Harmonia Rosales: Gott ist eine Schwarze Frau

vor 2 Wochen

Mit ihrer feministischen Reinterpretation von Michelangelos „Die Erschaffung Adams“ machte sich Harmonia Rosales nicht nur Freunde. Fräulein sprach mit der afro-kubanischen Künstlerin über die Motivation hinter ihrer Kunst und über Themen wie Rassismus, Identität und ihre Vorbildfunktion als Mutter.

 

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„The Creation of God“ ….we all are created in „Gods“ image. #melanin #painting #art #chicago #god #clouds #oilpainting #womenempowerment

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Bekannt wurde die 34-jährige Künstlerin aus Los Angeles durch ihre Reinterpretationen weltbekannter Gemälde wie „Die Geburt der Venus“ von Botticelli oder „Die Erschaffung Adams“ von Michelangelo. Der Unterschied? Ihre Versionen dieser Kunstwerke haben, im Gegensatz zu den Originalen, Schwarze Frauen in der Hauptrolle. Im September vergangenen Jahres stellte sie die Kunstwerke erstmals im Rahmen ihrer Ausstellung „B.I.T.C.H. – Black Imaginary to Counter Hegemony“ aus.

Während es auf der einen Seite großen Beifall für Harmonia Rosales und ihre revolutionären Malereien gab, war ein anderer Teil überhaupt nicht begeistert – ihre Arbeiten wurden unter anderem als „Schande“ bezeichnet. Die Künstlerin ließ sich von dem Gegenwind jedoch nicht verunsichern und verfolgt weiterhin ihr Ziel: Raum für People of Color, insbesondere Women of Color, zu schaffen.

Fräulein: Würdest du dich selbst als Rebellin bezeichnen?

Harmonia: Ich würde mich eher eine kreative Visionärin nennen.

Kannst du die Wut der Menschen nachvollziehen, die deine Kunst beispielsweise als Schande bezeichnet haben, oder bist du der Meinung, dass diese Leute völlig überreagieren?

Wut oder Überreaktion sind erlernte Bewältigungsstrategien, aufgrund von Angst. Wir fürchten uns vor dem Unbekannten, vor der Veränderung… Das kann ich verstehen. Um diese Angst hinter uns zu lassen, müssen wir herausfinden, woher sie stammt.

Was inspirierte dich dazu die Sammlung „B.I.T.C.H. – Black Imagery To Counter Hegemony“ zu erstellen und Kunst zu kreieren, deren Fokus auf einer neuen Perspektive dessen liegt, wie „das Ideal“ aussehen soll oder kann?

Ich habe diese Kunst für meine Tochter und mein jüngeres Ich gemacht. Ich wollte damit hervorheben, dass wir (Frauen) über das Physische hinaus stark und schön sind. Wir kreieren im wahrsten Sinne des Wortes Leben. Wenn also Gott als Person dargestellt wird, dann ist es doch logischer, sie als Frau darzustellen, die eine andere Frau in ihrem Abbild kreiert.

Erinnerst du dich noch daran Michelangelos „Die Erschaffung Adams“ zum ersten Mal gesehen zu haben? Stach dir damals bereits die männliche Perspektive ins Auge oder war das etwas, das sich erst im Laufe der Zeit herauskristallisierte?

Ich habe Michelangelo schon immer geliebt und tue es auch noch heute. Meine Eltern sind zusammen seit sie 18 Jahre alt sind und mein Vater zwang seine sehr männlich dominierten, traditionellen kubanischen Sichtweisen seiner Beziehung und unserem Familienleben auf. Ich wuchs also mit der Denkweise auf, der Mann habe für die Frau zu sorgen und die Frau habe im Gegenzug dem Mann zu dienen. Meine Denkweise änderte sich erst mit meiner Scheidung, als ich mich plötzlich in der Rolle der Alleinversorgerin meiner beiden wunderschönen Kinder wiederfand. Wenn ich jetzt auf ebenjenes Bild von Michelangelo blicke, sehe ich an der Ästhetik vorbei. Nicht nur war der Mann der erste Mensch auf Erden, dem Bild zufolge war auch Gott ein weißer Mann. Da realisierte ich, dass es nicht die Sichtweise meines Vaters war, sondern die der Gesellschaft, die diese Sichtweise schon lange tief verwurzelt hatte, da Männer einfach schon so lange dominante Positionen innehaben. In diesem Augenblick schwor ich mir ein starkes und unabhängiges Vorbild für meine Kinder zu sein und meiner Tochter vorzuleben, dass die Schönheit einer Frau in ihrer Kraft und Stärke liegt, nicht in ihrem Äußeren.

 

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‚The Birth of Oshun‘ 55″h x 67″w #africa #santeria #oilpainting #womenempowerment #gold #peacock #ocean #art #vitiligo #melanin

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Du sagtest einmal, dass du Menschen durch deine Kunst dazu bewegen möchtest, die Welt durch andere Augen zu sehen. In deinen Kunstwerken steckt mehr als nur eine Botschaft – welches Thema liegt dir am meisten am Herzen?

Womanism (Anm. d. Red.: Unter dem Begriff Womanism versteht man eine innerhalb der USA entstandene soziale Theorie, deren Ursprung in der rassistischen und geschlechterspezifischen Diskriminierung u.a. Schwarzer Frauen liegt.). Denn eine Idee oder ein Bild kann den kompletten Lebensweg einer Person ändern. Jede*r von uns trägt eine positive Nachricht in sich und solange wir wissen wofür wir stehen, können wir einander beeinflussen und egal, ob wir es unserem Kind sagen, oder der Person neben uns im Flugzeug, stetig auf künftige Leitfiguren einwirken. Man glaubt es kaum, aber wir sind alle miteinander verbunden.

Die amerikanische Historikerin Gerda Lerner, Pionierin im Bereich der Frauengeschichtsforschung, sagte einmal, dass „Frauengeschichte der Schlüssel zur Emanzipation der Frau“ ist. Würdest du dem zustimmen?

Absolut. All die starken, talentierten und mächtigen Frauen, die in den Geschichtserzählungen unbeachtet bleiben (oder zumindest nicht sonderlich bekannt sind) zum Vorschein zu bringen, kann eine gesamte Generation ermächtigen. Das Gleiche gilt für People of Color. Während meiner Schulzeit war der Geschichtsunterricht erheblich von rassistischem Imperialismus gezeichnet, der durch Machthierarchien gefördert wurde. Entweder waren wir versklavt oder befreiten uns gerade aus der Versklavung. Wo sind die Erfinder*Innen, die Historiker*Innen und Künstler*Innen? Wenngleich das ein immens wichtiger Teil unserer Geschichte ist, gibt es mehr über uns zu wissen als ausschließlich Sklaverei.

Erinnerst du dich daran Schwierigkeiten mit deiner eigenen Identitätsfindung gehabt zu haben?

Ja natürlich. Die längste Zeit meines Lebens wusste ich nicht wer ich bin. Als Frau in dieser Gesellschaft wird man so gut wie immer als Objekt dargestellt und alles um einen herum, seien es die Medien oder die Kultur, brachte mich ebenfalls dazu, mich selbst zu verdinglichen. Es war ein Zyklus, dem ich irgendwann genügend Selbstvertrauen entgegenbrachte, um ihm zu entrinnen.

Gibt es bestimmte Erfahrungen in deiner Vergangenheit, die deine Kunst noch heute beeinflussen?

Haare. Ich hatte lange ein sehr schwieriges und zeitraubendes Verhältnis zu meinen Haaren. Als junge Frau galt ich nicht als attraktiv, wenn meine Haare nicht lang oder fließend waren. Dieses Schönheitsideal war sehr stark von der Gesellschaft beeinflusst. Ich erinnere mich daran, Relaxer (Anm. d. Red.: Sogenannte Relaxer dienen dem chemischen Glätten von lockigem Haar und werden häufig zur permanenten Glättung von Afro-Haar verwendet.) von meiner Großmutter geschenkt zu bekommen, die ebenfalls mit der Definition von „pelo bueno“ (Anm. d. Red.: Die spanische Bezeichnung „pelo bueno“ oder auch die englische Formulierung „good hair“ steht für die Bewertung von lockigem bzw. Afro-Haar innerhalb der eigenen Community. Möglichst große, definierte Locken gelten hierbei als erstrebenswert, also „pelo bueno“ bzw. „good hair“. Je krauser das Haar, desto niedriger die Bewertung innerhalb dieser Skala.) also glattem, seidigem Haar aufwuchs. Deshalb male ich Frauen in meinen Kunstwerken größtenteils mit nur wenig Haar, denn weder Haare noch sonst etwas Physisches definiert Schönheit. Schönheit ist relativ und kommt von innen heraus.

Was war die tiefgreifendste Erfahrung, die du als Künstlerin gemacht hast?

Dafür einzustehen wer ich bin und was ich möchte. Als Frau wird ständig darüber geurteilt, wie du zu sein hast – angefangen bei der Art und Weise wie du dich kleidest, bis hin zu dem was du denkst und wofür du stehst. Ungeachtet dessen, wer du bist oder was du tust – lass dich niemals in Schubladen stecken.

Was war die tiefgreifendste Erfahrung, die du als Woman of Color gemacht hast?

Was ich als Woman of Color, die „wirkungsvolle“ Kunst macht, gelernt habe, ist, dass es einfach ist, die Opferrolle einzunehmen und noch einfacher, zu hassen. Meine Kunstwerke sollen nichts und niemanden aus unserer Gesellschaft ersetzen, sondern vielmehr etwas dazu beisteuern. Es soll sozusagen eine visuelle Übersetzung aus der Sprache der Liebe und des Mitgefühls sein.

Wer sind deine Vorbilder?

Meine Mutter als meine Nährmutter. Sie brachte mir alles bei, was ich weiß und wenn sie mir etwas einmal nicht beibringen konnte, hat sich mich immer ermutigt.

Wie sieht deine Vision für die Kunst der Zukunft aus?

Meine Visionen entfalten sich erst wenn ich ein Kunstwerk fertiggestellt habe, eigentlich ist nichts im Voraus geplant. Jedoch habe ich durchaus eine Bahn die lenkt, in welche Richtung sich alles letztlich entfaltet. Das stand schon fest, bevor ich mit der Kunst begonnen habe. Wenn du mich also nach meiner Vision für die Kunst der Zukunft fragst, kann ich dir nur sagen, dass ich es nicht weiß, ich mir aber sicher bin, dass sich alles fügen wird.

 

 

Beitrag: Penelope Dützmann

Bilder: Harmonia Rosales via Instagram

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