meinen Eltern gehört.

Würdest du retrospektiv irgendwas anders machen?

Tolles Wort, retrospektiv. Ja, ich würde etwas anders machen. Ich hätte mir eine bessere Mitgründerin aussuchen können. Verträge besser schließen können. Man sollte sich die Person, mit der man ein Unternehmen aufbaut so aussuchen, als würde man sie heiraten. Ich wünschte wir hätten damals schneller gearbeitet. Wir waren nicht der erste Laden, der das Zero Waste-Konzept  angewendet hat. Wir haben außerdem zu früh Mitarbeiter eingestellt, viele Sachen hätte ich auch selber machen können. Ich hatte mich so vor einer bestimmten Aufgabe so gedrückt, dass wir jemanden eingestellt haben. Diese Sachen würde ich jetzt anders machen.

Was empfiehlst du jungen Gründer/Innen?

Einen Tipp, habe ich: Fang einfach an. Hands on. Du kannst immer erst einen Prototypen machen und gucken wie das bei den Kund/Innen ankommt und ob es überhaupt einen Markt dafür gibt. Sagen wir mal, du möchtest einen bestimmten Müsliriegel machen. Stell dich in die Küche und mach diesen blöden Müsliriegel selber. Guck wie die Leute ihn haben wollen. Versuch erst mal dieses Produkt zu verkaufen, schaue, ob es einen Markt dafür gibt, bevor du in teure Entwicklungen gehst.

Viele Leute denken sie brauchen erst eine Website, einen Namen. Aber so ist es nicht.

Berlin ist mittlerweile zu einer Start-Up Szene mutiert. Man hat ein wenig das Gefühl, dass jeder zweite in Berlin gründet. Ein Trend oder mehr?

Ich denke, das hängt damit zusammen, dass die Hürden niedriger geworden sind. Ich kann mir vorstellen, dass es mittlerweile ein Teil des persönlichen Lebenswegs geworden ist, so wie es bei vielen einfach dazugehört mal eine Fernreise gemacht zu haben. Dass man sich ausprobiert im Berufsleben. Vielleicht hat man ja auch die eine Idee, die man immer schon mal verwirklichen wollte. Und ich finde das gut. Das heißt aber auch nicht, dass das jeder mal gemacht haben sollte.

Von älteren Generationen hört man häufiger, dass dieses Phänomen aus einer Selbstüberschätzung kommt.

Es ist wichtig realistisch zu sein und zu schauen wofür es einen Markt gibt. Die Welt braucht nicht den dreißigsten Detox-Tee. Mach ich das jetzt, um mich selber zu erfüllen oder weil ich hier ein gesellschaftliches Problem lösen könnte? Wie verwende ich meine Lebenszeit? Das ist eine Frage, die sollte man sich tatsächlich mal vorher stellen.

Würdest du dich als selbstüberschätzend bezeichnen?

Ich unterschätze mich. Ich hatte mal eine Vortragsanfrage von einem großen Konzern in London erhalten, bei dem ich auf Englisch einen Vortrag halten sollte. Ich dachte, die hätten sich geirrt. Die haben mich aber tatsächlich eingeladen. Als ich dort war, hat alles auch sehr gut funktioniert. Männer überschätzen sich eher als Frauen. Weil auch das wieder Teil unser Erziehung ist. Mädchen sollten lieber bescheiden sein. Ich weiß, dass das Teil meiner Erziehung ist und auch anderer Frauen.

Sich selber in überfordernde Situationen zu bringen, hilft bewusst da gegenzusteuern. Das kann ich nur sehr empfehlen.

Du hast nicht nur Original Unverpackt, sondern du hast auch mehrere andere Projekte…

Firmen.

Firmen.

Das musste ich mir auch angewöhnen. Das hat mich früher immer aufgeregt wenn Leute, bezüglich Original Unverpackt gesagt haben: „Ja, du hast ja grade so ein Projekt am Laufen“. Ich dachte mir: „Das ist kein Projekt. Ich habe 15 Mitarbeiter/Innen. Das ist eine fucking GmbH.“ Tagebuchschreiben ist ein Projekt. Es ist aber kein Projekt, eine Firma zu leiten.

Wenn du die Anfangsphase vergleichst, in der du alles selber gemacht hast, mit der jetzigen, in der du eher delegierst. Was ist schöner?

Das Zweite ist besser!  Das macht mehr Spaß, weil ich da nicht immer das gleiche mache, jeden Tag. Das langweilt mich. Und auch, weil ich nicht sehr sorgfältig bin. Wenn Leute bestimmte Aufgaben machen und ihre Hauptaufgabe im Onlinemarketing oder sonst wo liegt, dann machen sie ihre Aufgabe auch sorgfältig, weil die nichts anders machen.

Abschließend: du hast jungen Gründer/Innen bereits einen Tipp gegeben, wovor würdest du Gründer/Innen warnen, wovon würdest du abraten?

Gründe nicht, nur um zu gründen. Wenn ihr eine gute Idee habt, klar macht das, probiert es aus aber setzt nicht alles auf eine Karte! Macht es nur, wenn ihr merkt, da ist ein Markt dafür. Niemand braucht den x-ten Detox-Tee. Denkt wirtschaftlich und gesellschaftlich.

 

Bild: Birte Filmer

Interview: Maria Kustikova

 

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