Im Interview: Beate Oblau

vor 3 Wochen

Die Geschäftsführerin von Lamy über Handgeschriebenes im digitalen Zeitalter.

Frau Oblau, erinnern Sie sich an ihren ersten Füllfederhalter?

Natürlich, ich erinnere mich noch ganz genau. Als ich zur Schule ging, gab es im Klassenzimmer nur zwei Lager: Geha oder Pelikan. Ich habe mit einem Geha das Schreiben erlernt. Füller von Lamy gab es damals leider noch nicht, der LAMY Safari kam erst 1980 auf den Markt. Dafür hatte ich dann im Studium meinen ersten Lamy.

In Zeiten, in denen ein Großteil unseres Lebens online stattfindet, was macht da das Schreiben mit der Hand so besonders?

Digitale Technologien haben das Schreiben effizient gemacht. Wir tippen und verarbeiten Texte heute in einer Geschwindigkeit, die früher nicht denkbar gewesen wäre. Das Schreiben von Hand ist dadurch seltener, aber umso wertvoller geworden: analoge Entschleunigung sozusagen. Wer von Hand schreibt, nimmt sich Zeit, für sich selbst und für andere. Ein handgeschriebener Brief oder eine Karte wird deshalb auch als Zeichen hoher Wertschätzung wahrgenommen. Daneben ist auch der Aspekt der Individualität wichtig. Die Social-Media-Generation ist mehr denn je darauf bedacht, sich selbst Ausdruck zu verleihen. Dabei spielt die Handschrift eine wesentliche Rolle, denn sie ist hochgradig individuell – beinahe wie ein Fingerabdruck. Das erklärt z.B. den großen Erfolg des Lettering-Trends. Aber auch in der Persönlichkeitsentwicklung ist die Handschrift äußerst bedeutsam: Kinder lernen durch diese erstmals, ihrer Gedankenwelt Ausdruck zu verleihen. Heute weiß man außerdem, dass zwischen dem Schreibenlernen von Hand und der Entwicklung emotionaler, motorischer und intellektueller Fähigkeiten ein enger Zusammenhang besteht. Es gibt beispielsweise Studien, die belegen, dass durch das Zusammenspiel aus geistigen und motorischen Anforderungen die Merkfähigkeit und Sprachkompetenz signifikant steigt. Wir sollten die Handschrift als Kulturgut also auch im Zeitalter der Digitalisierung wertschätzen und pflegen.

In diesem Zusammenhang: Warum, denken Sie, bleiben Schreibgeräte auch zukünftig so wichtig?

Aus dem gleichen Grund, aus dem die Menschen auch gerne noch Armbanduhren tragen, obwohl sie die Uhrzeit auch von ihrem Smartphone ablesen könnten: Ein schön gestaltetes Design-Schreibgerät ist eben mehr als ein funktionales Objekt. Es ist eine Art Accessoire, das unsere Individualität unterstreicht und unseren Werten, unserer Persönlichkeit, unserem Lebensstil Ausdruck verleiht. Hinzu kommt die Relevanz von Handschrift, die meines Erachtens durch die Digitalisierung keineswegs ab-, sondern eher zunimmt. Das Schreiben von Hand wird zum Luxus.

Als deutsches Traditionshaus für Schreibgeräte eröffnete Lamy nun einen Concept Store in New York – warum gerade dieser Standort?

New York ist der nächste Schritt in der weltweiten Expansion von Lamy. Aktuell sind wir bereits in über 80 Ländern weltweit vertreten und haben gut 200 Mono-Brand-Stores eröffnet. Darunter in vielen asiatischen Metropolen wie Hong Kong, Shanghai, Peking, Tokio oder Kuala Lumpur. Nun widmen wir uns verstärkt den USA, wo wir Anfang 2018 unseren ersten Concept Store in San Francisco eröffnet haben. New York, insbesondere das Viertel SoHo, wo sich der neue Lamy-Store befindet, war für uns aufgrund seiner Nähe zum Zeitgeist sowie zur kreativen Szene von besonderem Interesse.

Was ist das Besondere an dem Store?

Der Concept Store befindet sich auf dem West Broadway, in einem Gebäude aus dem Jahr 1910. Reizvoll ist der Stilmix, der sich aus der traditioneller Brickwall-Architektur und dem modernen Interieur ergibt. Das Interior Design hat unser japanischer Architekt für uns entwickelt. Wie die Produkte von Lamy ist es sehr reduziert, sehr klar und geradlinig. Die Bespielung des Raumes haben wir in Zusammenarbeit mit unserer Agentur Meiré und Meiré umgesetzt, unter anderem die Inszenierung des Schaufensters mit großformatigen Tintenmotiven, die sich über gesamte Fensterfront erstrecken. Zudem sind mehrere künstlerische Arbeiten des Illustrators Christoph Niemann im Store zu finden, unter anderem eine Wandillustration. Er hat außerdem für die seitliche Außenfassade ein anamorphes Mural entworfen. So ist es uns denke ich gelungen, im New Yorker Concept Store eine inspirierende Atmosphäre zu schaffen, was uns sehr wichtig war.

Wie kam die Zusammenarbeit mit Christoph Niemann zustande?

Mit Christoph Niemann haben wir bereits 2016 zusammengearbeitet, als wir die Ausstellung „Thinking Tools“ im Museum für Angewandte Kunst in Frankfurt initiiert haben. In der Ausstellung ging es um den Designprozess bei Lamy, aber – wie der Name besagt – auch um das Schreibgerät als „Denkwerkzeug“ und kreatives Ausdrucksmittel. Für „Thinking Tools“ hat Christoph Niemann damals unter anderem eine Reihe von Illustrationen entwickelt, in denen die zeichnerische Linie als Leitmotiv eine wichtige Rolle spielte. Die neuerliche Zusammenarbeit für den New Yorker Concept Store knüpft in vielerlei Hinsicht an dieses Leitmotiv an. Der Austausch mit kreativen Persönlichkeiten wie Christoph Niemann ist für uns sehr wertvoll, weil er dabei hilft, uns als Marke neu und anders wahrzunehmen, neue Visionen zu entwickeln.

Was sind die Parallelen seiner Ästhetik zu der von Lamy?

Eine „markenopportune“ Ästhetik war nicht das Kriterium bei der Zusammenarbeit, dennoch gibt es sicherlich Parallelen zwischen Christoph Niemanns Arbeit und der Designphilosophie von Lamy. Als Illustrator arbeitet er sehr präzise, seine Arbeiten sind sehr klar und pointiert. Da ist kein Strich zu viel. Oft entstehen sie aus einem sehr langen kreativen Prozess, in dem die Idee immer mehr auf ihren wesentlichen Kern reduziert wird. Ähnliches kann man von unseren Schreibgeräten sagen. Das Lamy- Design ist sehr geradlinig und konzentriert sich ebenfalls auf das Wesentliche: die Funktion.

Wie wird die Marke Lamy, die in Deutschland ja jeder kennt, in den USA wahrgenommen?

Lamy hat in den letzten Jahren einen starken Wandel durchlebt und wird heute nicht mehr „nur“ als Hersteller von Design-Schreibgeräten wahrgenommen, sondern vielmehr auch als Lifestyle-Marke. Das gilt umso mehr für unsere Auslandsmärkte, wo Lamy anders als bei uns nicht mit dem Umfeld Schule assoziiert wird. Gleichzeitig spielt die Fertigung in Deutschland eine wichtige Rolle, das ist in den USA nicht anders als in Asien. „Made in Germany“ ist nach wie vor ein starkes Signal für Qualität. Auch – vermeintlich typisch deutsche – Tugenden wie Präzision und technologische Exzellenz werden dort sehr geschätzt.

Muss sich eine Marke immer wieder neu erfinden um sich so lange an der Spitze zu halten?

Ja und nein. Identität ist extrem wichtig, gerade in der heutigen Zeit, die von vielen als unsicher und unbeständig empfunden wird. Marken, die für feste Werte, für Qualität und Stabilität stehen, vermitteln Sicherheit. Lamy steht und stand schon immer für hervorragend gestaltete Produkte, die eine zeitlose Modernität und Stilsicherheit haben, die hoch funktional und bestens verarbeitet sind – das ist ein wichtiges Versprechen angesichts des heutzutage oftmals überfordernden Warenangebots. Gleichzeitig fordert das digitale Zeitalter natürlich auch von einer Marke wie Lamy, dass sie sich weiterentwickelt. Die Kommunikation mit dem Kunden ist durch Social Media heute eine ganz andere. Auch die Möglichkeiten, sich über Produkte und Marken zu informieren sind weitaus vielfältiger als früher. Kunden hinterfragen mehr und sind im positiven Sinne kritischer geworden. Sie möchten wirklich wissen, wofür eine Marke steht und ob sie ihre Werte teilt. Darauf haben wir reagiert, wie etwa die bereits angesprochene Ausstellung „Thinking Tools“ zeigt oder auch unser neues Markenmagazin LAMY specs, das mit einer Augmented-Reality-App verknüpft ist. Mit den ersten drei Ausgaben konnten wir unseren Lesern schon sehr spannende, vielschichtige Einblicke in unsere Welt geben und haben tolles Feedback bekommen. Ich denke, die Marke LAMY ist auf einem sehr guten Weg in die Zukunft.

 

Interview: Pia Ahlert & Aylin Yavuz
Bilder: PR 

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