Hängt Sexismus ab!

vor 1 Monat

Lange mussten Frauen nackt sein, um ins Museum zu kommen: als Akt Portrait. Die GUERRILLA GIRLS wollten sich das nicht bieten lassen – und das lange vor #metoo.

 Die Guerrilla Girls sind eine Institution. Lange vor #metoo machten sie auf den Sexismus im Kunstbetrieb aufmerksam. Bevor es soziale Medien und Hashtags gab, als es noch nicht dazu gehörte, öffentlich über Geschlechtergleichheit, sexuelle Belästigung und Übergriffe zu reden,zogen sie sich Gorillamasken über. Um sich zu schützen und auch, um mutiger zu sein. „Zieh Dir eine Maske über und schau, was plötzlich aus deinem Mund kommt, weil du nichts zu befürchten hast“, sagten sie.

Die beiden lassen sich leicht auseinanderhalten, weil sie unterschiedliche Brillen unter den Masken tragen. Türkis und rot, in auffälligen Formen. Kahlo und Kollwitz sind zwei der Gründungsmitglieder. Bis zu 55 aktive Mitglieder mit einem Background in der Kunst zählt die Gruppe.

Ihre Pseudonyme basieren auf verstorbenen Künstlerinnen um an sie erinnern. „Anonymität ist hilfreich, so können wir ein Symbol sein. In der Kunstwelt geht es sonst um individuelle Genies und individuellen Erfolg“, erklärt Kollwitz. Würden sie wieder zur Maske greifen, wenn sie heute neu beginnen würden? Sicher, doch gewiss zu einer anderen. „Nach einem Wookiee aus Star Wars zum Beispiel“, sagt Käthe Kollwitz mit fast kindlicher Freude. „Nach etwas ohne Gummi“, ergänzt Frida Kahlo, „es ist sehr heiß hier drunter.“ Man kann es sich vorstellen. Völlig anonym sind Kahlo und Kollwitz nicht mehr. Man braucht nur die Wikipedia aufschlagen, um zu erfahren, wer sich hinter den Pseudonymen verbirgt. Oder nach einer Pressekonferenz oder einem Opening noch etwas herumstehen.

Wenn sie die Masken abnehmen, tragen sie die Brillen nämlich immer noch. Dann sind sie fast zu leicht zu identifizieren. Um die Gorillamasken hat sich ein Mythos gebildet. Vielleicht, weil das Bild des kräftigen Menschenaffen ein wenig zu gut passt. Ein Mitglied mit einer Rechtschreibschwäche hatte statt „Guerrilla“ das Wort „Gorilla“ notiert. Ende der Geschichte. So bekam ihre kämpferische Natur ein Gesicht, das Gefahr und Macht ausstrahlt.

Klar, trotz der Ernsthaftigkeit der Botschaft geht es bei ihnen nicht zwangsernsthaft zu. Sie sind girls, die harte Fakten und provokante Plakate mit Humor verbinden. „Müssen Frauen nackt sein, um in das Met Museum zu kommen?“  steht auf ihrem berühmtesten Plakat. Darunter notiert ist das Ergebnis einer Schniedelzählung im New Yorker Metropolitan Museum of Art: „Weniger als 5 Prozent der Künstler in Abteilungen für moderne Kunst sind Frauen, aber 85 Prozent der Akte sind weiblich.“ Seit den 80er-Jahren führen sie in Museen ihre „weenie counts“ (Schniedelzählungen) durch und drucken die Ergebnisse, also das Verhältnis von ausgestellten Künstlern zu Künstlerinnen, auf Plakate. Es sind Tweets des Pr.-Internet-Zeitalters. Heute hängen ihre Plakate im Rahmen einer ersten institutionellen Einzelausstellung in Deutschland in der Kestnergesellschaft in Hannover. Das zeigt, wie sehr es mittlerweile zum guten Ton gehört, offen die Benachteiligung von Künstlerinnen im Kunstbetrieb anzusprechen. Es erinnert auch daran, wie lange das gedauert hat. Nämlich gut 30 Jahre.

Der Feminismus ist im Mainstream angekommen. Plötzlich wird gefragt: Brauchen wir den Feminismus überhaupt noch? „Wir kämpfen für Menschenrechte.überall. Niemand ist frei, bis jeder frei ist“, antwortet Kahlo. Unter Trump müsse sowieso um alles gekämpft werden, besonders um die Menschenrechte. Sie spricht länger über die politische Situation in Amerika, es wühlt sie auf. Sie schließt kurz die Augen, wird ruhiger, endet mit den Worten:„Das Mantra der Leute, die Trump hassen, lautet: Herzinfarkt, Embolie, Schlaganfall. Herzinfarkt, Embolie, Schlaganfall.“

Ab und an werden die Guerrilla Girls gefragt, warum sie sich überhaupt auf die Kunst fokussieren? Die Antwort ist denkbar einfach. Als Künstlerinnen fühlten sie sich benachteiligt. Als sie sich 1985 formierten, ging das ganze Geld an weiße Männer. Und heute? Wie sieht das Ergebnis ihrer letzten Schniedelzählung im Metropolitan Museum aus? „Vier Prozent“, sagt Kahlo. Zuletzt haben sie vor einigen Jahren gezählt. Kollwitz klingt mehr amüsiert als entmutigt: „Dafür gibt es jetzt mehr nackte Männer. Vielleicht ist das der erste Schritt. Erst muss es mehr nackte Männer in der Kunst geben, bis es dann mehr Künstlerinnen gibt.“ Hoffentlich müssen wir darauf nicht noch mal 30 Jahre warten.

 

Text: Anika Meier

Bilder: Courtesy of GUERRILLAGIRLS.COM

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