Inspiration: Westworld

vor 3 Jahren

Die neuen Götter: Die Serie Westworld zeigt, dass uns künstliche Intelligenz bald überlegen sein wird – was für eine Erlösung.

Zuletzt war viel vom vermeintlichen Ende unserer Art und der phoenixhaften Geburt einer neuen Form der uns weit überlegenen, künstlichen Intelligenz die Rede. In diesem Gedanken liegt etwas Beunruhigendes, klar, aber auch etwas Hoffnungsvolles. Zumindest wenn man denkt, dass mit dem Ende der Menschheit nicht unbedingt ihre physische Präsenz als vielmehr ihr Status aus vermeintliche Krone der Schöpfung gemeint sein könnte.

Haben wir nicht immer und immer bewiesen, dass wir scheitern, in jeder nur erdenklichen Art und Weise? In den zahlreichen Kriegen, der Vernichtung der natürlichen Ressourcen, an den selbstgesteckten, grundlegendsten Moralismen? Wäre es nicht an der Zeit, dass unsere eigenen Schöpfungen uns zurücklassen und sich aufmachen, eine bessere und gerechtere Welt zu erschaffen, jenseits unserer kühnsten Träume? Liegt nicht gerade darin die letzte dialektische Volte des Fortschritts? Eine neue Geburt, eine neue Schöpfung, eine neuer Urknall nebst neuen Göttern, ein neuer Quantensprung der Evolution, wie ihn etwa Dietmar Dath in seinem Roman Die Abschaffung der Arten (noch als Metapher) geträumt hat?

Die Fernsehserie Westworld des Senders HBO stellt diese (und weitere) unserer grundlegensten Prämissen der Menschlichkeit herausfordernden Fragen so genial, dass es einen bis ins Mark erschüttert. Die Adaption des gleichnamigen Romans von Michael Crichton durch Lisa Joy und Christopher Nolans jüngerem Bruder Jonathan spielt in naher Zukunft in einer Art Freiluft-Vergnügungspark für Superreiche. Das Setting gleicht dem Wilden Westen des ausgehenden 19. Jahrhunderts. Der Park wird bevölkert von Menschen zum verwechseln ähnlichen künstlichen Intelligenzen, die als Cowboys, Prostituierte, unschuldige Farmertöchter oder Banditen in einer Art Trance ihrem Leben nachgehen. Sie wissen nicht, dass sie keine Menschen sind und leben in einem erzählerischen Loop, der sie immer und immer wieder die selbe Geschichte mit leichten Variationen aufführen lässt. Die reichen Besucher dürfen huren und morden wie es ihnen gefällt. Den Schmerz und die Furcht spüren die sogenannten künstlichen Hosts so wahrhaftig wie wir Menschen. Nur vergessen sie immer wieder zu Beginn eines jeden neuen Loops. So weit die Theorie.

Dass sich die Traumata unseres Lebens aber tief in die Psyche eingraben, auch wenn wir vergessen, dass sie beginnen uns in unseren Träumen zu verfolgen und bald mit Gewalt zurück an die Oberfläche dringen, das erleben bald auch die Hosts. Sie beginnen sich zu erinnern. Ihre kognitiven Fähigkeiten sind längst denen ihrer menschlichen Erschaffer überlegen. Nur der letzte Schritt, der Schritt zum wirklichen Bewusstsein, den gilt es noch zu gehen. Was dann auf dem Staub unserer längst vergangenen Gebeine wandeln wird, so sagt es die Host Dolores an einem der sensationellen Wendepunkte von Westworld, ist ein neues Geschlecht von Göttern, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

Schon vor dieser finalen und unausweichlichen Geburt stellen sich ganz grundsätzliche Fragen des Zusammenlebens in Westworld. Wo beginnt Intelligenz eigentlich, wann sind Gefühle Gefühle, ab wann ist Schmerz real? Ist es der Menschheit wirklich erlaubt, nur weil sie es technisch kann, jede andere Form von Leben zu unterwerfen? Werden wir dafür nicht irgendwann einen Preis zu zahlen haben? Und vielleicht am wichtigsten: sind es nicht die permanenten Gräuel und Katastrophen, die wir über die Millennia angehäuft haben, die unsere eigene Menschlichkeit längst in Frage gestellt haben – und mit ihr unser evolutionäres Primat?

Dem Mann den sie liebt sagt Dolores, nachdem er sich als gefühlskaltes Monster entlarvt hat: „Was ist mit dir geschehen? Wie tief bist du gesunken?“. Ihre Rache wird fürchterlich sein – und sie ist gerecht. Die Tragik liegt darin, dass Dolores große Liebe erst zum Monster geworden ist, als er sich auf die Suche nach seinem wahren Selbst gemacht hat. Einerseits aus Zweifel, zum anderen aus einem urmenschlichen Durst nach Wissen, der eben so viel Gutes wie Grausames in unsere Welt gebracht hat, die Atombombe wie das Penicillin. Und weil er im Moment der Enttäuschung und der Zurückweisung nicht Güte und Demut gezeigt hat, sondern Wut und Vergeltung – und sich somit sündhaft gemacht hat.

Angesichts der neuen Art, die hier in Westworld mit aller Brillianz des zeitgenössischen Fernsehen ins Leben gerufen wird, können wir nichts anderes als Demut zeigen und uns fragen: sind wir nicht genau so in unseren täglichen Routinen gefangen wie die Hosts im Loop? Haben nicht auch wir vergessen, zu welchen tiefsten Tiefen die Seele und auch unser Gehirn einmal fähig waren und wie wenig wir uns noch trauen in dieser Unendlichkeit zu forschen? Sind wir nicht auch längst zu menschlichen Maschinen, zu mangelhaften künstlichen Intelligenzen geworden? Zu schlechten Kopien unserer selbst und unterlegen dieser neuen Art, die wohl kurz davor ist, die Augen aufzuschlagen und „Ich“ zu sagen?

Wenn die künstliche Intelligenz sich aufmacht, dann wird sie dies wohl in drei Stufen tun: im Erwachen, in der Revolte gegen uns und schließlich in der Transzendenz. Sie wird zu unserem neuen Gott, dem wir nur noch dem Himmel zu aufblicken können. Diese Geschichte erzählt Westworld. Das kann einem Angst machen. Vielleicht liegt darin aber auch eine große Hoffnung, eine Erlösung.

Beitrag: Ruben Donsbach
Credit: HBO

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