May Ayim: Die Frau, die mir half zu mir selbst zu finden

vor 2 Monaten

„Grenzenlos und unverschämt“ heißt eines der Werke von May Ayim und beschreibt nicht zufällig auch ihren Kampf gegen Diskriminierung und um die Anerkennung Afro-Deutscher.

Geboren wurde die afro-deutsche Autorin, Poetin und Aktivistin in Hamburg, als Tochter eines Ghanaers und einer Deutschen. Ihre Mutter lehnte sie ab, ihr Vater durfte sie nicht mit nach Ghana nehmen und so wuchs May Ayim bei der weißen Pflegefamilie Opitz in Münster auf. May Ayim, die eigentlich Sylvia Brigitte Gertrud Opitz hieß, lebte ein Leben gezeichnet von der Frage der Zugehörigkeit.

Bereits während ihrer Kindheit spürte May Ayim sehr deutlich, nicht in ihr weißes Umfeld hineinzupassen. Als sie später ihre leibliche Familie in Ghana besuchte, musste sie erneut erfahren was es bedeutete, nicht dazuzugehören. Für die eine Seite war sie zu weiß, für die andere zu Schwarz.

"Mein Vaterland ist Ghana, meine Muttersprache deutsch, die Heimat trage ich in den Schuhen." - May Ayim

Bereits während ihrer Jugend verfasste May erste Texte, schrieb Liebesgedichte und Gedanken nieder. Im Rahmen ihres Pädagogikstudiums beschloss sie dann, sich auch auf wissenschaftlicher Ebene mit Rassismus zu befassen. Mit den Worten „Rassismus gibt es in Deutschland nicht“, wurde ihr Thema für die Diplomarbeit abgelehnt. May Ayim hielt an ihrer Überzeugung fest und veröffentlichte mit Mitte zwanzig schließlich, in Zusammenarbeit mit weiteren afro-deutschen Frauen, das Werk „Farbe bekennen“. Ein Buch, das sich erstmals mit Feminismus und afro-deutscher Geschichte beschäftigte.

Es war im Rahmen einer Podiumsdiskussion, als ich das erste Mal von May Ayim und dem Buch „Farbe bekennen“ erfuhr. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine Schwarze Person außerhalb meiner Generation wahrnahm, die, genau wie, ich deutsch war. Bisher kannte ich ältere Schwarze Menschen nur als Zugezogene. Menschen, die nicht hier geboren, sondern irgendwann im Laufe ihres Lebens nach Deutschland gekommen waren und eine Heimat außerhalb Deutschlands hatten. Einen Ort, eine Kultur, eine Geschichte, mit der sie sich identifizieren konnten. Etwas, wonach ich mich schon immer sehnte.

May Ayim war es, die so sanft und dennoch bestimmt in Worte fasste, was ich schon so lange fühlte. Und sie war es, die ihre, meine und die noch kommende Generation selbstbewusst machte und dafür sorgte, dass Afro-Deutsche wahrgenommen werden. Sie half mir dabei, meinen Platz und dadurch auch einen Teil meiner Identität zu finden. Wenn ich mich zurückhielt, war sie grenzenlos. Wenn ich vor Dingen zurückschreckte, war sie unverschämt. May Ayim gab mir Mut und ist deswegen meine Heldin.

Seit Anfang 30 litt May Ayim unter psychotischen Schüben. Als ihr wenig später Multiple Sklerose diagnostiziert wurde, setzte sie die ihr wegen Depressionen verschriebenen Psychopharmaka ab. Ihr Gesundheitszustand verschlechterte sich rapide und am Ende gab sie diesen Kampf auf – mit 36 Jahren entschied sie sich für den Freitod. Ihre Texte haben bis heute weder an Bedeutung noch an Aktualität verloren und so bleibt May Ayim auch über ihren Tod hinaus unvergessen.

ich werde trotzdem
afrikanisch
sein
auch wenn ihr
mich gerne
deutsch
haben wollt
und werde trotzdem
deutsch sein
auch wenn euch
meine schwärze
nicht paßt
ich werde
noch einen schritt weitergehen
bis an den äußersten rand
wo meine schwestern sind
wo meine brüder stehen
wo
unsere
FREIHEIT
beginnt
ich werde
noch einen schritt weitergehen und
noch einen schritt
weiter
und wiederkehren
wann
ich will
wenn
ich will
grenzenlos und unverschämt
bleiben

 

Grenzenlos und unverschämt (1997), May Ayim

 

 

Beitrag: Penelope Dützmann

Bild: Orlanda Verlag

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