MØ: „Eine Utopie wäre für mich ein Ort, an dem die Gesellschaft nicht mehr urteilt.“

vor 3 Wochen

Spätestens seit ihrem Hit „Lean On“ zusammen mit Major Lazer, der mittlerweile als einer der meist gestreamten Songs aller Zeiten gilt, ist MØ weltbekannt. Nun legt sie mit ihrem zweiten Album „Forever Neverland“ nach. Fräulein traf die sympathische Dänin zum Interview und erfuhr, was zu ihren größten Ängsten und Wünschen gehört.

Dein neues Album heißt „Forever Neverland“ und nimmt Bezug auf die fiktive Insel, auf der Peter Pan lebt. Dein Künstlername MØ bedeutet im Dänischen so viel wie „junge Frau“ – wie kommt es, dass du diese scheinbar zusammenhängenden Namen gewählt hast?

Ich glaube ich fühlte mich schon immer angezogen und inspiriert von Jugendlichkeit. Ich schätze es ist das Gefühl ultimativer Freiheit – man muss sich um nichts sorgen, da man noch keine Verantwortung wie Erwachsene trägt. Man kann einfach frei sein und für immer spielen. Egal ob als Kind, als Teenager oder in meinen Zwanzigern, das war schon immer sozusagen der heilige Gral – diese jugendliche Energie. Ich glaube das ist der Grund weshalb ich meinen Namen und den Albumtitel entsprechend wählte. Ich schätze das ist etwas worauf ich sehr fokussiert bin.

Hast du Angst vor dem Erwachsenwerden?

Ja, das habe ich. Genau genommen hatte ich schon immer Angst davor. Das ist also nichts was mich erst Ende meiner Zwanziger beschäftigte. Ich erinnere mich noch daran Angst davor gehabt zu haben, als ich ungefähr 10 Jahre alt war.

Imaginäre Liebe und das Leben in einer Blase sind zwei der Themen, die auf deinem Album sehr präsent sind. Sind das Themen denen du dich persönlich verbunden fühlst, oder sind es solche mit denen sich junge Menschen verbunden fühlen?

In dem Song „Imaginary Friend“ geht es eigentlich, obwohl er sehr nach einem Liebeslied klingt, eher um die Vorstellung von einem selbst in der Zukunft. Es ist also eher eine Art Liebeslied an das zukünftige oder imaginäre Ich. Auf dem Album gibt es einige Liebeslieder, aber bei denen geht es eher um die Auseinandersetzung damit, eine Beziehung zu führen während man ständig unterwegs und vielbeschäftigt ist. Wir sind alle so konzentriert auf uns selbst, auf unsere Karriere und unseren Social Media Account. Diese Generation ist einfach so narzisstisch – ich bin hiervon selbstverständlich nicht ausgenommen. Auch das hängt mit dem Leben in einer Blase zusammen. Ich für meinen Teil habe in den vergangenen vier Jahren definitiv in einer Blase gelebt. Aber auch viele Menschen, die ich kenne leben in Blasen.

Das könnte etwas sein, das mit unserer Generation zusammenhängt, oder? Die ganze Sache mit Social Media, sich anders darzustellen, als man in der Realität ist.

Zumindest legen wir einen Filter darüber. Und auch das ist etwas, das eine Rolle in meinem Album spielt: die verdrehte Realität.

In der aktuellen Fräulein-Ausgabe dreht sich alles um Utopien – wie sieht deine ganz persönliche Utopie aus?

Vor einigen Jahren hätte ich wahrscheinlich gesagt: „Eine Welt in der ich ewig 25 Jahre alt bleiben kann“. Aber das sage ich jetzt nicht mehr, denn es wäre doch eigentlich sehr traurig und schrecklich, für immer in der Zeit gefangen zu sein. Meiner Meinung nach ist das Schöne am Leben, dass es einen Anfang und ein Ende gibt. Es ist etwas Gutes in der Zeit voranzuschreiten. Eine Utopie wäre für mich mittlerweile viel mehr ein Ort, an dem die Gesellschaft nicht mehr urteilt. Ein Ort an dem alles völlig unabhängig von Alter, Kultur und so weiter ist, wo einfach alle gleichwertig sind. Das wäre eine verdammt gute Utopie für mich. Aber das wird auch in 100 Jahren nicht passieren.

Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht – was geschah denn, als du 25 Jahre alt warst? 

Das ist das komische daran: Es ist damals eigentlich nichts Außergewöhnliches passiert, ich war einfach der Meinung 25 sei ein gutes Alter. Zu dieser Zeit fühlte ich mich selbstbewusst genug, um nicht ständig verunsichert zu sein. Erstmals stand ich im Einklang mit mir selbst. Außerdem konnte ich die ganze Nacht durchmachen und trinken und mich am nächsten Tag trotzdem gut fühlen. Ich war einfach in guter Verfassung. Aber das ändert sich: Ab 27 geht es bergab. Ich bin immer noch schockiert über diese Erkenntnis.

Was ist dein Lieblingssong vom aktuellen Album und weshalb?

Das ist eine sehr schwierige Frage. Ich weiß, es klingt abgedroschen, weil immer alle sagen „Ich liebe alle meine Songs“, aber so ist es. Es sind meine Babies und ich habe zu jedem meiner Songs ein ganz besonderes Verhältnis. Aber es variiert auch, welcher Song mein Liebling ist – an dem einen Tag gebe ich dir jene, am nächsten Tag eine andere Antwort auf diese Frage. Heute ist es glaube ich „Trying To Be Good“ und „Blur“. Diese beiden sind meine Lieblingssongs. Ich mag aber auch „Red Wine“ sehr gern, der Song macht einfach Spaß. „Trying To Be Good“ habe ich beispielsweise selbst geschrieben. Das war letztes Jahr im Winter. Ich war krank zu Hause in Dänemark und musste wegen einer fiesen Erkältung sogar einige Konzerte absagen. Ich saß also im Haus meiner Eltern und fühlte mich so richtig scheiße. Dann begann ich diesen Song zu schreiben und es fühlte sich an wie eine Therapie, das tat so gut. Mir fiel ein Stein vom Herzen, es fühlte sich so pur an. Was ich an „Blur“ liebe, ist der Sound – eine Mischung aus Grunge und einer Art M.I.A. – eine sehr persönliche und melancholische Melodie. „Red Wine“ wiederum mag ich, weil der Song so schön frech ist, es geht einfach darum frei zu sein und Rotwein zu trinken. Ich habe den Song zusammen mit der Künstlerin Empress Off aufgenommen, ich liebe sie.

"Eine Utopie wäre für mich mittlerweile vielmehr ein Ort, an dem die Gesellschaft nicht mehr urteilt."

Wie ich gelesen habe, waren es die Spice Girls, die deine Liebe für Musik entfacht haben.

Das ist richtig, da war ich noch ganz jung. Sie waren die erste Band, von der ich ein richtiger Fan war, ich war besessen von ihnen und vergötterte sie förmlich. Es war das erste Mal, dass ich Musik hörte, mit der ich mich identifizieren konnte, es schien als würde sie zu mir sprechen. Und das war der Moment als mir bewusste wurde, dass ich ein Popstar werden wollte. Zu diesem Zeitpunkt fing ich an Musik zu schreiben. Ich komme weder aus einer Künstlerfamilie, noch gibt es in meiner Familie Musiker. Mein Großvater machte zwar Kunst, aber eher in seiner Freizeit. Ich hatte also keinen künstlerischen Hintergrund, auf den ich hätte aufbauen können. Ich habe einfach angefangen.

Später, während der Pubertät, warst du dann in der Punk-Szene.

Ja, in meinen Teenie-Jahren, als ich mich der Popmusik gänzlich abwandte. Ich muss circa 13 oder 14 Jahre alt gewesen sein. Von da an bis zum Start meiner Karriere spielte ich in Punkbands mit und war linke Aktivistin.

Mittlerweile bist du aber zur Pop-Musik zurückgekehrt…

Ja, zumindest sagen das alle. Ich muss aber auch sagen, dass ich Pop-Musik schon immer geliebt habe, auch damals während meiner Punk-Phase. Wenn ich damals einen Pop-Song im Auto hörte, war ich insgeheim ganz verzaubert, wollte das nur niemandem erzählen, da das peinlich gewesen wäre. Geliebt habe ich Pop-Musik aber schon immer. Wenn mich Leute danach fragen, ob von dieser Punk-Attitüde heute noch etwas übrig geblieben ist, kann ich nur antworten, dass diese 10 Jahre sehr wichtige und prägende Jahre in meinem Leben waren. Das ist etwas, das tief in mir verwurzelt ist. Es ist ein Teil von mir. Diese Haltung ist also da, unabhängig davon, ob man sie nun gerade hören kann, oder nicht. Zumindest sollte das so sein. Falls nicht, läuft etwas schief.

Wenn du keine Künstlerin geworden wärst, was würdest du stattdessen tun?

Musikerin zu werden war schon immer mein Traum. Ich besuchte dennoch eine Kunsthochschule. Zwar kreierte ich dort eher Installationen, vermutlich wäre ich aber trotzdem Künstlerin geworden. Immerhin ging ich fünf Jahre zur Kunsthochschule.

 

 

Beitrag: Penelope Dützmann

Bilder: PR

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